Arzt zieht weg

Apotheke in NRWs nördlichstem Dorf vor dem Aus

Düsseldorf - 11.04.2016, 11:00 Uhr

Die Lokalzeitung hatte bereits letztes Jahr von dem drohenden Aus für die Apotheke berichtet. (Foto: Screenshot / DAZ)

Die Lokalzeitung hatte bereits letztes Jahr von dem drohenden Aus für die Apotheke berichtet. (Foto: Screenshot / DAZ)


In Preußisch Ströhen gibt Apothekerin Birgit Borcherding zum 30. Juni ihre Apotheke auf. Ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht – auch weil der einzige Arzt des Dorfes wahrscheinlich bald wegziehen will. Ob eine Rezeptsammelstelle die Apotheke ersetzt, ist fraglich.

Rund 1930 Einwohner gibt es in Preußisch Ströhen, Nordrhein-Westfalens nördlichstem Dorf. Eine Apotheke und einen Arzt gibt es in dem Ortsteil der 15.700-Einwohner-Stadt Rahden im Kreis Minden-Lübbecke – und beides wird sich wahrscheinlich bald ändern. Denn der Mediziner Jens Gottfriedsen, der seine Hausarzt-Praxis in Preußisch Ströhen betreibt, plant in einem neu entstehenden Ärztehaus, rund zehn Kilometer entfernt im Zentrum der Stadt Rahden, eine Gemeinschaftspraxis zu beziehen. Für die Aue-Apotheke, die in Preußisch Ströhen direkt neben der bisherigen Praxis liegt, wird das wohl bereits vor dem Umzug das Aus bedeuten

Bislang kein Nachfolger in Sicht

Apothekerin Birgit Borcherding wird die Aue-Apotheke mit dem 30. Juni verlassen und eine Offizin im Kreis Paderborn übernehmen. „Ich habe bislang keinen Nachfolger gefunden“, sagt sie, der letzte von acht, die sich bei ihr auf eine Anzeige hin gemeldet hätten, hätte am Gründonnerstag abgesagt. Sie rechnet nicht mehr damit, weitere Kandidaten zu finden. Sollte sich nun bis zum 30. Juni niemand mehr finden, der im Besitz aller notwendigen Genehmigungen ist, wird die Aue-Apotheke so voraussichtlich ihre Pforten schließen müssen.

„Ich gehe nicht gerne, aber es gibt keine andere Möglichkeit“, sagt Borcherding, der der Ort und seine Bewohner natürlich auch ans Herz gewachsen sind. Aber als sie von den Plänen des Arztes erfahren habe, habe sie keine andere Möglichkeit gesehen. „Ohne Arzt kann die Apotheke nicht existieren“, sagt sie. Es fehle auch einfach an Medizinern, die solche Landpraxen übernehmen wollten.

Hätte Apotheke gerne als Filiale weiterbetrieben

Auch wenn sich die Pläne für das Ärztehaus zu verzögern scheinen – ursprünglich wollte der Arzt bereits Ende des Jahres nach Rahden umziehen – hat die Apothekerin bereits gehandelt. „Ich wollte nicht abwarten, bis ich vor vollendeten Tatsachen stehe“, sagt sie. Auch wenn Gottfriedsen nicht umziehen sollte, hat der Mediziner bereits angekündigt, spätestens in sieben Jahren aus Altersgründen seine Praxis zu schließen. Und die 53-Jährige müsse ja noch ein paar Jahre länger arbeiten.

„Ich hätte ja gerne die Aue-Apotheke als Filiale weiter betrieben und dann in der Umgebung eine andere Apotheke übernommen“, sagt Borcherding. Allerdings habe sich bei den vielen Angeboten an Apotheken, die sie sich in den letzten Monaten angesehen habe, keine in der Nähe befunden, die gute Voraussetzungen gehabt habe. „Da gab es einige, die wie die Aue-Apotheke sehr allein stehen und von nur einem oder zwei Ärzten abhängig sind, die alle schon nahe an der Rente seien.“ Der Mangel an Ärzten auf dem Land wirke sich so auf die Apotheken aus, sagt sie.

Da ihre neue Apotheke in Paderborn nun zu weit weg ist, müsse sie die Aue-Apotheke aufgeben. Derzeit trage sich die Apotheke zwar, aber ohne Arzt seien die Umsätze zu gering. „Im Moment könnte es noch eine schöne Einsteiger-Apotheke sein“, sagt sie. Die Menschen im Ort seien auch eine sehr angenehme Kundschaft. Viele Einwohner Preußisch Ströhens seien dazu bereits über 70, einige bereits über 80 Jahre alt.

Rezeptsammelstelle als Alternative ist fraglich

Das ist auch ein Grund dafür, warum die Ortsvorsteherin des Dorfes, Bianca Winkelmann, sich ebenfalls bemüht, einen Nachfolger für die Apotheke zu finden. Sie könnte sich allerdings auch eine Rezeptsammelstelle in Preußisch Ströhen vorstellen, sagte sie der Mindener Kreiszeitung. Da die Apothekenkammer allerdings die Arzneimittelversorgung durch die übrigen Apotheken im gesamten Stadtgebiet als gesichert ansieht, ist die Genehmigung dafür im Rahmen der Apothekenbetriebsordnung fraglich.

Mit der Aue-Apotheke gibt es in ganz Rahden derzeit noch sechs Apotheken. Eine davon soll in das neu entstehende Ärztehaus umziehen. Das könnte ein weiteres Apotheken-Sterben im Ort auslösen, hatte bereits im Juni 2015 der Lokalpolitiker Friedrich Schepsmeier (SPD) bei einer Sitzung des Rats gefürchtet, wie damals die Mindener Kreiszeitung berichtete. Baubeginn für das Ärztehaus soll nun wahrscheinlich im Sommer 2016 sein – es gibt aber noch Verzögerungen.


Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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