Erste Leaks vom Pharmadialog

Pharmaindustrie drohen Umsatzgrenzen

Berlin - 08.04.2016, 16:20 Uhr

Freudige Mienen zum Auftakt: Gesundheitsminister Hermann Gröhe eröffnete am 15. September 2015 den Pharmadialog. Links neben ihm Forschungsministerin Johanna Wanka. Rechts, mit leicht kritischem Blick, Dr. Hagen Pfundner, Vorstand Roche Deutschland und Vorsitzender des Verbands forschender Arzneimittelhersteller.  (Quelle: BMG / Schinkel)

Freudige Mienen zum Auftakt: Gesundheitsminister Hermann Gröhe eröffnete am 15. September 2015 den Pharmadialog. Links neben ihm Forschungsministerin Johanna Wanka. Rechts, mit leicht kritischem Blick, Dr. Hagen Pfundner, Vorstand Roche Deutschland und Vorsitzender des Verbands forschender Arzneimittelhersteller. (Quelle: BMG / Schinkel)


Am Dienstag will das Bundesgesundheitsministerium die Ergebnisse des Pharmadialogs bekannt geben. Nach Informationen von DAZ.online will das Ministerium insbesondere die Preise neuer Originalpräparate schneller senken. Eine Umsatzgrenze ist wahrscheinlich und in Sachen Preisvertraulichkeit könnte sich etwas tun.

Seit Monaten bespricht das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit mehreren Pharmaverbänden sowie Vertretern der Wissenschaft und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) die Zukunft der Arzneimittelversorgung. Eines der wichtigsten Themen ist die Arzneimittelpreisfindung bei neuen Arzneimitteln. Seit 2011 können Hersteller nur noch im ersten Jahr den Preis ihres Medikamentes frei festlegen. Danach gilt ein rabattierter Erstattungsbetrag, der auf Basis des Zusatznutzens des Medikaments zwischen dem jeweiligen Hersteller und dem GKV-Spitzenverband ausgehandelt wird.

Und genau dieses erste Jahr nach Marktzulassung stand zur Diskussion: Insbesondere die Krankenkassen haben sich über „Mondpreise“ für neue Präparate beschwert. Ein immer wieder zitiertes Beispiel war das Hepatitis-C-Präparat Sovaldi, das mehr als 600 Euro pro Pille kostete. Damit könnte nun bald Schluss sein: Dem Vernehmen nach will sich das BMG dafür einsetzen, dass es nach der Marktzulassung Umsatzgrenzen für Originalpräparate gibt.

So könnte der Mechanismus funktionieren: Das BMG legt ein bestimmtes Volumen fest. Sobald das jeweilige Unternehmen mit seinem Präparat die festgelegte Grenze überschreitet, greift ein Rabatt. Ist dieser Nachlass zum Zeitpunkt des Überschreitens noch nicht ausgehandelt, kann der Rabatt auch rückwirkend wirken.

Diese Kostendämpfungsmaßnahme käme durchaus überraschend. Zuletzt war vielmehr darüber spekuliert worden, dass sich das BMG für eine verkürzte Preisfreiheit stark machen wird. Dass also der rabattierte Erstattungsbetrag schon ab Monat sieben greift.

Erstattungspreis soll vertraulich werden

Auch in Sachen Vertraulichkeit der Arzneimittelpreise zeichnet sich eine Entscheidung ab. Nach Informationen von DAZ.online soll der zwischen Herstellern und dem GKV-Spitzenverband ausgehandelte Rabatt künftig vertraulich und unzugänglich behandelt werden. Damit würde das BMG einer älteren Forderung der Pharmaindustrie nachkommen: Die Unternehmen hatten schon während der Gesetzgebung des Arzneimittel-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) angemahnt, dass die niedrigeren Rabatt-Preise nicht nach außen dringen dürften.

Deutschland gilt in der Europäischen Union (EU) als Referenzpreisland mit relativ hohen Preisen. Weil sich die Unternehmen mit ihrer Vertraulichkeits-Forderung 2011 nicht durchsetzen konnten, gilt seitdem der günstigere Erstattungsbetrag als Referenzpreis. Die Hersteller befürchten, dass so das Preisniveau in der gesamten EU sinken könnte.

Ein zweiter wichtiger Punkt in dieser Sache sind die Schiedsstellenverfahren. Können sich Hersteller und GKV-Spitzenverband nicht über einen Preis einigen, soll eine Schiedsstelle einen Rabatt festlegen. Diese verwendet zur Preisberechnung unter anderem einen sogenannten Länderkorb, also eine Ansammlung an Arzneimittelpreisen aus mehreren Ländern. Sinkt in den anderen Ländern durch den oben beschriebenen Vorgang das Preisniveau, könnte also auch die Schiedsstelle zu niedrigeren Preisen kommen, so die Befürchtung der Pharmaindustrie.

Überraschungen für Apotheker 

Auch für Apotheker könnte der Pharmadialog noch einige Überraschungen mit sich bringen. Unter anderem soll darüber diskutiert worden sein, ob die Importquote noch nötig ist. Zum Stand der Gespräche über dieses Thema war vorab allerdings nichts zu erfahren. Ein weiterer wichtiger Punkt waren Generika-Rabattverträge. Bei den Gesprächen soll es dem Vernehmen nach immer wieder um Lieferengpässe gegangen sein, die aus Sicht der Industrie durch Rabattverträge entstanden seien. Spannend bleibt abzuwarten, ob das BMG hier tätig werden will.

Bis all diese Regelungen in Kraft treten, werden allerdings noch viele Monate vergehen. Am Pharmadialog waren weder die Bundestagsfraktionen noch die Opposition oder andere wichtige Verbände, wie beispielsweise die Krankenkassen beteiligt. Auch die Apotheker nahmen nicht teil. Daher kann es gut sein, dass Forderungen des BMG, die nach dem Pharmadialog festgelegt wurden, beispielsweise im Gespräch mit dem Koalitionspartner SPD abgeändert oder sogar gestrichen werden.


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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