Jardiance

Seltsame Wege von Boehringers Diabetes-Arznei

Stuttgart - 06.04.2016, 11:09 Uhr

Jardiance: Was ist los mit dem Diabetesmittel? (Foto: DAZ)

Jardiance: Was ist los mit dem Diabetesmittel? (Foto: DAZ)


Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim wundert sich über den Verbleib seines Diabetes-Arzneimittelmittels Jardiance. Offenbar landen nicht alle Chargen bei deutschen Apothekern. Der Verdacht: Ein Teil fließt wegen höherer Erträge ins Ausland.

Beim Diabetesmittel Empagliflozin (Jardiance) von Boehringer Ingelheim kommt es zu Versorgungsengpässen. Doch das kann eigentlich nicht sein. Denn Boehringer produziert das Präparat, das nach eigenen Angaben derzeit stark wachse, in ausreichenden Mengen für den deutschen Markt. Aktuelle Daten würden belegen, dass die von Boehringer gelieferten Volumina den tatsächlichen Bedarf hierzulande sogar überschreiten. Doch offenbar kommen diese nicht vollständig bei Apotheken und Patienten an. „Bei uns haben sich einzelne Apotheker gemeldet, die das Produkt nicht im Großhandel erhalten konnten“, teilte ein Boehringer-Sprecher auf Anfrage von DAZ.online mit.

Der Verdacht: Die Pharmagroßhändler vertreiben das Arzneimittel, welches hierzulande seit August 2014 zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen und durch eine positive Studie im Herbst vergangenen Jahres nochmals aufgewertet worden ist, nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Ausland. Der deutsche Konzern, der das Präparat gemeinsam mit dem Pharmakonzern Lilly vermarktet, hält sich mit Mutmaßungen zwar zurück, registriert aber Importanzeigen für das Produkt aus dem europäischen Ausland. 

Lukratives Auslandsgeschäft

Das Geschäft wäre für die Händler lukrativ, denn die Preise für Jardiance liegen im Ausland vielfach deutlich über denen in Deutschland – teilweise um 50 Prozent. So heißt es von Boehringer: „Bezogen auf die Erstattungspreise für Produkte, die nach Inkraftreten des AMNOG im Jahr 2011 verhandelt wurden, liegt der deutsche Erstattungspreis in 73 Prozent der Fälle unter dem europäischen Durchschnitt und in 34 Prozent der Fälle unter dem niedrigsten europäischen Preis.“

Die Pharmagroßhändler weisen den Verdacht, mit dem Mittel Geschäfte im Ausland zu machen, weit von sich. Alliance Healthcare Deutschland etwa sagt DAZ.online, man fühle sich nicht angesprochen und betont: „Wir pflegen ein gutes Verhältnis zu Boehringer.“ Und der Mannheimer Pharmahändler Phoenix teilte auf unsere Anfrage mit: „Wir beliefern ausschließlich deutsche öffentliche Apotheken mit Arzneimitteln; dies gilt entsprechend auch für Jardiance.“

(Grafik: dpa)

Neue Nutzenbewertung

Die Attraktivität, mit dem Diabetesmittel jenseits der deutschen Grenzen gute Geschäfte zu machen, könnte in Zukunft sogar noch zunehmen. Denn der seit Jahresanfang geltende Listenpreis von 43,03 Euro bis 117,77 Euro basiert noch auf früheren Preisverhandlungen. Mittlerweile veröffentlichte Boehringer im September 2015 Daten einer Studie, wonach Jardiance das einzige Diabetes-Mittel sei, das eine deutliche Reduzierung kardiovaskulärer Komplikationen zeige. Daraufhin stieß der Konzern für Jardiance kürzlich eine neue Nutzenbewertung nach den Amnog-Regularien an. Ende Februar 2017 sollte dann einer neuer Preis für das Mittel feststehen – und der sollte nochmal deutlich besser ausfallen, zeigt sich das Unternehmen zuversichtlich.

Preisdifferenzen zwischen Deutschland und dem europäischen Ausland wie bei Jardiance sind offenbar kein Einzelfall. So heißt es bei Boehringer: „Die Preise für Arzneimittel, die nach dem Amnog bewertet wurden, liegen in Deutschland vielfach unter dem europäischen Durchschnittsniveau. Seitdem das Amnog und die transparente Festsetzung der Preise in Kraft getreten sind passiert das immer öfter.“ Die Folge: Deutschland entwickelt sich im Pharmabereich immer mehr zu einem Exportland.  

SGLT2-Inhibitoren

EmpagliflozinDapagliflozin und Canagliflozin (in Deutschland nicht mehr verfügbar) sind orale Antidiabetika aus der Gruppe der SGLT2-Inhibitoren. Die „Gliflozine“ blockieren selektiv und kompetitiv den Natrium-Glucose-Cotransporter-2 (SGLT2), der für über 90 % der renalen Glucose-Reabsorption verantwortlich ist. Es kommt zu einer erhöhten Glucose- und Flüssigkeitsausscheidung. In der Folge sinken der Blutzuckerspiegel und der systolische Blutdruck. Außerdem verlieren die Patienten durch den erhöhten Glucoseverlust ans Gewicht. Da der Blutzucker Insulin-unabhängig gesenkt wird, wird der Einsatz der Gliflozine bei Typ-1-Diabetes diskutiert. SGLT“-Inhibitoren sind allein oder in Kombination mit anderen Antidiabetika zur Behandlung t Typ-2-Diabetes zugelassen.

Handelsnamen: Jardiance® (Empagliflozin), Forxiga® (Dapagliflozin); Xigduo (Kombination mit Metformin)

Direktvertrieb via Boehringer

Im Fall Jardiance ist der Ingelheimer Konzern mittlerweile selbst aktiv geworden. Boehringer bietet Apothekern seit vergangener Woche an, das Präparat direkt beim Unternehmen zu bestellen. Zwar stelle dies nicht den Standardvertriebsweg dar. Man wolle damit aber die kontinuierliche Versorgung der Patienten sicherstellen. Innerhalb von 48 Stunden, so Boehringer, sei das Arzneimittel auch auf diesem Wege in der Apotheke. 


Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Überlegungen zum Stellenwert: Wie groß ist der Nutzen, welche Risiken gibt es?

SGLT2-Inhibitoren zur Therapie des Typ-2-Diabetes

Neufassung der Zulassung genehmigt

Mit Empagliflozin Risiken reduzieren

Ketoazidose und schwere Harnwegsinfekte sind möglich

FDA-Warnung für SGLT2-Inhibitoren

Risiko für Zehen-Amputationen

Warnhinweis für Gliflozine

Erstmals positives Outcome für ein neues Antidiabetikum

Empagliflozin senkt das kardiovaskuläre Risiko

2 Kommentare

Jardiance

von Dr.DIEFENBACH am 06.04.2016 um 15:56 Uhr

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür wie die öffentlichen und möglicherweise auch klinische Apotheken zwischen merkantilen Interessen anderer "Partner"zerrieben werden.Die Ungereimtheit von Lieferungen und Nichtvorhandensein entwickelt sich MASSIV einzig zum Nachteil der Patienten und uns vor Ort,die wir das Problem ja lösen müssen.Wiederum die Frage:Wie lange guckt sich die ABDA diese Verwerfungen noch an.Nicht nur dass die Defekte weiterhin massiv sind,das Problem mit der Finanzierbarkeit der Hochpreiser kommt ja immer stärker dazu.WANN wird Herr Dr.Kern diese Sachverhalte der breiten Öffentlichkeit einmal präsentieren?Es kann nicht sein,dass auch in politischen Kreisen nach wie vor!!!! die Ansicht vertreten wird,wir hätten das höchste Preisgefüge in dem Verein EU.Der sich fast täglich durch neuen Schwachsinn bezüglich Erlässen und Verordnungswahn erfindet,um seine Existenz zu "sichern"Es ist darauf hinzuweisen,dass die Apotheken alle diese Zusatzleistungen (Fremdbestellung,Dispo,mehrfache Nachfragen,Extrakosten durch Einzelorder)nicht lange schultern können für weniger als sieben Euro.Es geht auch nicht an,dass Teile des Phagros tolle Geschäftsberichte abliefern,uns dafür Spritzuschläge berechnen(wo bleibt eigentlich die Absenkung bei zB Diesel für 97 Cent pro Liter?)Noch NIE hatte man als Werker das Gefühl so ausgenutzt zu werden wie augenblicklich.Und dann noch dieser DocMorris Klagenirrsinn.WO ist die GegenPR??

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Pressesprecher

von Stefan Siebert am 06.04.2016 um 17:24 Uhr

Sehr geehrter Herr Diefenbach,

das sie mit geballter Faust in Ihrer Apotheke stehen ist mehr als verständlich.
Wieso lassen wir uns diesen ganzen Müll eigentlich gefallen?
Ich plädiere nochmals dafür sämtliche kassenärztliche Rezepte
als Privatrezepte zu behandeln. Auf einen Schlag wären wir fast alle Sorgen los. Dann sollten alle noch in der Verbänden vertretene Apotheken ihre Mitgliedschaft kündigen, somit wäre die ABDA Geschichte.
Und ein Herr Kern, der als Pressesprecher das Motto vertritt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, könnte weiterhin den ganzen Tag in seinen Sessel pu....!

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.