Missstände in Kliniken

Ethikrat fordert Reform der Krankenhausversorgung

Berlin - 05.04.2016, 14:45 Uhr

Der Ethikrat diagnostiziert bei Klinikversorgung vielfachen Therapiebedarf. (Foto: sudok1 / Fotolia)

Der Ethikrat diagnostiziert bei Klinikversorgung vielfachen Therapiebedarf. (Foto: sudok1 / Fotolia)


Der Deutsche Ethikrat blickt sorgenvoll auf die Krankenhausversorgung in Deutschland: Der Spardruck sowie mangelnde Zeit und Kommunikation gingen zu Lasten des Patientenwohls. Das Beratungsgremium fordert umfassende Veränderungen.

Zu wenig Zeit zum Reden, hoher Kostendruck: Eine zu starke Ausrichtung am Umsatz statt am Patienten führt zu zahlreichen Missständen bei den knapp 2000 Krankenhäusern in Deutschland. Das ist der Tenor einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Stellungnahme des Deutschen Ethikrats, der die Politik in ethischen Fragen berät. Mit Blick auf das Patientenwohl gebe es „Anlass zur Sorge“. Der Rat forderte daher neue Weichenstellungen für die Kliniken. „Die Krankenhausversorgung befindet sich auf einem hohen Niveau, aber sie knirscht, weil sie unbalanciert ist“, sagte die Vorsitzende Christiane Woopen.

Den Krankenhäusern fehlt es laut Ethikrat an Planungssicherheit. Deshalb setzten sie oft alles daran, die Ausgaben zu drücken. Die Kliniken tendieren dem Rat zufolge dazu, gewinnbringende Behandlungen im Übermaß anzubieten. Lücken entstünden dagegen bei der Versorgung weniger lukrativer Patienten. Verbesserungen sind demnach vor allem nötig für ältere Patienten, Menschen mit mehreren Krankheiten, Demenzkranke, aber auch für Kinder. Behinderte würden oft unter Vortäuschung von Platzproblemen ganz abgewiesen, so Ratsmitglied Peter Radtke.

Zeit ist Mangelware 

Als Kernproblem sieht der Rat Kommunikationsprobleme an. Es gebe nicht nur mangelnde Hinwendung zum Patienten und oft zu wenig Aufklärung über Behandlungen und Alternativen, sagte Ratsmitglied Michael Wunder. Auch zu Fehlbehandlungen käme es durch zu wenig Kommunikation. Zeit sei Mangelware. Dem Pflegepersonal gehe dadurch oft Empathie verloren.

Das Beratungsgremium empfiehlt, die Krankenpflege durch Mindestquoten für Pflegekräfte zu verbessern. Die Krankenhäuser sollten die Behandlungen von Patienten mit mehreren Krankheiten angemessener abrechnen können, die Dokumentationspflichten müssten vereinfacht werden. Durch bessere Kommunikationsabläufe sollen den Patienten mehr Informationen zugänglich werden. Das soll sich laut den Experten auch in der Bezahlung der Kliniken niederschlagen.

Kritik an Fallpauschalen

Beim Finanzierungssystem setzt sich der Ethikrat in manchen Bereichen für grundlegende Änderungen ein: Das System der Fallpauschalen, über das Kliniken ihre Behandlungen abrechnen, hätte laut mehreren Studien den Konflikt zwischen Ökonomisierung und Selbstverständnis der Medizin „deutlich verschärft“. Fehlanreize zur vorzeitigen Verlegung oder Entlassung sollten laut Ethikrat minimiert werden. Außerdem sollten neue Vergütungsmodelle entwickelt werden, die nicht nur die Durchführung von Maßnahmen belohnen, sondern auch deren begründete Unterlassung – samt möglicherweiser verlängerten Beobachtung des Patienten.

Zur Sicherung der angemessenen Krankenhausversorgung von Kindern und Jugendlichen solle laut Ethikrat das Fallpauschalensystem für diese Altersgruppen angepasst werden, um die hohen Fixkosten in Kinderkliniken ausreichend zu finanzieren. Alternativ solle geprüft werden, die stationäre Kinder- und Jugendmedizin ganz aus dem System herauszunehmen.

Für die Psychiatrie und Psychosomatik empfiehlt das Gremium, das den Deutschen Bundestag berät, den Ausbau von auf einander abgestimmten stationären und ambulanten Angeboten. Auf Basis eines Eckpunktepapiers des Bundesgesundheitsministeriums solle ein neues Entgeltsystem entwickelt werden, das eine ausreichende Personalausstattung gewährleistet und eine individuell angepasste Behandlung ermöglicht.

Kliniken fordern mehr Geld fürs Personal

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) begrüßt in einer Reaktion auf die Empfehlungen des Ethikrats, dass dieser die zentrale Bedeutung der persönlichen Zuwendung hervorgehoben hat. Der Verband verwies auf die Ausweitung der Pflegestellen in Krankenhäusern beim Pflegepersonal und den Ärzten: Hier seien in den vergangenen Jahren Zehntausende zusätzliche Stellen geschaffen worden. Durch ein Programm der Koalition werde die Einstellung weiterer 6000 Pflegekräfte gefördert. 

Doch fordert die DKG mehr Geld für seine Mitglieder: Es müsse gewährleistet werden, dass Tarifsteigerungen - wie sie nun wieder anstehen - über die Vergütungsanpassungen refinanziert werden können, so die DKG. „Nur wenn das gewährleistet ist, wird der Rationalisierungsdruck vom Personal genommen“, sagte DKG-Präsident Thomas Reumann. 


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