Frauenärzte und die „Pille danach“

Ich würfel mir eine Statistik

Stuttgart - 22.03.2016, 17:09 Uhr

Apotheker sollen bei der „Pille danach“ nicht richtig beraten, sagt der Präsident des Frauenarztverbands - und argumentiert mit verwunderlichen Statistik-Aussagen. (Foto: henryn0580 / Fotolia)

Apotheker sollen bei der „Pille danach“ nicht richtig beraten, sagt der Präsident des Frauenarztverbands - und argumentiert mit verwunderlichen Statistik-Aussagen. (Foto: henryn0580 / Fotolia)


Verändert sich die Wirkung eines Arzneimittels, wenn es einen anderen Verschreibungsstatus bekommt? Bei der „Pille danach“ soll das laut den Frauenärzten so sein. Es könnte aber genauso gut an der Staatsverschuldung liegen, meint DAZ-Chefredakteur Benjamin Wessinger. 

Kann es wirklich sein, dass ein Arzneimittel durch den OTC-Switch – also die Entlassung aus der Verschreibungspflicht – an Wirksamkeit einbüßt? Bei der „Pille danach“ scheint das so zu sein: „Zwar würden durch die Rezeptfreiheit mehr Präparate zur Notfallverhütung nach ungeschütztem Sex verkauft. Aber der Anteil, der wirkungslos bleibe, sei nach der Statistik höher als vorher, sagte Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).  

Natürlich weiß auch Albring, dass die Wirkung eines Arzneistoffs nicht vom Status der Verschreibungspflicht abhängt. Schuld sind in seinen Augen die Apotheker: „Ganz offensichtlich werden wesentliche Beratungsinhalte in der Apotheke nicht mit der notwendigen Dringlichkeit vermittelt“. Sagte Albring zumindest der dpa. 

Eigentlich sinkt die Zahl der Abtreibungen

Das Problem an seiner Aussage: Es gibt überhaupt keine Statistik, die zeigen würde, dass die Wirksamkeit der Notfallkontrazeptiva abnimmt. In der dpa-Meldung nimmt Albring Bezug auf eine Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes (Destatis), die besagt, dass die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche gestiegen ist.

Zwar nicht im ganzen Jahr 2015 – hier setzt sich der Trend der seit Jahren sinkenden Zahl an Abtreibungen weiter fort. Auch nicht in der Zeit nach der Freigabe der „Pille danach“, die Anzahl liegt in jedem Quartal unter dem ersten Quartal, als die Notfallkontrazeptiva noch verschreibungspflichtig waren.  Aber im letzten Quartal 2015, da sind die Zahlen gestiegen – gegenüber dem 3. Quartal 2015 und auch gegenüber dem letzten Vierteljahr des Vorjahres. Ein gefundenes Fressen für Albring! 

Doch woran liegt dieser Anstieg? Gab es Ende vergangenen Jahres vielleicht mehr Frauen im gebärfähigen Alter? Waren die Schwangeren älter, was zu mehr Problemen in der Schwangerschaft führen könnte? Waren sie deutlich jünger und wollten deswegen noch kein Kind? Handelt es sich vielleicht einfach um normale statistische Schwankungen innerhalb eines Jahres? Oder….

Genauso gut könnte es sein, dass...

Alle diese Fragen lassen sich mit den von Destatis veröffentlichten Daten über die Schwangerschaftsabbrüche, auf die sich Albrich bezog, gar nicht beantworten. Es könnte also tatsächlich daran liegen, dass sich die Wirksamkeit der „Pille danach“ durch den OTC-Switch so verschlechtert hat, dass sie zwar doppelt so häufig abgegeben wird, aber insgesamt doch mehr Frauen ungewollt schwanger werden und abtreiben. 

 Nach der Logik der Frauenärzte könnte der Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche aber genauso gut am Rückgang der öffentlichen Schulden liegen. Diese sind im 4. Quartal 2015 nämlich gesunken, laut Destatis um rund 1,1 Prozent im Vergleich zum 4. Quartal 2014.


Dr. Benjamin Wessinger (wes), Apotheker / Herausgeber / Geschäftsführer
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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2 Kommentare

Reguläre Kontrazeption

von Jess am 24.03.2016 um 18:52 Uhr

Eine ungewollte Schwangerschaft ist auch evtl. Nicht nur im zusammenhang mit einer Notfallverhütung zusehen, da diese ja erst genommen werden sollte, wenn reguläre Verhütungsmethoden fehlerhaft angewendet wurden. Und die sind wenn s z.b. um orale kontrazeption geht immer noch verschreibungspflichtig und damit in der Hand und der Beratung der Gynäkologen. Wenn die gut und ausreichend wäre, müsste man die Pille danach vermutlich noch deutlich weniger abgeben. Somit haben es v.a. Gynäkologen in der Hand wie oft Pille danach gebraucht wird

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pille danach

von Peter Bauer am 22.03.2016 um 17:54 Uhr

In meiner Apotheke ist die Nachfrage nach der Pille danach seit dem OTC-Switch nicht angestiegen.Aber das Problem läßt sich ganz einfach lösen indem eben die Frauenärzte bundesweit einen Not-und Nachtdienst(15Km-Entfernung nicht vergessen!) einrichten für die Pille danach,denn was ich vorher erlebt habe mit ihren ärztlichen Kollegen anderer Fachrichtungen war gelinde gesagt katastrophal.Da war teilweise nicht mal mehr rudimentäres Wissen aus dem Studium zum Thema Pille danach und schon gar nicht zu deren Anwendung vorhanden.Diese Ärzte haben es dann auch der Apotheke überlassen eine Beratung zur Pille danach zu machen.Ich glaube die Patientinnen sind jetzt besser beraten als zu Zeiten der Rezeptpflicht,wenn sie nicht zum Frauenarzt wegen eines Rezepts gegangen sind.Das war mal ganz deutlich gesagt das ,was ich in der Praxis erlebt habe.

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