Statistik

Mit gesundem Menschenverstand gegen statistische Fallstricke

Berlin - 21.03.2016, 09:30 Uhr

Stimmt es wirklich? Viele Ergebnisse von Studien und Umfragen sollte man besser in Frage stellen. (Foto: DAZ.online)

Stimmt es wirklich? Viele Ergebnisse von Studien und Umfragen sollte man besser in Frage stellen. (Foto: DAZ.online)


Verhilft Schokolade zum Nobelpreis – und verursachen schwangere Frauen besonders viele Verkehrsunfälle? Viele Studien sind ihr Geld nicht wert, wie der Statistiker Björn Christensen auf seinem Vortrag auf der INTERPHARM zeigte. Aber oft hilft der gewöhnliche Menschenverstand, um falsche Ergebnisse zu hinterfragen.

Sei es die geringe Medizinerdichte im niedersächsischen Munster oder Teilzeitjobs, die Depressionen auslösen: Einfache Botschaften sind zwar attraktiv, aber kaum seriös. Bei vielen Studien und Umfragen werden einfache statistische Regeln missachtet und die Hintergründe nicht hinterfragt, wie der Statistiker Björn Christensen von der Fachhochschule Kiel auf seinem Festvortrag auf der INTERPHARM zeigte.

So stimmt es zwar, dass in Ländern mit höherem Schokoladenkonsum mehr Forscher den Nobelpreis bekommen. Doch liegt dies nicht an wundersamen Kräften in den Kakao-Bohnen: „Je höher das Pro-Kopf-Einkommen ist, desto höher ist auch der Schokoladenkonsum“, sagt Christensen. Durch den höheren Wohlstand und die gute wissenschaftlichen Infrastruktur gibt es in manchen Ländern besonders gute Forschung – und gleichzeitig können sich die Bürger mehr Schokolade leisten.

(Foto: Thomas Söllner / Fotolia)

Unfallrisiko Schwangerschaft

Ursache und Wirkung werden allgemein oft falsch eingeschätzt. Was steckt dahinter, als Medien meldeten, dass Schwangere mehr Verkehrsunfälle bauen? Eine großangelegte Studie in Kanada hatte untersucht, ob schwangere Autofahrerinnen häufiger in Notfallambulanzen behandelt werden, als die Durchschnittsbevölkerung. Tatsächlich war das der Fall. „Die Wissenschaftler begründen es damit, dass man in der Schwangerschaft stärker abgelenkt ist und sich vielleicht mit dem Kind oder der anstehenden Geburt beschäftigt“, so Christensen.

Dabei übersahen sie eine viel einfachere Erklärung, die wohl die richtige ist: Wahrscheinlich lassen sich schwangere Frauen einfach öfter untersuchen, ob ein Verkehrsunfall zu Verletzungen geführt hat – ohne dass es tatsächlich häufiger zum Crash kommt. „Die Studie hat sicher einen sechsstelligen Betrag gekostet“, sagt Christensen. „Da wundert man sich, was alles untersucht wird.“

Ähnlich war es, als Journalisten schrieben, dass es auf Sylt einen großen Arztüberschuss gäbe – während im Vergleich zur Bevölkerungszahl im niedersächsischen Munster ein großer Mangel herrsche. Auch hier hätte man die jeweilige Situation berücksichtigen müssen: „Auf Sylt gibt es besonders viele Menschen mit Zweitwohnsitz, die auch von einem Arzt versorgt werden wollen“, sagt der Statistiker – diese zählen jedoch nicht zur Bevölkerungszahl der Insel, wie auch nicht die Urlauber. In Munster hingegen ist ein großer Bundeswehrstandort, so dass dort viele Menschen gemeldet sind, die aber nicht auf niedergelassene Ärzte angewiesen sind.

Machen Teilzeitjobs wirklich krank?

Wenn der Zusammenhang zwischen zwei Größen untersucht wird, wird oft ein externer Einfluss übersehen, der laut Christensen entscheidend sein kann. Oder Ursache und Wirkung wurden verwechselt: „Bei der Schlagzeile ‚Teilzeitjobs machen Männer krank‘ kann es aber auch genau umgekehrt sein“, sagt der gelernte Volkswirt. Festgestellt wurde nämlich nur, dass Männer mit Teilzeitjobs häufiger psychisch erkranken. Die wahrscheinlichere Erklärung wird in den meisten Fällen sein, dass psychisch belastete Menschen weniger arbeiten – oder dass schwierige Lebensumstände sowohl zu Jobproblemen als auch zu Erkrankungen führen.

Auch vor scheinbar „repräsentativen“ Umfragen warnt Christensen: Wenn 1000 Bundesbürger zu einem Thema befragt werden, kann dies noch aussagekräftig sein. Doch wenn dann gesagt wird, dass die Bremer öfter fremdgehen als die Niedersachsen, wird die Statistik überreizt. Denn anteilig kommen nur acht Befragte aus Bremen. „Es ist klar: So darf man nicht vorgehen“, sagt er.

Die falschen Bauern antworten

Geschockt habe ihn auch eine als repräsentativ verkaufte Umfrage unter Viehzüchtern, nach der der Antibiotikaverbrauch anscheinend relativ gering sei. „Doch wie wurden die Landwirte konkret ausgewählt?“, fragte Christensen nach. Die Antwort: Die Bauern hatten freiwillig teilgenommen, so dass sich hauptsächlich jene meldeten, die verantwortungsvoll mit Antibiotika in der Tiermast umgehen. „Diese Studie hat sicher einen sechs- bis siebenstelligen Betrag gekostet“, sagt der Mathematiker.

Sehr problematisch sind natürlich auch Vorhersagen. Um dies zu veranschaulichen, bat Christensen das Publikum, sich vorübergehend in die Lage eines Truthahns zu versetzen. „Wenn ihr neuer Besitzer am ersten Morgen reinkommt, haben Sie Angst – aber er gibt Ihnen Futter.“ Der Truthahn wird denken, dass es sich um einen guten Besitzer handelt – auch am nächsten Tag, und am übernächsten. „Bis Thanksgiving kommt“, so Christensen. Auf ähnliche Weise hätten Banker auch wenige Tage vor dem Platzen der Immobilien-Blase in den USA gesagt, dass die Immobilienpreise in den USA nicht fallen würden – da sie es nicht kannten.

Viele Meldungen könne man mit einer gesunden Portion Skepsis hinterfragen, ohne Statistiker zu sein. „Man muss sich immer klarmachen, was die Annahmen sind“, sagt Christensen. Dann verlieren so einige Nachrichten ihre vermeintliche Brisanz. 


Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur DAZ.online
hfeldwisch@daz.online


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