PILLE danach

Frauenärzte kritisieren die Beratung der Apotheker

Berlin - 21.03.2016, 09:20 Uhr

Die „Pille danach" sorgt weiter für Diskussion. (Foto: sket)

Die „Pille danach" sorgt weiter für Diskussion. (Foto: sket)


Schlechte Verlierer: Apotheker würden Frauen über die Wirkung der „Pille danach“ nicht ausreichend aufklären, sagt der Präsident des Frauenärzteverbands am Wochenende. Diese Kritik ist nicht neu. Das Statistische Bundesamt hat hingegen gerade erst gemeldet, dass in 2015 weniger Schwangerschaftsabbrüche gemeldet wurden als im Jahr davor.

Frauenärzte haben den Apothekern erneut vorgeworfen, Frauen über die Wirkung der „Pille danach“ nicht ausreichend aufzuklären. Zwar würden durch die Rezeptfreiheit mehr Präparate zur Notfallverhütung nach ungeschütztem Sex verkauft. Aber der Anteil, der wirkungslos bleibt, sei nach der Statistik höher als vorher, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian Albring, der Deutschen Presse-Agentur.

Hintergrund ist, dass Mädchen und Frauen seit Mitte März 2015 die „Pille danach“ nicht mehr nur auf Rezept und nach einem Beratungsgespräch durch einen Arzt bekommen, sondern rezeptfrei in Apotheken kaufen können. Die Beratung sollen die Apotheker übernehmen.

Die Kritik erstaunt: Das Statistische Bundesamt hatte vor gut zehn Tagen berichtet, dass im vergangenen Jahr rund 99.200 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet worden seien, 0,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. 

Die Bundesapothekerkammer hatte bereits Mitte Februar berichtet, dass die Nachfrage nach der Neuregelung logischerweise gestiegen sei. Aber: „Die Apotheker beraten intensiv. Und wir haben bisher keinerlei Sicherheitsprobleme feststellen können.“

Frauenärzte schlechte Verlierer

Es ist nicht das erste Mal, dass Frauenärzte den Apothekern in Sachen „Pille danach“ mangelnde Beratung vorwerfen, im vergangenen Jahr gab es heftige Debatten. So kritisierte etwa Birgit Seelbach-Göbel, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die Beratung der Apotheker zur „Pille danach“. Diese würden häufig unnötigerweise die „Pille danach“ abgeben, da sie den Zyklusstand nicht abfragten. Das müsse aber in jeden Fall geschehen, da an bestimmten Tagen eine Schwangerschaft unmöglich sei, sagte sie gegenüber „Spiegel.online“.

In einem DAZ-Kommentar schrieb DAZ-Chefredakteurin Dr. Doris Uhl im vergangenen Juli: „Wäre es nach den Verbänden der Frauenärzte gegangen, dann wäre die Pille danach bis heute nicht rezeptfrei erhältlich. Doch sie haben im Ringen um die Rezeptpflicht den Kürzeren gezogen und zeigen sich jetzt als schlechte Verlierer." Seelbach-Göbel nehme die im Vergleich zum Vorjahr gestiegenen Verkaufszahlen zum Anlass, nachzutreten.

Fakt sei, schreibt Uhl, dass die Zahl der abgegebenen Notfallkontrazeptiva gestiegen ist. Aber sicher nicht, weil die Apotheker nicht fachgerecht beraten würden, sondern möglicherweise deshalb, weil zu Zeiten der Rezeptpflicht Ärzte die Frauen in Not mangels Zeit und Einfühlungsvermögen gleich ganz verschreckt oder aufgrund von Mythen nicht ausreichend versorgt haben. Aber auch das sind ebenso wilde Spekulationen wie die der Frau Seelbach-Göbel, schließt Doris Uhl ihren Kommentar: Man sollte wohl besser  ein paar Jahre abwarten und dann die Zahlen anschauen - und zwar nicht nur die der abgegebenen Notfallkontrazeptiva, sondern auch die der Abtreibungen. „Möglicherweise sieht dann die Welt ganz anders aus.“ 


dpa / DAZ.online
redaktion@daz.online


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6 Kommentare

Schlechte Beratung Einnahme völlig unnötig

von Doreen am 05.09.2016 um 16:19 Uhr

Auch ich wurde schlecht beraten bzw. gar nicht. Mir wurde die Pille danach verkauft, obwohl der Eisprung schon 14 Tage zurück lag. Also die Einnahme war völlig unsinnig, denn die Pille konnte gar nicht mehr wirken. Die Wirkungsweise wurde leider nicht vom Apotheker erklärt. Gerade in einer Extremsituation, und in dieser befindet sich eine Frau, wenn Sie die Pille danach in Erwägung zieht, ist man auf eine kompetente Beratung angewiesen, weil man keinen kühlen Kopf hat in so einer Situation, um die Wirkungsweise z.B. online selbst zu recherchieren. Für mich war im Nachhinein betrachtet der Verkauf sowie die Einnahme der Pille danach völlig überflüssig, da sie unter den gegebenen Umständen nicht wirken konnte. Mit den Nebenwirkungen muss man dann eben selbst ferig werden.

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Kritik der Frauenärzte

von Sven Larisch am 22.03.2016 um 10:21 Uhr

Gerne überlasse ich den Frauenärzten die Beratung der Frauen an Wochenden und Nachts im Notdienst sowie Mittwoch Nachmittag, Freitag Nachmittag, außerhalb der Öffnungszeiten der Praxen etc. Denn hier erfolgt, meiner Erfahrung nach, die häufigste Bitte nach der Pille danach.
Außerdem dokumentieren wir jede Beratung über den Leitfaden der BAK. Und die Beratung führt ja nicht immer zur Abgabe, sondern in einigen Fällen auch zum Verweis an den Frauenarzt. Ich persönlich kann diese Pauschalkritik nicht nachvollziehen. Gerne können die Frauenärzte sich den Beratungsleitfaden ansehen und Verbesserungen vorschlagen. Eine Kooperation im Sinne des Patienten sollte stattfinden.

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Beide Seiten haben recht!

von Gerhard Kreuter am 21.03.2016 um 22:51 Uhr

Es geht ums liebe Geld, die Ärzte neiden den Apothekern die "Apothekerpreise" und die Apotheker neiden den Ärzten ihre immer noch hohen Bezüge und finden, bei viel mehr Pillen den Wegfall der Rezeptpflicht.
Unabhängig davon sind die Nebenwirkungen der Pille so effizient, dass man im Zweifelsfall dreimal überlegt, sie nochmal nutzen zu müssen.
Die normale Pille, wie oft befürchtet, ersetzt die Pille danach nicht dauerhaft.

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An die eigene Nase fassen

von Sabine Ergezinger-Dettmeier am 21.03.2016 um 21:13 Uhr

Sich mit angeblich sicheren Tagen im Zyklus gegen Ende der Blutung hevortun zu wollen, an denen die geldgiergen Apotheker frech die Pille danach angeben, obwohl angeblich keine Schwangerschaft möglich sei, ist nicht nur unverschämt, sondern schlicht falsch.
Es zeugt davon, dass besagte Gynäkologin sich selbst offensichtlich nicht sicher mit dem Zyklusgeschehen auskennt.
Addiert man zum letzten Tag der Periodenblutung, die ja durchaus bis zu einer Woche dauern kann, die Lebensfähigkeit der Spermien (5 Tage), befindet man sich an Tag 13 des Zyklus. Durchaus eine kritische Phase und keineswegs ein sicherer Zeitpunkt, an dem man von der Pille danach abraten sollte.
Nach Leitlinie gibt es einen solch sicheren Zeitpunkt aufgrund möglicher Zykluschwankungen auch gar nicht.
Ebenso wurde mir kürzlich eine Frau in die Apotheke geschickt, der vom Gynäkologen nach einmaligem Vergessen eines Kombipräparates in der ersten Einnahmewoche die Pille danach angeraten wurde. Obwohl auch im ärtzlichen Beratungsleitfaden für diesen Fall die sofortige nachträgliche Einmahme des Kombipräparates + 1 Woche zusätzliche Verhütung mit Barrieremethode empfohlen wird. Was soll man dazu sagen?

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Frauenärzte kritisieren die Beratung der Apotheker

von Stefan Kürsch am 21.03.2016 um 10:00 Uhr

Die Freiverkäuflichkeit der Pille danach ist auf dem Mist "fürsorglicher?!?!?" Politikerinnen gewachsen und nicht auf dem der deutschen Apotheker. Ich persönlich fühle mich einerseits außerstande Menschen vor ihrer eigenen Dummheit zu schützen, andererseits über Sprachbarrieren hinweg verantwortungsbewusst zu beraten. Als Beispiel sei hier nur kurz ein russisches Pärchen welches gerne per Google Übersetzer auf Englisch beratenwerden wollte.
Die verehrte Frau Birgit Seelbach-Göbel kann sich ihre Kritik schön an den eigenen Hut stecken: wenn bei uns eine junge Patientin den Preis für die Pille danach erfährt ist sie im Allgemeinen schneller wieder mit einer kassenärztlichen Verordung vom im Hause ansässigen Gynäkologen zurück, als wir unsere Beratungsmappe ausgepackt haben. Stefan Kürsch

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Korrelation! Kausalität?

von Andreas P. Schenkel am 21.03.2016 um 1:09 Uhr

Das ist ja bisher nur eine interessante Korrelation, dass die Abgabe der Notfallkontrazeptiva nun meist direkt durch Apotheken durchgeführt wird und zugleich die Schwangerschaftsabbruch-Zahlen abgesenkt werden konnten. Aber einige wenige Gynäkologen-Fachgesellschaftsvorsitzende und -Vizevorsitzende sind, von den Gyn-Kollegen landesweit beneidet, offensichtlich wie durch ein Wunder in der Lage, eine anamnestisch ermittelte Blutung als entweder zyklisch oder azyklisch zuzuordnen und daraus auf den Zyklus zu schließen. Wer's glaubt, wird selig. Oder schwanger!

Etwas Kausales zum Schluss: Schwachfug, zum drölften Mal herausgekräht, wird weder irgendwann richtig noch irgendwie zur Wahrheit. Hier sollte es nicht um Revierneid gehen, sondern um die rasche und zweckmäßige Versorgung von Patientinnen in einer Notsituation und als vorbeugende Maßnahme zur immerhin vorstellbaren Reduzierung von Schwangerschafts-Abbruchzahlen! Oder wäre dies in manchen Fachgesellschaften unerwünscht? Kann ich mir echt nicht vorstellen.

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