Digitalisierung im Gesundheitswesen

Apotheker müssen die digitale Welle reiten

Berlin - 17.03.2016, 17:10 Uhr

Der bekannte Internet-Aktivist Sascha Lobo - hier im Jahr 2014 in Wien auf einer Konferenz zum Thema "Die digitale Illusion - Wie kaputt ist das Internet? Wie kaputt macht das Internet?" (Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com)

Der bekannte Internet-Aktivist Sascha Lobo - hier im Jahr 2014 in Wien auf einer Konferenz zum Thema "Die digitale Illusion - Wie kaputt ist das Internet? Wie kaputt macht das Internet?" (Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com)


Die digitale Transformation wird auch das Gesundheitssystem tiefgreifend ändern, sind sich Experten sicher. Die Apotheker seien gut beraten, sich den Herausforderungen zu stellen.

Gesundheit ist für den Internet-Aktivisten und Digital-Journalisten Sascha Lobo ein wesentlicher Bestandteil des „digitalen Lifestyles“. Er beobachtet eine zunehmende „Datenbegeisterung“ in der Bevölkerung – es gebe geradezu den Drang, Daten zu erheben und diese zu teilen. Die dadurch entstehenden Datenströme können zu ungeheuren Effizienzsteigerungen führen. Das Gesundheitswesen sei deshalb geradezu prädestiniert für diese Entwicklungen, wie Lobo am Mittwoch in Berlin auf der „Digitalkonferenz“ Vision.A sagte.

Problematisch an dieser Entwicklung ist jedoch, dass diese Datenströme zunehmend auch einen Machtfaktor darstellen. Dabei denkt Lobo nicht nur an Krankenversicherungen oder Arbeitgeber, die Interesse an Daten zu Vorerkrankungen oder gar zukünftigen Krankheitsrisiken von einzelnen Versicherten oder (potenziellen) Angestellten haben. Er ist überzeugt, dass Daten und die Software, die diese analysiert, selbst zu Arzneimitteln werden.

Algorithmen werden Teil des Therapeutikums

Unternehmen forschten bereits an Nanorobotern, die in der Blutbahn zirkulieren und gezielt beispielsweise Krebszellen vernichten können. Doch die Frage, welche Zelle entartet ist und entfernt werden soll, lässt sich nur mithilfe von riesigen Datenmengen und den entsprechenden Analyse-Algorithmen beantworten – die damit zu einem Teil des Therapeutikums werden.

Doch man muss gar nicht in die ferne Zukunft blicken. Schon heute locken erste Versicherungen mit niedrigeren Beiträgen, wenn die Versicherten der Erfassung bestimmter Gesundheitsdaten über sogenannte Wearables zustimmen. Diese mit Sensoren ausgestatteten, kleinen Geräte wie Armbänder oder Uhren erfassen verschiedenste Daten und funken sie an das Smartphone.

Dass viele Menschen solche Szenarien als bedrohlich empfinden, versteht Lobo: „Eine Mischung aus Furcht und Faszination ist etwas ganz normales, wenn man dem Fortschritt gegenübersteht.“ Ähnlich äußert sich die Gaggenauer Apothekerin Tatjana Zambo. Datensammlung und -analyse könne in vielen Fällen nützlich und bequem sein, meistens sei das auch völlig unschädlich – das ändere sich aber schlagartig wenn es um Krankheiten bzw. Risiken für eine Erkrankung gehe. Hier sei die Sensibilität gerade in Deutschland zu Recht hoch.

Längst Realität für Apotheken

Dass die Digitalisierung schon heute Realität auch für die Apotheken ist, betont Joss Hertle von Google Deutschland. Gesundheit spiele beispielsweise im Internet eine überragende Rolle. Alleine in Deutschland gebe es pro Jahr rund 5 Milliarden Suchanfragen nach Gesundheitsthemen. Die zunehmende mobile Nutzung des Internets auf Smartphones führt laut Hertle zu immer lokalen Suchanfragen („Wo ist die nächste …“). Schon heute gehöre „Apotheke“ zu den häufigsten lokalen Suchbegriffen überhaupt. Mobil werde vor allem nach den Apotheken-Notdiensten, -Öffnungszeiten und der nächstgelegenen Apotheke gesucht.

Keine Angst vor „Plattformen“

Experten wie Lobo oder Andreas Liedtke von der Unternehmensberatung A.T. Kearney sehen aber noch ganz andere Auswirkungen der Digitalisierung auf den Gesundheitsmarkt zukommen: „Plattformen“. Solche übergreifenden, horizontalen Geschäftsmodelle können den Zugang zu ganzen Märkten kontrollieren: Ähnlich ist es schon bei Firmen wie Amazon, die heute vorwiegend den Marktplatz für andere Verkäufer zur Verfügung stellen, oder Apple, das ein komplettes „Ökosystem“ aus Computern, Smartphones, Software, Apps oder Musik anbietet. Für Liedtke ist das zunehmende Interesse großer Technologie- und Lebensmittelunternehmen am Gesundheitsmarkt ein starkes Indiz dafür, dass die Entwicklung vor diesem Bereich nicht halten machen wird. Er erwartet, dass Konsumgüter- und Technologieunternehmen zusammen mit der „klassischen“ Gesundheits- und Pharmaindustrie versuchen werden, solche Plattformen und „digitale Ökosysteme“ zu bilden.

Für Kerstin Neumann ist das aber kein Schreckensszenario. Neumann, beim Vision.A-Veranstalter Apotheke adhoc für den Bereich Pharmazie zuständig, sieht die Apotheke gut gerüstet. Bei allen bisher bekannt gewordenen Konzepten für „digitale Ökosysteme“ im Gesundheitswesen sei der Apotheker weiterhin notwendig. Oft biete er den Patienten den einzigen Kontakt zu einem echten Menschen, beispielsweise wenn Algorithmen in einer App die Diagnosestellung und Therapieentscheidungen übernähmen. 


Dr. Benjamin Wessinger (wes), Apotheker / Herausgeber / Geschäftsführer
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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