Epidemie in Südamerika

Zika-Virus kann Guillain-Barré-Syndrom auslösen 

Papeete/Paris - 01.03.2016, 08:50 Uhr

Eine Mitarbeiterin des Gesundheitsministeriums in Peru untersucht Larven der Moskitoart Aedes aegypti, die Zika überträgt. (Foto: picture alliance / AA)

Eine Mitarbeiterin des Gesundheitsministeriums in Peru untersucht Larven der Moskitoart Aedes aegypti, die Zika überträgt. (Foto: picture alliance / AA)


Bisher war es nur ein Verdacht: Nun zeigt eine Studie klar, dass das Zika-Virus das lebensbedrohliche Guillain-Barré-Syndrom verursachen kann. Die betroffenen Länder müssten Krankenhäuser auf solche Patienten vorbereiten, mahnen die Forscher aus Frankreich.

Eine Studie aus Polynesien liefert den bisher klarsten Beleg dafür, dass das Zika-Virus das sogenannte Guillain-Barré-Syndrom (GBS) auslösen kann. Das Team um Arnaud Fontanet vom Pariser Institut Pasteur analysierte Blutproben von 42 Patienten aus Französisch-Polynesien, die vor etwa zwei Jahren während einer Zika-Epidemie die Autoimmun-Erkrankung entwickelt hatten. Bei allen fanden die Forscher Hinweise auf eine vorherige Zika-Infektion.

Das Syndrom verursacht lebensbedrohliche Lähmungen, oft gibt es Langzeitfolgen. Die von der aktuellen Zika-Epidemie betroffenen Länder sollten sich notfallmedizinisch auf eine Welle von GBS-Patienten in den kommenden Monaten einstellen, mahnen die Forscher im Fachblatt „The Lancet“. Eine Expertin der Deutschen Gesellschaft für Virologie sagt, mit dieser Studie sei die Verbindung mehr oder weniger gesichert.

Verbreitet die Zika-Epidemie in Südamerika auch das Syndrom?

Das Zika-Virus breitet sich seit Monaten rasant in Lateinamerika aus, besonders betroffen ist derzeit Brasilien. Der über Mücken verbreitete Erreger steht im Verdacht, bei ungeborenen Kindern Fehlbildungen des Kopfes zu verursachen. Zudem vermuteten Forscher, dass das Virus auch das seltene Guillain-Barré-Syndrom auslösen kann. Dabei greift das Immunsystem die schützende Myelinschicht um Nervenfasern an. Abgesehen von Verletzungen ist es die häufigste Ursache von Lähmungen. Rund 20 Prozent der Patienten behalten schwere Behinderungen zurück, rund 5 Prozent sterben an der Krankheit. Das Syndrom kann durch Infektionen ausgelöst werden, etwa mit Viren oder mit dem bakteriellen Durchfall-Erreger Campylobacter jejuni. 

Zwischen Herbst 2013 und Frühjahr 2014 kam es in Französisch-Polynesien zur bis dahin weltweit stärksten Zika-Epidemie, in deren Verlauf mehr als 32 000 Verdachtsfälle geprüft wurden. Während in den Vorjahren jeweils zwischen drei und zehn Menschen das Guillain-Barré-Syndrom entwickelten, stieg die Zahl der Diagnosen von November bis Februar auf 42.

Blutproben der Betroffenen wurden untersucht

Um einen Zusammenhang zu prüfen, untersuchten die Forscher nun Blutproben all jener GBS-Patienten. Alle hatten Antikörper, die das Zika-Virus neutralisieren. Zudem hatten 88 Prozent der Patienten im Krankenhaus von Zika-Symptomen wie Fieber, Gelenkschmerzen oder Bindehautentzündung berichtet. Diese traten im Mittel sechs Tage vor Beginn der neurologischen Beschwerden auf. 

In einer Kontrollgruppe gleichen Alters und Wohnorts, die sich wegen anderer Beschwerden in Krankenhäusern meldeten, lag der Anteil nur bei 56 Prozent. Zwar hatten auch 95 Prozent der GBS-Patienten Antikörper gegen das ebenfalls in der Region heimische Dengue-Virus, aber dieser Anteil war in der Kontrollgruppe ähnlich hoch. „Dies ist die erste Studie, die eine Zika-Infektion als Ursache für das Guillain-Barré-Syndrom belegt“, schreibt das Team. 24 von 100 000 Menschen, die sich mit dem Zika-Virus anstecken, entwickelten GBS, kalkulieren die Forscher. Damit würde die Infektion das Erkrankungsrisiko, das sonst pro Jahr bei 1 bis 4 von 100 000 Menschen liegt, deutlich steigern.

Erhöhte Fallzahlen werden befürchtet

„Als Folge dieser Verbindung könnten in den nächsten Monaten hohe Zahlen von GBS-Fällen auftreten“, sagt Fontanet. „Unsere Studienresultate stützen es, das Zika-Virus auf die Liste jener infektiösen Krankheitserreger aufzunehmen, die das Guillain-Barré-Syndrom verursachen können.“

Insgesamt verlief die Krankheit in Französisch-Polynesien etwas milder als gewöhnlich. 16 Patienten kamen auf die Intensivstation, zwölf mussten beatmet werden, keiner von ihnen starb. 24 Patienten konnten nach drei Monaten wieder selbstständig gehen.

Ein „starker Beleg“

In einem „Lancet“-Kommentar betont David Smith von der University of Western Australia, dies sei „der erste starke Beleg dafür, dass das Zika-Virus das Guillain-Barré-Syndrom verursachen kann“. Gleichwohl warnt er vor voreiligen Schlüssen: Man wisse nicht, ob das derzeit zirkulierende Zika-Virus identisch mit dem damaligen sei und ob es in Bevölkerungen anderer Weltregionen ähnliche Folgen habe.

„Bislang fehlte eine Studie, die den Zusammenhang zwischen Zika und GBS sauber belegte“, sagt Daniela Huzly vom Universitätsklinikum Freiburg, die nicht an der Untersuchung beteiligt war. Nun sei der Zusammenhang mehr oder weniger gesichert, allerdings müsse das Resultat noch in einer zweiten Studie bestätigt werden. Wichtig sei nun, dass die betroffenen Länder dafür sorgten, Menschen mit Guillain-Barré-Syndrom intensivmedizinisch behandeln zu können, insbesondere mit Beatmungsgeräten.


Walter Willems, dpa
redaktion@daz.online


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