Gemeinde in Baden-Württemberg Mit Versorgungsproblemen

DocMorris plant Tele-Apotheke in Hüffenhardt

Berlin - 26.02.2016, 13:30 Uhr

2014 präsentierte DocMorris seinen Live-Berater. Bald könnte er in alten Apothekenräumen zum Einsatz kommen. (Foto: DocMorris)

2014 präsentierte DocMorris seinen Live-Berater. Bald könnte er in alten Apothekenräumen zum Einsatz kommen. (Foto: DocMorris)


DocMorris kann es nicht lassen: Die niederländische Versandapotheke DocMorris plant in der baden-württembergischen Gemeinde Hüffenhardt eine neue Art der „Apotheke light“.  Ein digitaler pharmazeutischer Beratungsservice kombiniert mit einem Kommissionierautomaten soll hier Ersatz für die alte Brunnen-Apotheke bieten.

Die Gemeinde Hüffenhardt wusste es schon länger: Wenn „ihr“ Apotheker Reinhold Fuchs in den Ruhestand geht, sieht es kritisch aus mit der Arzneimittelversorgung Ort. Ein potenzieller Nachfolger war Fuchs schon abgesprungen, er selbst hatte sein Rentenalter schon überschritten. Der Bürgermeister der 2000-Einwohner-Germeinde, Walter Neff, machte sich 2014 selbst auf die Suche nach einem neuen Apotheker. Die Gemeinde hat immerhin auch noch einen Haus-, einen Zahn- und einen Tierarzt. Neff  wollte dem Nachfolger auch entgegenkommen, unter anderem die Miete senken. Auch DAZ.online berichtete im November 2014 über das Dorf, das einen Apotheker sucht.   

DocMorris wurde daraufhin auf Hüffenhardt aufmerksam und kam auf Neff zu. Die Versandapotheke machte der Gemeinde das Angebot, die Arzneimittelversorgung per Telepharmazie zu übernehmen. Jetzt verkündet DocMorris seine Pläne offiziell: In den Räumen der ehemaligen Brunnen-Apotheke soll „ein telepharmazeutischer Beratungsservice mit einer Abholfunktion für Arzneimittel“ eingerichtet werden. Ein Service, der bewusst auf die Akutversorgung ausgerichtet sei, betont der Versender. Im September wird es losgehen – so der Plan.

Welcome-Manager, Beratungskabine, Kommissionierer

Wie kann man sich das vorstellen? In den 110-Quadratmeter-Räumlichkeiten der früheren Apotheken wird es künftig einen Eingangs- und Wartebereich geben. Ein „Welcome-Manager“ – ein echter Mensch – soll den Kunden als Ansprechpartner bei der Nutzung des Telepharmazie-Services zur Verfügung stehen. Zudem gibt eine abgeschirmte Beratungskabine – zunächst tatsächlich nur eine, doch DocMorris sieht sich in der Lage, bei Bedarf kurzfristig aufzustocken. 

In der Beratungskabine können sich die Kunden dann mit einem Apotheker oder einer PTA des 90-köpfigen DocMorris-Beraterteams im niederländischen Heerlen in Verbindung setzen. Über ein Video-Terminal werden sie pharmazeutisch beraten – „ganz diskret und individuell“, verspricht die Apotheke. Im Anschluss kann der Kunde OTC-Präparate bestellen und ein Rezept einlösen. Vor Abgabe des Rx-Arzneimittels erfolge „die gesamte pharmazeutische Rezept-Prüfung, Beratung und Abgabe anhand des Originalrezeptes“, erläutert DocMorris gegenüber DAZ.online, auf die Frage, ob ein gescanntes Rezept reichen soll. Per Post schicken muss der Kunde die Verordnung jedenfalls nicht – es sei denn er möchte seine Bestellung nach Hause geliefert bekommen. Ein Kommissionierautomat wird bereit stehen und die Arzneimittelabgabe übernehmen. Das pharmazeutische Fachpersonal sorgt zuvor für die Freigabe. Der Abgabeautomat hat der Apotheke zufolge eine Kapazität von 8.000 Packungen, darunter auch ein Kühlmodul mit einem Fassungsvermögen von bis zu 500 Packungen. Bei der Auswahl des Sortiments habe man sich von den ortsansässigen Ärzten und Gesundheitsdienstleistern unterstützen lassen, so DocMorris. 

Ein Hoch auf den digitalen Fortschritt

Bürgermeister Neff ist begeistert: „Dank des digitalen Fortschritts können sich die Hüffenhardter zukünftig wieder von Angesicht zu Angesicht persönlichen Rat bei ihrem Apotheker holen und mit den wichtigsten Medikamenten sofort vor Ort versorgen“, zitiert ihn DocMorris in der Pressemitteilung. DAZ.online fragte nach, ob er nicht vielleicht auch an eine Rezeptsammelstelle gedacht habe. Doch so weit war er offenbar noch nicht – nachdem er das Angebot von DocMorris bekommen hatte, hat er nach solchen Alternativen nicht mehr Ausschau gehalten.

DocMorris selbst sieht sich mit dem Projekt auf der Höhe der Zeit: „Die Bundesregierung will im Rahmen ihrer digitalen Agenda die vorhandenen Potenziale im Gesundheitswesen erschließen. DocMorris zeigt bereits heute, wie E-Health-Anwendungen die Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen und -produkten in der Fläche sicherstellen können. Wir freuen uns daher sehr, dass wir mit der Gemeinde Hüffenhardt dieses zukunftsweisende Pilotprojekt umsetzen können“, sagt Max Müller, Chief Strategy Officer bei DocMorris.

Rechtlich fragwürdig

Dass das neue Modell auf rechtlich fragilen Füßen steht, nimmt man bei DocMorris offensichtlich bewusst in Kauf. Zwar heißt es aus Heerlen, DocMorris habe „die Rechtslage eingehend prüfen lassen“. Doch die „Apotheke-light-Variante“ dürfte den apotheken- und arzneimittelrechtlichen Vorgaben sowie der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kaum entsprechen. Bestehende Gesetze und ständige Rechtsprechung haben DocMorris allerdings noch nie davon abgehalten, publikumswirksam auf juristisch „kreative Lösungen“ zu setzen. Selbst Bußgelder in Millionenhöhe konnten den niederländischen Versender in der Vergangenheit nicht nachhaltig beeindrucken.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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4 Kommentare

Apotheke “Light“ = Betriebserlaubnis?

von Jensen Hsieh am 27.02.2016 um 21:12 Uhr

Selbst als Light-Apotheke bedarf es meiner Meinung einer (Re)vision zur Betriebserlaubnis. Ob das für uns hier in BaWü zuständige Rp diese gewähren wird, bezweifle ich. Wir haben hier (zum Glück) keine derartige Konstellation wie damals im Saarland...

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Apothekenterminal

von nelles am 27.02.2016 um 10:44 Uhr

Die Lösung mit der "digitalen Apotheke" hatten schon andere Apotheker ersonnen, aber es hatte rechtlich keinen Bestand.
Also wenn das hier erlaubt wird, kann ich nur sagen dass unsere Verbände vollkommen versagt haben, denn wir werden immer bei Neuerungen gebremmst besser ausgebremmst und bei DOC MORRIS soll jetzt alles durchgewunken werden. Das geht garnicht. Wir wollten in Rheinland-Pfalz im Notdienst mit Automat und Video-Konferrez-Schaltung moderne Lösungen testen für die Nachtdienste. Es wurde alles abgesagt und verboten.
Wenn jetzt DOC MORRIS etwas noch weitgehenderes erlaubt wird dann brennt mit die Sicherung durch und es passiert was unerwartetes.
Also geleichs Recht für alle sonst geht es nicht!!!

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Beratungsterminal

von Dr. Arnulf Diesel am 27.02.2016 um 9:51 Uhr

Ist es nicht so, daß die Benutzung eines Terminals ohne persönlich anwesenden Apotheker - z.B. im Notdienst - als nicht zulässig erklärt wurde, weil der Apotheker nicht VOR der Abgabe handschriftliche Ergänzungen / sein Namenszeichen aufbringen kann? Sollte das nicht mehr gelten, wäre wohl auch ein Kollege aus einer angrenzenden Gemeinde fähig gewesen, eine solch neuartige "Filiale" zu installieren. Aber der darf sich dann um weniger dringende Verordnungen (Rezepturen) kümmern.

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das Saarland und Herr Hecken..

von Christiane Patzelt am 26.02.2016 um 18:57 Uhr

..haben es uns vorgelebt! Unter dem Namen Doc Morris darf alles passieren! Dieser Konzern macht sich seine Gesetze selber, so war das im Saarland und so wird es auch hier kommen - und unsere Standesvertretung macht Ein dummes Gesicht und möchte ansonsten nicht weiter darüber reden...

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