Gesetzliche Krankenkassen

Millionen für das Marketing

Stuttgart - 15.02.2016, 10:05 Uhr

Der Nationalspieler Rune Dahmke jubelt über das Finalspiel, und auch der Sponsor AOK dürfte sich gefreut haben. Doch ist das Sponsoring auch im Sinne der Versicherten? (Foto: picture alliance / Christina Pahnke / sampics)

Der Nationalspieler Rune Dahmke jubelt über das Finalspiel, und auch der Sponsor AOK dürfte sich gefreut haben. Doch ist das Sponsoring auch im Sinne der Versicherten? (Foto: picture alliance / Christina Pahnke / sampics)


In einem sensationellen Spiel hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft die Europameisterschaft gewonnen. Einer ihrer Hauptsponsoren ist die AOK. Dürfen gesetzliche Krankenversicherungen in klammen Zeiten Gelder für Sponsoring ausgeben? 

Gesetzliche Krankenversicherungen klagen über hohe Kosten für Arzneimittel, Ärzte und Kliniken sowie über Kosten durch Reformen im Gesundheitswesen. Im pharmazeutischen Bereich erhöhten sich laut Berechnung des Deutschen Apothekerverbands (DAV) die Ausgaben für Pharmaka von 31,3 auf 32,9 Milliarden Euro – das sind plus fünf Prozent. Hochpreisige innovative Arzneimittel erwiesen sich als wichtige Kostentreiber. Allein für Präparate zur Hepatitis C-Therapie mussten Versicherungen im Jahr 2015 rund 700 Millionen Euro mehr aufwenden. Kein Wunder, dass zum Jahreswechsel zwei Drittel aller GKVen ihre Zusatzbeiträge erhöhen mussten. Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass Gelder für Marketingaktionen vergleichsweise locker sitzen. 

„Gebot der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit“

DAZ.online hat bei allen großen GKVen nachgefragt, welche Projekte mit welchen Summen gefördert werden. Die Techniker Krankenkasse (TK), der BKK-Dachverband oder der AOK-Bundesverband waren nicht bereit, Details zu nennen. Jörg Bodanowitz von der DAK-Gesundheit sagte, ein explizites Sportsponsoring werde nicht betrieben. „Wir unterstützen Breitensportveranstaltungen und -aktivitäten, die primär einen präventionsorientierten Ansatz verfolgen. In geringem Umfang treiben wir im Kontext von Sportveranstaltungen Werbung.“ Auch er gab keine Zahlen weiter. Gegenüber DAZ.online erklärt Tobias Schmidt vom Bundesversicherungsamt Bonn: „Die Krankenkassen sind nicht verpflichtet, die Höhe ihrer Ausgaben für allgemeine Werbemaßnahmen, zu denen auch Sponsoringaktionen zählen, zu veröffentlichen.“ Gleichzeitig verweist er bei allen Werbemaßnahmen auf den „Grundsatz der Wirtschaftlichkeit“.

Eine Konkretisierung erfolge durch die „Gemeinsamen Wettbewerbsgrundsätze der Aufsichtsbehörden der gesetzlichen Krankenversicherung vom 11. November 2015 (Wettbewerbsgrundsätze 2016)“. Im Dokument heißt es: „Bei den Ausgaben für allgemeine Werbemaßnahmen ist das Gebot der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit zu beachten. In der Regel ist dieser Grundsatz gewahrt, solange die jährlichen Ausgaben der einzelnen Krankenkasse für allgemeine Werbemaßnahmen – einschließlich der entsprechend auszuweisenden Verbandsbeitragsanteile – 0,15 Prozent der monatlichen Bezugsgröße gemäß § 18 SGB IV je Mitglied nicht überschreiten.“ Schmidt ergänzt: „Auf das Jahr 2016 bezogen ergibt sich aus Randziffer 17 der Wettbewerbsgrundsätze ein angemessener Wert für Werbeausgaben in Höhe von 4,36 Euro pro Mitglied und Jahr.“ Diese Faustformel führt beispielhaft zu folgenden Zahlen:

Krankenkasse Stand Zahl der Mitglieder Maximal mögliches Werbebudget
AOK Jahresdurchschnitt 2014   Rund 80 Millionen Euro
BARMER GEK 01.04.2015 6.716.376 Rund 29 Millionen Euro
BKK Mobil Oil* 01.04.2015 744.205 Rund 3,2 Millionen Euro
IKK classic* 01.11.2015 2.631.900 Rund 11,3 Millionen Euro
KKH Kaufmännische Krankenkasse 01.01.2016 1.370.730 Rund 5,7 Millionen Euro
Techniker Krankenkasse 01.01.2016 7.100.000 Rund 31 Millionen Euro

 * Jeweils beispielhaft für andere BKKen oder IKKen

Mit entsprechenden Beträgen gelingt es, große Projekte zu stemmen. Einige Beispiele der letzten Monate. 

Brot und Spiele

Marketingexperten der AOK hatten einen guten Riecher, indem sie die Handball-Nationalmannschaft als Partner gewannen. Schätzungen der FAZ zufolge fließen pro Jahr 700.000 bis eine Million Euro allein für das Trikotsponsoring. Insider sprechen von einer erfolgsabhängigen Prämie, die sich eher am oberen Rand bewege. Kein Einzelfall: Die Hanseatische Krankenkasse (HEK) unterstützt den Hamburger SV seit 2015/16 bis voraussichtlich bis 2017/18 als „exklusiver Gesundheitspartner“. Vorstände der Techniker Krankenkasse haben sich für den FC St. Pauli entschieden. TK-Gelder fließen seit Anfang 2015 für mindestens dreieinhalb Jahre in den Norden.

Actimonda fühlt sich der Alemannia Aachen bis 2018 verbunden. Bei der IKK Classic setzt man auf Severin Freund als Werbegesicht. Genaue Summen nennt auch hier niemand. In anderen Branchen, die aus Marketingbudgets kein Geheimnis machen, fließen bei ähnlichen Konstellationen mittlere sechsstellige Beträge. Auch die Knappschaft legt nach. Seit Anfang 2015 steht Bernd Stromberg, fiktiver stellvertretender Leiter der Abteilung Schadensregulierung bei CAPITOL, im Fokus. Christoph Maria Herbst erscheint als Testimonial auf Plakaten und in TV-Spots. 

Reine Auslegungssache

Dass Krankenkassen derart massiv die Werbetrommel rühren, ist jedoch von oberster Stelle erwünscht. Der Gesetzgeber fordert von ihnen mehr Wettbewerb – nicht nur durch freiwillige Zusatzleistungen oder niedrigere Zusatzbeiträge. Marketing spielt eine zentrale Rolle. Das Bundesversicherungsamt fordert lediglich, Wettbewerb müsse bei Kassen „ihrem sozialen Auftrag angemessen sein“: Ein dehnbarer Begriff, wie die umstrittene „Stallwächterparty“ gezeigt hat. Knapp 19.000 Euro ließ die AOK Baden-Württemberg für ihre Präsenz beim Sommerevent in Baden-Württembergs Berliner Landesvertretung springen. Versicherte reagierten in Leserbriefen empört. Grund genug, jetzt verstärkt auf das Thema Handball zu setzen. 


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5 Kommentare

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von Orhon am 16.02.2016 um 12:09 Uhr

Ich habe kein böses oder Schimpfwort angewandt,daß ich evtl.Retaxausnützer in einem anderen gängigen Deutsch geschrieben habe,ist total richtig und auch , höflich!
Es ist schon eine Wahrheit,daß viele Kollegen/innen,die wissenschftlich unabhängig und zum Nutzen des Volkes arbeiten würden mit diesen Diktiermaßnamen der GKV wie
Genehmigungen,Rabatgesetze (all diese Schikane usw.usw). und unter Ausnützung dieser Fallen Retaxierung nicht mehr den Mut und die Freude haben in die Apotheke zurückzukommen.
Seid wann ist eine Wahrheit in der BRD im verständlichen Deutsch zu komentieren verboten.Wenn Sie auch unsere eigene Leute auf diese Art ungerecht bevormunden,dann ist dieser Apothekerberuf tatsächlich zum Sterben verurteilt.
Ich hoffe und wünsche,daß dieser Komentar willkürlich nicht
mehr beseitigt wird.Ich würde Ihnen empfehlen,bevor Sie einen guten Komentar ohne Schimpfworte löschen,selber z.B. Heute Nachrichten Show im ZDF anzuschauen.Da werden Sie genug gerechte evtl.zum Löschen geeignete Beleidigungen finden.
Barbaros Orhon.
LÖNINGEN

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Sponsoringvertrag mit dem DAV...

von Thorsten Dunckel am 16.02.2016 um 9:42 Uhr

...wenn auf dem normalen Weg keine Honorarerhöhung möglich ist. Ich "verdonnere" meine "Mädels" auch dazu Turnschuhe zu tragen und auf dem Kittel bzw. an den Schaufenstern ist auch noch Platz für GKV-Aufkleber.

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AW: ... und das Gebot, mit den anvertrauten Versichertengeldern sorgsam umzugehen??

von Doris Maria Krünägel-Schropp am 16.02.2016 um 9:22 Uhr

"Retaxschmarotzer" ist genau das richtige Wort für das Gebaren dieser Krankenkassen. Bei uns Apothekern kann man sich ja locker das für die Werbung rausgeschmissene Geld wieder reinholen. Ich "werbe" mittlerweile bei meinen Patienten dafür, darauf zu achten, welche Krankenkassen teure Sport-Events im TV sponsorn - und diese Krankenkassen dann zu meiden.

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