Trotz Warnung

"Wundermittel" MMS ist immer noch zu haben – auch in Apotheken

Stuttgart - 11.02.2016, 11:33 Uhr

MMS-Tropfen im online-Shop einer deutschen Versandapotheke (Bild: screenshot/DAZ)

MMS-Tropfen im online-Shop einer deutschen Versandapotheke (Bild: screenshot/DAZ)


Obwohl das BfArM in der Vergangenheit immer wieder vor dem von Heilpraktikern als Wundermittel propagierten „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) gewarnt hatte, fehlt  immer noch das Bewusstsein für die Gefährlichkeit der ätzenden Chemikalie – nicht nur bei den Käufern, sondern offensichtlich auch bei Fachleuten, wie Apothekern.  

Das Wundermittel „Miracle Mineral Supplement“, besser bekannt als MMS, wird seit einigen Jahren von selbsternannten Alternativmedizinern als Wundermittel angepriesen. Seine Befürworter sind äußerst aktiv. Viele sind Anhänger von MMS-Erfinder Jim Humble, einem Mann, der 25 Jahre bei Scientology war. Sie verbreiten seine Mär vom MMS-Wunder als einem Mittel, das angeblich alles heilen kann. Krebs, Aids, Demenz. Manche Jünger Humbles benutzen es sogar, um ihren Kindern drei Mal am Tag einen Einlauf mit der ätzenden Mischung zu verpassen.

Dabei fehlt für MMS nicht nur jeglicher Wirksamkeitsnachweis, das Mittel ist nicht als Arzneimittel zugelassen, dafür aber für die Anwendung am Menschen gefährlich.

MMS besteht aus einer Natriumchloritlösung 28 Prozent (MMS) oder Calciumhypochlorit 70 Prozent (MMS2), die zusammen mit einer zehnprozentigen Zitronensäurelösung zur Aktivierung des Zaubers in den Verkehr gebracht werden. Die Mischung reagiert zu ätzendem Chlordioxid, das eigentlich zur Trinkwasseraufbereitung  gedacht ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung informierte bereits 2012: "Chlordioxid weist stark oxidative Wirkungen auf und wirkt auf Haut und Schleimhaut je nach Konzentration reizend bis ätzend. Industriell wird dieser Stoff als Mittel zur Desinfektion sowie zum Bleichen, z. B. von Zellstoff und Textilien, verwendet."

Allerdings: Werden die Chemikalien mit der entsprechenden Gefahrstoffkennzeichnung in den Handel gebracht, ist das erstmal erlaubt. Kritisch wird es dann, wenn sie den Eindruck eines Heilmittels erwecken und somit sogenannte Präsentationsarzneimittel sind.

BfArM kann nur auf Antrag aktiv werden

Da BfArM hatte 2015 zwei Produkte der Firma Luxusline als solche eingestuft. Der Hersteller mache eindeutige Heilversprechen, gebe arzneiliche Zweckbestimmungen an, mache genaue Dosierungsangaben und weise auf die Möglichkeit starker ­Nebenwirkungen hin, war die Begründung der Behörde. Damit durften die beiden Produkte in Deutschland nicht mehr vertrieben werden.

Möglich war die Einstufung nur, weil das staatliche Gewerbeaufsichtsamt Hannover beim BfArM den Antrag stellte, über die Zulassungspflicht zu entscheiden (§ 21 Abs. 4 AMG). Ohne Anträge der für die Überwachung des Arzneimittelverkehrs zuständigen Landesbehörden sind dem BfArM die Hände gebunden. Es besteht derzeit keine Möglichkeit, den Vertrieb von MMS flächendeckend zu verbieten. Da die lokalen Behörden nicht überall ähnlich informiert handeln wie in Hannover, plädiert das BfArM für eine zentrale Zuständigkeit.

MMS auch in deutschen online-Apotheken

MMS-Produkte sind aber nicht nur in dubiosen Webshops zu haben, sondern tauchen auch in den Online-Shops deutscher Apotheken auf. 200 ml sind beispielsweise (siehe Foto) für 19,80 Euro zu haben. Die Gefahrstoffhinweise sind angegeben. Es findet sich kein Hinweis auf Indikation, Nebenwirkungen oder Einnahmehinweise von MMS,  es gibt keinen Hinweis, dass das Produkt der Wasseraufbereitung dient. Auf eine Mail-Anfrage zu Anwendung, Risiken und Nebenwirkungen gab es keine Rückmeldung.

Der verantwortliche Apotheker zeigte sich auf Nachfrage von DAZ.online erstaunt. Ihm sei gar nicht bewusst gewesen, dass MMS auch für andere Zwecke als zur Wasseraufbereitung genutzt werden kann, erzählt er. Er erinnerte sich aber, das muss er zugeben, dass es vor einiger Zeit ein Thema im Zusammenhang mit Wunderheilern gewesen sei. Er sagt, dass das zuständige Regierungspräsidium ihn wegen des Produkts in seinem Shop überraschend Ende Januar kontaktiert habe.

Der Apotheker berichtet weiter, dass er MMS aus dem Shop entfernen würde. Er wolle keinen Ärger. Zumal das Produkt ohnehin nicht nachgefragt wurde.


screenshot/DAZ

Und so kam es nun auch: MMS wurde aus dem Angebot des Shops entfernt (siehe Foto). Aber es bleibt ein Einzelfall: Solange sich die rechtliche Grundlage für Deutschland für gefährliche Wundermittel wie MMS-Produkte nicht ändert, bleibt es nationales Stückwerk, der Verbraucher ist dem Zufall ausgeliefert: MMS wird immer nur von Fall zu Fall aus dem Verkehr gezogen werden.

MMS-Produkte werden weiterhin vertrieben werden, sei es aus Profitgier, Überzeugung oder – wie im aktuellen Fall – Naivität. Die Wunderheiler- und Alternativmedizin-Szene wird diese gesetzlichen Unzulänglichkeiten und die regionalen Zuständigkeiten weiterhin für sich nutzen.  


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10 Kommentare

mms

von harald fetting am 16.10.2017 um 13:10 Uhr

alle die das mms verteufeln sind absolute doofbacken
die aber auch gar nichts verstanden haben oder sind der
pharmalobby hörig und plappern deren mist einfach nach !
ohne chemikalie mms dürfte kein menscvh in öffentliche
badeanstlten baden, selbst ein schluck wasser aus dem
schwimmbecken ist völlig ungefährlich ,eher heilsam .....
es gibt immer wieder bestimmte menschen die uns mündige bürger vorschreiben wollen was wir zu essen und trinken haben. in wahrheit geht es diesen menschen
nur ums geschäft .. leute lasst euch nicht verarschen !!!!

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MMS

von Christine Wölfinger am 31.08.2017 um 13:15 Uhr

"Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift sei" (Paracelsus, Theophrastus Bombastus von Hohenheim)
Das ist mit allem so, zu viel Zucker, zu viel Digitalis, zu viel ... macht krank oder wirkt tödlich. Ich werde es testen!

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Mms

von Wanda am 12.07.2017 um 22:02 Uhr

Frau Borsch, Ich bin erschüttert was Sie hier schreiben. Ich kenne mehrere Leute die mit MMS beste Erfahrung gemacht haben. Sie verteidigen nur die Blutsauger der BIG PHARMA.

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Ihr hab keine Ahnung

von Christian K am 28.01.2017 um 8:58 Uhr

Natürlich wird hier mal wieder alles schlecht geredet, denn an MMS verdient die Pharmaindustrie ja nichts.
Ich hatte in meiner Familie den Fall "Sie werden noch 3 Monate Leben" Er nam dann MMS.
Hups, der Krebs? Ja wo ist er denn hin?
Lächerlich dieser Bericht.

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MMS

von peter nitro am 07.07.2016 um 17:32 Uhr

Andreas Kalcker und Miriam Carasco füllen das Zeug in Alcala de Chivert in Spanien im Poligono Industrial ab und versenden es nach ganz Europa.
Leider interessiert sich keine Amtliche Stelle dafür.

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Chlordioxid

von Dr. Simon Juraschek am 11.02.2016 um 23:34 Uhr

Frau Borsch, was schreiben Sie hier für einen Unsinn ?!
"Die Mischung reagiert zu ätzendem Chlordioxid, das eigentlich zur Trinkwasseraufbereitung gedacht ist."
Sie sollten sich einmal mit der deutschen Approbationsordnung für Apotheker auseinandersetzen!
http://www.gesetze-im-internet.de/aappo/index.html

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AW: Chlordioxid

von Dr.-Ing. Storch am 31.03.2017 um 12:18 Uhr

Danke Herr Dr. Juraschek,
ehe jemand über die Gefährlichkeit von Chlordioxid falsche Meldungen verbreitet, sollte er sich über den Wirkstoff richtig informieren. Es ist nun einmal so, dass Chlordioxid in der Biozidverordnung für die Produkttypen PT2,3,4,5,11,12 zugelassen ist., also auch für die Desinfektion von Trinkwasser. Zahlreiche deutsche Wasserbetriebe benutzen Chlordioxid zur Wasserdesinfektion. Da ist nichts ätzend. Es kommt immer auf die Konzentration an, aber das muss man als Apotheker wissen.
MMS ist Natriumchlorit und kein Chlordioxid, auch das weiß nun schon fast jeder.
Für jede Chemikalie gibt es Sicherheitsdatenblätter, die einzuhalten sind.
Ich wünsche mir sehr, dass über den Wirkstoff Chlordioxid endlich einmal die vollständige Wahrheit beschrieben wird.

MMS ist "Chlorhühnchen"-Badewasser!

von Andreas P. Schenkel am 11.02.2016 um 13:02 Uhr

Wenn ein Patient, verführt durch unwissenschaftliche und sensationsheischende Werbung, die Anwendung von diesem "MMS" in Erwägung zieht und alle Versuche, naturwissenschaftlich dagegen zu argumentieren scheitern sollten, auch ein Verweis auf die BfR-Bewertung nicht zieht: Dann hilft nur, dem Patienten klar zu machen, dass exakt dieses Mittel zur Fabrikation der "Chlorhühnchen" benutzt wird.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: MMS ist "Chlorhühnchen"-

von João am 23.11.2016 um 13:04 Uhr

Richtig, die Chlorhühnchen, von denen öfter die Rede ist im Zusammenhang mit TTIP, sind in Wirklichkeit Chlordioxidhühnchen und deshalb völlig unproblematisch.

MMS oder MSM

von Dr. Mauz am 11.02.2016 um 11:54 Uhr

Wer klärt mal darüber auf, wie oft MMS und MSM (NEM) verwechselt wird? Kommt nach meiner Einschätzung fast noch häufiger vor.

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