Umstrittene Schirmherrschaft

Gesundheitssenatorin im Homöopathie-Widerspruch

Stuttgart - 12.02.2016, 09:45 Uhr

Wie wissenschaftlich sind Globuli? Die Bremer Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz unterstützt, ohne Position beziehen zu wollen. (Foto: Bilderbox)

Wie wissenschaftlich sind Globuli? Die Bremer Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz unterstützt, ohne Position beziehen zu wollen. (Foto: Bilderbox)


Die Bremer Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt ist Schirmherrin des Deutschen Homöopathie-Kongresses, der im Mai in dem Stadtstaat stattfinden soll. Kritiker haben eine Petition gestartet: Die Politikerin unterstütze Pseudomedizin, die immer wieder zu gravierenden gesundheitlichen Folgeschäden führe. Die Senatorin hat sich daraufhin distanziert. Etwas jedenfalls.

Wie soll eine Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz reagieren, wenn sie eine Anfrage bekommt, ob sie Schirmherrin des Deutschen Homöopathiekongresses sein möchte? Die Entscheidung von Eva Quante-Brandt (SPD) steht derzeit in der Kritik, denn sie hat zugesagt, die 165. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte zu unterstützen.

Die habilitierte Pädagogin äußerte in einem Grußwort auf der Homepage des Kongresses, dass sie als Gesundheitssenatorin großen Wert auf den Stellenwert einer Vielfalt von Methoden lege. „Eine qualifizierte Würdigung auch unkonventioneller Methoden halte ich für unabdingbar“, schreibt Quante-Brandt, die zusammen mit Bundesforschungsministerin Johanna Wanka auch den Vorsitz der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz innehat. Die kontinuierliche medizinische Weiterentwicklung sei weder ohne Schulmedizin noch ohne alternative Ansätze vorstellbar.

Therapieerfolge trotz Kritik

Homöopathie-Kritiker überzeugte weder die von ihr im Grußwort angegebenen „vielfach zu beobachtende(n) Therapieerfolge“ noch die laut Quante-Brandt nötige „kritische Begleitung der Homöopathie“: Sie starteten im Januar eine Petition, in der sie die Senatorin baten, die Schirmherrschaft abzulehnen. Patienten seien einem „Glaubenssystem“ und „Scheinmedizin“ ausgesetzt, die zum Beispiel bei Kindern oder ernsthaft Erkrankten zum Unterlassen einer adäquaten und indikationsgerechten Versorgung führen könne. Diese sei immer wieder mit „gravierenden gesundheitlichen Folgeschäden“ verbunden. Neben den ehemaligen Alternativmedizinern Edzard Ernst und Natalie Grams unterschrieben in den ersten zwei Wochen rund 350 Mitstreiter den Aufruf.

Während auf der Internetseite des Kongresses lange Zeit ein Hinweis die Schirmherrschaft Quante-Brandts verkündete, fehlte dieser Anfang dieser Woche. Ein Rückzug? 

Runter und rauf

„Senatorin Quante-Brandt wurde nicht von uns aufgrund einer Petition von der Startseite genommen“, schreibt ein Sprecher des Zentralvereins DAZ.online. An der Stelle stünde nun ein längerer Text, der den Kongress beschreibt. Doch dieser hat sich gegenüber der vorherigen Version mit Hinweis auf die Schirmherrschaft gar nicht verändert, wie ein Blick in das Web-Archiv zeigt.

Der Zentralverein reagierte sofort auf die Anfrage von DAZ.online und nahm die Senatorin wieder auf der Homepage auf – noch deutlich prominenter als zuvor.

(Screenshot)

Seit Mittwoch grüßt die Senatorin mit Foto auf der Startseite des Kongresses.

Die Bremer Stadtverwaltung bestätigte auf Nachfrage, dass – wie es bei Schirmherrschaften üblich sei – der gesamte Senat zugestimmt habe, dass die Senatorin diese Aufgabe übernimmt. Die Sprecherin zeigt sich angesichts der aktuellen Ergenisse und der Petition erstaunt. „Spannend, dass es sowas auch gibt“.

Laut Gesundheitssenatorin Quante-Brandt könne es auch Schirmherrschaften über Themen geben, die kontrovers diskutiert werden. Sie gab gegenüber DAZ.online keine inhaltlichen Gründe für ihre Entscheidung an, sondern berief sich auf die Tradition: Seit 2009 hätten üblicherweise die zuständigen Landesminister die Schirmherrschaften ders Homöopathie-Kongresses übernommen. 

Homöopathie in der Stadtentwicklung?

So hatte beispielsweise 2009 die damalige rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Malu Dreyer (SPD) diese Funktion inne, oder 2011 die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Die Grünen). 2010 war mit Karl-Heinz Daehre (CDU) der Minister für Landesentwicklung aus Sachsen-Anhalt Schirmherr. Laut seinem Grußwort waren die homöopathischen Ärzte damals daran interessiert, inwiefern sich ihre theoretischen, methodischen und praktischen Ansätze auf so komplexe Systeme wie die Stadt übertragen lassen. Doch kann die Homöopathie tatsächlich für Städte wie Menschen eine Entwicklungskraft darstellen

„Eine wissenschaftliche Bewertung der homöopathischen Methoden nimmt die Senatorin mit der Übernahme der Schirmherrschaft nicht vor“, schreibt die Bremer Pressestelle – obwohl sie ihnen im Grußwort „Therapieerfolge“ attestiert hatte. Nun heißt es sogar, dass es für Quante-Brandt klar sei, „dass die Anwendung homöopathischer Therapie nicht geschehen darf, wenn gleichzeitig eine angemessene schulmedizinische Versorgung unterlassen wird“, so die Pressestelle gegenüber DAZ.online.

Diese grundlegende Kritik nimmt der Homöopathie auch ihren Anspruch als echte Alternative. Das dürfte nicht im Sinne der homöopathischen Ärzte sein, die Quante-Brandt in Bremen begrüßt. Werden sie weiterhin unter ihrem Schirm stehen wollen? 

Welche Wirkungen hat die Homöopathie?

Auch eine andere Politikerin ist mit dem Kongress verbunden: Die ehemalige Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Dagmar Schipanski, wird die Eröffnungsrede halten. Seit Dezember 2015 ist sie Schirmherrin der Homöopathie-Stiftung des Zentralvereins. „Forscht an den Wirkprinzipien der Homöopathie!“, fordert die Physikerin ihre Forscher-Kollegen auf. Von 1996 bis 1998 war sie Vorsitzende des Wissenschaftsrates.

Laut der Sprecherin von Quante-Brandt geht die Senatorin davon aus, dass die Kritikpunkte der Petition im Rahmen des Kongresses diskutiert werden könnten – und verweist auf die angekündigten wissenschaftlichen Vorträge.

Aber werden homöopathische Mediziner in ihren Vorträgen zu Themen wie „Das Nichts in der Homöopathie – physikalisch erklärt“ oder „Evidence-based Medicine – ersetzt durch Cognition-based Medicine?“ tatsächlich ihr Tätigkeitsgebiet kritisch begleiten, wie es die Senatorin annimmt? Es bleibt spannend, ob sich die Hoffnungen der Gesundheitssenatorin auf den Kongress erfüllen werden.


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