EMA prüft Zulassungsantrag

Truvada noch dieses Jahr auch zur HIV-Prophylaxe?

Stuttgart - 03.02.2016, 11:25 Uhr

Die "Pille davor": Truvada könnte noch dieses Jahr zur Präexpositionsprophylaxe zugelassen werden.  (Foto: mbruxelle/Fotolia)

Die "Pille davor": Truvada könnte noch dieses Jahr zur Präexpositionsprophylaxe zugelassen werden. (Foto: mbruxelle/Fotolia)


Truvada könnte das erste antiretrovirale Arzneimittel werden, das in Europa  zur HIV-Präexpositionsprophylaxe zugelassen ist. Die Europäische Aufsichtsbehörde EMA prüft einen entsprechenden Antrag der Firma Gilead . Die Deutsche AIDS-Hilfe rechnet noch in diesem Jahr mit der Zulassungserweiterung.

Die Firma Gilead hat für ihr HIV-Arzneimittel Truvada die Zulassung zur prophylaktischen Einnahme, die sogenannte Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) bei der europäischen Aufsichtsbehörde EMA beantragt. Wird der Antrag genehmigt, wäre Truvada das erste antiretrovirale Arzneimittel in Europa, das in Kombination mit Safer Sex-Praktiken zur Reduktion des Risikos einer HIV-Infektion bei Erwachsenen indiziert ist. Zielgruppe sollen Nichtinfizierte mit einem hohen Risiko für eine HIV-Infektion sein, etwa Menschen in serodiskordanten Beziehungen. Bislang ist Truvada in Europa nur zur HIV-Behandlung indiziert.

In den USA ist Truvada bereits seit 2012 für diese Indikation zugelassen, in Kenia und in Südafrika seit 2015. In Frankreich ist das Präparat derzeit  auf Basis einer „Temporären Anwendungsempfehlung“ (Temporary recommendation for use) verfügbar. Die 2012 geschaffene Regelung dient der Überwachung des Off-label-Use von Arzneimitteln. Durch Patienten-Monitoring und Datensammlung soll sie zu Zulassungserweiterungen führen.

Tenofovir

Tenofovir gehört zur Gruppe der nukleotidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NtRTI) und ist gegen HIV-1 und Hepatitis B wirksam. Eingesetzt wird es in Form des Tenofovirdisoproxilfumarats. Das Prodrug Tenofovirdisoproxil wird nach Resorption zum Nukleotid-Analogon Tenofovir, das strukturell dem Adenosinmonophosphat ähnelt, umgewandelt. Es hat einen dualen Wirkmechanismus: Nach Phosphorylierung zum Tenofovirdiphosphat blockiert es für die Virusreplikation essentielle Enzyme, die reverse Transkriptase beim HI-Virus, die DNA-Polymerase beim Hepatitis-B-Virus. Zudem wird es statt des natürlichen Substrats in die DNA eingebaut und führt zum Kettenabbruch. Tenofovir wird gemeinsam mit anderen Wirkstoffen zur im Rahmen einer antiretroviralen Kombinationstherapie zu Behandlung einer HIV-Infektion und zur PrEP (derzeit noch Off-Label) sowie zur Hepatitis-B-Behandlung eingesetzt.

Handelsnamen: Viread® (in Kombination mit anderen Substanzen: Atripla®, Eviplera®, Stribild®, Truvada®)

Umstrittene Prophylaxe

Zwar hat sich die Einnahme von Truvada zur PrEP in Studien als effektiv erwiesen, sie ist aber dennoch umstritten. Ein Kritikpunkt ist der hohe Preis: 30 Tabletten kosten derzeit über 800 Euro. Eine Modellrechnung ergab allerdings, dass für das Vereinigte Königreich (UK) eine gezielte PrEP ab dem Jahr 2016 bei Männern, die Sex mit Männern haben, mit Truvada zum jetzigen Marktpreis kosteneffektiv sei.

Auch Bedenken, dass PrEP zu einem risikoreicheren Sexualverhalten führt, das den Nutzen außerhalb von klinischen Studien am Ende kompensieren könnte, konnten bislang nicht bestätigt werden. Ein weiteres Argument der Kritiker war die mangelnde Umsetzbarkeit im Alltag. Man ging nämlich anfangs davon aus, dass für einen wirksamen Schutz zwingend eine tägliche Einnahme notwendig ist. Aber auch das scheint nicht mehr unbedingt nötig zu sein. So gibt es zumindest Hinweise darauf, dass auch eine Einnahme bei Bedarf einen effektiven Schutz vor einer HIV-Infektion bietet.

Emtricitabin

Emtricitabin hemmt selektiv und kompetitiv die reverse Transkriptase von HIV-1 und -2, die virale RNA in DNA überschreibt. Ein Vorgang der für die Virus-Replikation von zentraler Bedeutung ist. Neben HIV ist Emtricitabin auch gegen Hepatitis-B wirksam. Emtricitabin, strukturell ein Cytidin-Analogon, gehört zur Klasse der nucleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren.(NRTI). Nach Phosphorylierung wird Emtricitabin-triphosphat anstatt des natürlichen Nukleotids als falscher Baustein in die DNA eingebaut. Es kommt zum Kettenabbruch und zu einer Blockade der Virusreplikation. Emtricitabin wird gemeinsam mit anderen Wirkstoffen im Rahmen einer antiretroviralen Kombinationstherapie zu Behandlung einer HIV-Infektion und zur PrEP (derzeit noch Off-Label) eingesetzt.

Handelsnamen: Emtriva® (in Kombination mit anderen Substanzen: Atripla®, Eviplera®, Stribild®, Truvada®)

WHO spricht sich für PrEP aus

Die WHO spricht sich in der Revision ihres 2013 herausgegebenen Leitfadens zur Anwendung antiretroviraler Arzneimittel zur Behandlung und Prophylaxe der HIV- Infektionen klar für eine Präexpositionsprophylaxe als Präventionsmöglichkeit aus. Das hat sie vergangenes  Jahr in Form einer „early-release guideline“ kundgetan, die komplette Revision soll 2016 erscheinen.

Daten aus klinischen Studien in verschiedensten Settings und Populationen zeigten, dass prophylaktisch Tenofovir (Truvada®) effektiv vor HIV-Infektionen schützt, heißt es in der Publikation. Die Kosteneffektivität könne allerdings  variabel sein, da sie vom Verhältnis zwischen Therapie- und Prophylaxekosten abhängt.

In Gruppen mit erheblichem Risiko erwartet die WHO aber, dass sich die Präexpositionsprophylaxe lohnt. Sie weist aber auch darauf hin, nicht nur die monetären Kosten in der Gesamtrechnung zu berücksichtigen. Sich nicht mit HIV zu infizieren und Kontrolle über das Ansteckungsrisiko zu haben, sei ein immaterieller Wert für die Menschen und die Gesellschaft, schreibt die WHO in ihrer Veröffentlichung.

Die Deutsche AIDS-Hilfe sieht die PrEP als sinnvolle Ergänzung der erfolgreichen HIV-Prävention in Deutschland an. Die einfachste Möglichkeit, sich vor HIV zu schützen sei das Kondom, heißt es in einer Meldung, die PrEP könne aber helfen, noch mehr HIV-Infektionen zu verhindern als bisher.


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