Alternativmedizin

Homöopathiekritiker starten Informations-Netzwerk

Freiburg - 01.02.2016, 16:15 Uhr

Stein des Anstoßes: Homöopathische Mittel. (Foto: Ulrich Baumgarten / picture alliance )

Stein des Anstoßes: Homöopathische Mittel. (Foto: Ulrich Baumgarten / picture alliance )


Eine Initiative will in den nächsten Monaten ein Homöopathie-Netzwerk gründen und eine Informationskampagne starten, um kritische Einordnungen der Homöopathie zu bündeln. Geleitet wird es von der ehemaligen Alternativmedizinerin Natalie Grams. Sie will auch den Begriff „Pseudomedizin“ prägen – und sich für eine Änderung des Arzneimittelgesetzes einsetzen.

Als eine Gruppe von gut 30 Homöopathiekritikern am Sonntag zur Pressekonferenz nach Freiburg geladen hat, warteten auf die Journalisten weder Kulis, Imagebroschüren noch ein Buffet – sondern eine Packung  „Dubium C30 – enthält nur Zucker, kein Arzneimittel“. Bernd Harder, Pressesprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), zerstreute mögliche Hoffnungen auf Geschenke direkt und nutzte die Gelegenheit, auf das rein ehrenamtliche und pharmafreie Engagement hinzuweisen. Zwei Tage lang hatten sich Interessierte zuvor getroffen, um eine Strategie zum Umgang mit Globuli und Co zu entwickeln. Da die Alternativmedizin laut Harder bisher weitestgehend unbeobachtet vor sich hin arbeite, will die Gruppe der Homöopathiekritiker Widersprüche und leere Versprechen öffentlich machen. Und – als ein Ergebnis des Treffens – zukünftig nur noch von Pseudomedizin sprechen. 

„Wir wissen natürlich ganz genau, dass auch in der evidenzbasierten Medizin und in unserem Gesundheitssystem vieles im Argen liegt“, sagte er, „aber das macht Homöopathie nicht wirksamer“. Die Alternative könne nur bessere Medizin sein, keine Pseudomedizin. Die Gruppe will nun Informationen für Patienten aufbereiten, damit jeder die Möglichkeit hat, sich aufgeklärt selbst zu entscheiden. Und es soll ein Homöopathie-Netzwerk gegründet werden, welches die Aktivitäten koordiniert.

Unterstützer sind beispielsweise der österreichische Pharmazeut Edmund Berndt („Der Pillendreh – Ein Apotheker packt aus“) oder der ehemalige Initiator der Marburger Erklärung zur Homöopathie, Rudolf Happle. Mit der Medizinerin Natalie Grams („Homöopathie neu gedacht: Was Patienten wirklich hilft“) erklärte sich eine prominente Homöopathie-Aussteigerin bereit, das Netzwerk zu leiten und als Ansprechpartnerin zu dienen. 

Homöopathie-Aussteigerin Natalie Grams (Foto: Zeitschrift "Stern", DAZ/diz)

„Apotheker schaffen sich als Berufsgruppe ab“ 

„Ich habe gemerkt, dass wir Patienten nichts Gutes tun“, erklärte Grams ihre Motivation, ihre gut laufende Privatpraxis in Heidelberg aufzugeben und auf die andere Seite zu wechseln. Obwohl ihres Eindrucks nach Homöopathie einiges bewirken kann, hätte sie nach und nach verstanden, dass sich dies durch den Placeboeffekt und andere psychologische Wirkungen erklären ließe. „Aus meiner Erfahrung innerhalb der Homöopathie-Szene kann ich einfach nur berichten, dass dort so viel Unwissen, Selbstherrlichkeit und Überzeugung herrscht – aus der ich mich glücklicherweise befreien konnte –, dass es mir ein ganz großes Anliegen war, hier dabei zu sein“, sagt Grams.

Für den pensionierten Apotheker Edmund Berndt ist das größte Übel, dass die evidenzbasierte nicht von der Pseudomedizin getrennt ist. „Der Patient hat keine Chance“, sagt Berndt. „Er wird vom approbierten Mediziner auf einmal mit Kügelchen behandelt, bei denen kausale Nachweise fehlen.“ Während die Apotheker für den Fortschritt stehen sollten, ließen sie sich missbrauchen. Bei der Nachfrage nach Gebrauchshinweisen würde bei Aspirin auf die Nebenwirkungen hingewiesen, bei Belladonna C30 jedoch nicht nur darauf aufmerksam gemacht, dass Milchzucker enthalten ist, sondern häufig detaillierte Anwendungshinweise gegeben, die pharmazeutisch nicht haltbar seien. „Dadurch schaffen sich Apotheker als Berufsgruppe ab“, so Berndt. Seiner Meinung nach ließe sich der derzeitige Umgang mit Homöopathie nur dadurch erklären, dass die Bevölkerung seit Generationen vergessen habe, was es heißt, ohne ordentliche Medizin leben zu müssen. 

Widersprüche kenntlich machen

In den nächsten Monaten will das neue Netzwerk nun eine Informationsplattform erstellen. Diese soll aufzeigen, warum die Argumentationen der Homöopathie-Anhänger wissenschaftlich nicht zu halten seien – um Patienten aber auch Journalisten zu informieren. Außerdem solle auf interne Widersprüche des Gedankengebäudes der Homöopathie aufmerksam gemacht und Erfahrungsberichte von Patienten gesammelt werden, die durch Homöopathie zu Schaden kamen. Denn bisher seien in den Weiten des Netzes überwiegend positive Erlebnisberichte von schulmedizinisch „hoffnungslosen“ Fällen veröffentlicht, die durch die Homöopathie oder ähnliche Verfahren geheilt worden wären.

So hat Grams Kontakte zu vielen Betroffenen. „Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass es keine Einzelfälle sind – die meisten haben nur keine Stimme“, so die Ärztin. Auch wenn die Erfahrungsberichte im Normalfall anonym veröffentlicht werden, würden sie Journalisten oder anderen Interessierten gerne Kontakte vermitteln, um die Authentizität zu beweisen.

Stellungnahme von Pharmazeuten und Biologen

Langfristig will sich die Initiative für eine Änderung des Arzneimittelgesetzes einsetzen, damit die Sonderbehandlung homöopathischer Arzneimittel bei der Marktzulassung beendet wird. Ein kurzfristigeres Ziel ist, dass die lateinischen Bezeichnungen von homöopathischen Mitteln durch deutschsprachige ergänzt werden. Unter „Excrementum caninum“ könne sich niemand etwas vorstellen, aber bei „Hundescheiße“ sei dies anders, sagt Buchautor und Ingenieur Norbert Aust, der das Treffen in Freiburg initiiert hat. Hierfür hatte sich auch schon die Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Mechthild Heil stark gemacht.

Außerdem gäbe es häufig Behauptungen, dass Homöopathie über Quanteneffekte oder Tachyonen wirken würde. „Wir wollen die wissenschaftlichen Fachverbände dazu kriegen, Stellung zu nehmen“, sagt Aust. So wie die Astronomie sich schon von der Astrologie distanziert hat, hofft er auf ähnliche Positionierungen der Pharmazeuten und Biologen. 


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10 Kommentare

Homöopathiekritik

von Inge Koch am 11.04.2016 um 9:27 Uhr

Eine groß angelegte Aktion, die letztendlich die Homöopathie verbieten will. Alles ehrenamtlich??? Anscheinend ist so viel Verunglimpfung nötig, damit die gute Akzeptanz der Homöopathie in der Bevölkerung gebremst wird. Wer die Wirksamkeit eines gut gewählten homöopathischen Mittels selbst erfahren und an anderen beobachtet hat weiß, dass Homöopathie wirkt, auch wenn die Wissenschaft bisher noch keine Erklärung dafür hat.

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AW: Die üblichen Verdächtigen

von Erwin Schmitz am 07.09.2016 um 8:48 Uhr

" Wer die Wirksamkeit eines gut gewählten homöopathischen Mittels selbst erfahren und an anderen beobachtet hat weiß, dass Homöopathie wirkt, auch wenn die Wissenschaft bisher noch keine Erklärung dafür hat."

Immer dann, wenn ein Homöopathieanhänger über eine eventuelle Beweisbarkeit von Homöopathie in der Zukunft schwurbelt, fällt irgendwo ein Fläschchen Globuli vor Lachen um.

Es gibt bis dato keinen einzigen reproduzierbaren oder anderswie beweisbaren Nachweis der Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln. Was jedoch nachgewiesen werden konnte, waren die häufigen und teils grotesk widersprüchlichen Annahmen von Herrn Hahnemann und seinen Anhängern.

Der Alleinanspruch auf Ganzheitlichkeit ist an sich schon eine Lüge, weil jeder approbierte Mediziner eine Anamnese erstellt. Der Gedanke der Potenzierung durch Verdünnung ist logischer Schwachsinn, da eine C1000 dann ein Massenvernichtungsmittel wäre.

Und wenn wir annehmen, dass ein Fläschchen Globuli 10g Inhalt hat und 6 Euro kostet, ergibt sich folgende einfache Rechnung:

10g Zucker = 6 Euro
1000g Zucker = 600 Euro

Ergo verkauft/kauft man als Homöopathiegläubiger 1kg Zucker für 600 Euro.

Merkste, ne?

AW: Die übliche Desinformation

von Dr. Theodor Much am 08.02.2016 um 18:30 Uhr

Ja, Homöopathie wirkt, aber nicht besser als Placebo.
Placebo wirkt manchmal gegen Symptome von Krankheiten und die Homöopathen interessieren nur Symptome, sie kennt keine Krankheiten und ihre Ursachen (daher ist sie nicht ganzheitlich). Ungefährlich ist sie nicht, das sagen selbst Homöopathen. Denn lt. Homöopathen können Hochpotenzen starke Nebenwirkungen erzeugen (nachweislich ein Unfug) und wer auf Scheintherapie setzt, der versäumt oftmals die frühzeitige Therapie bei ernsten Erkrankungen. Dazu kommt: die unverantwortliche Impfkritik seitens vieler Homöopathen.
Damit verstossen viele Homöopathen gegen das "Primum non nocere!

Und Globuli

von Christiane Pflug am 04.02.2016 um 14:14 Uhr

enthalten keinen Milchzucker.......seufz....

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Endlich Menschen hier in D mit gleicher Meinung

von Anja Hübel am 02.02.2016 um 21:14 Uhr

Ich komme aus England und habe nie wirklich verstanden warum so viele gebildete Deutsche an Homöopathie glauben (oder an "sanfte" pflanzliche Medizin). Ist Medizin wissenschaftlich und glaubwürdig, dann muss sie evidence-based sein.

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Bravo!

von Bettina Frank am 02.02.2016 um 19:48 Uhr

Ich freue mich sehr über diese Initiative und wünsche ihr gutes Gelingen! Endlich geht man mal gezielt vor gegen Pseudomedizin und wirkstofffreie "Therapien" kombiniert mit unseriösem Heilsversprechen.

Norbert Brand: Das Hinweisen auf den einen Mangel, macht den anderen Mangel nicht besser. Medizin wirkt und rettet Leben und zwar auch ohne Zuwendung. Diese wäre dringend notwendig - da muss man allen Kritikern der evidenzbasierten Medizin rechtgeben - und der Patient hätte auch ein Anrecht darauf, aber unser Gesundheitssystem gibt dies leider (noch) nicht her. Es ist zu hoffen, dass ein Umdenken stattfindet und damit die Abwanderung in die alternative Ecke besser eingedämmt werden kann.

Homöopathie "wirkt" ausschließlich über die Zuwendung, verspricht aber tatsächliche Wirkung und Heilung. Dies ist gezielte Irreführung des Patienten, da die Kügelchen wirkstofffrei sind. Hier muss dringend seriöse Aufklärung betrieben werden, damit Betroffene ganz klar wissen, worauf sie sich einlassen.

Und es ist ein Unding, dass die Kassen die homöopathische Behandlung übernehmen! Die Gemeinschaft muss ungefragt für Pseudomedizin mitzahlen, was ich sehr ärgerlich finde.

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AW: dito

von Juliane am 05.02.2016 um 14:06 Uhr

Aber die Engländer stehen schon auch auf Homöopathie, allen voran der liebe Prince Charles, der sie damit in England auch noch adelt!

nur ein Scheingefecht

von norbert brand am 02.02.2016 um 8:09 Uhr

bevor man auf die Homöopathie eindrischt, würde ich mir wünschen, man möge sich zunächst einmal mit den Auswirkungen der derzeit praktizierten evidenzbasierten Schulmedizin auf die effektive Volksgesundheit kritisch befassen. Wenn ein Patient nur noch als ein Behälter für ständig neu entdeckte Rezeptoren und beeinflußbare Signalkaskaden angesehen und auch so behandelt wird, dann erklärt das die Attraktivität der Homöopathie zu einem großen Teil. Sie bietet in erster Linie die therapeutische Zuwendung, deren Placeboeffekt mind. genau so hoch ist wie derjenige des verabreichten Mittels.

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AW: s. Text:

von Thankmar am 02.02.2016 um 11:43 Uhr

„Wir wissen natürlich ganz genau, dass auch in der evidenzbasierten Medizin und in unserem Gesundheitssystem vieles im Argen liegt, aber das macht Homöopathie nicht wirksamer.“

AW: Homöopathie

von Juliane am 05.02.2016 um 14:03 Uhr

"Sie bietet in erster Linie die therapeutische Zuwendung....."
Da genau hier das Problem der evidenzbasierten Medizin liegt, heißt das doch HIER anzusetzen und nicht eine Pseudomedizin zu adeln, weil sie das bietet, aber ihre Medizin eine absolute Lüge ist.

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