Gute Pillen – Schlechte Pillen

Heilerde – kritisch betrachtet

Berlin - 31.01.2016, 07:40 Uhr

Heilerde - als traditionelles Arzneimittel muss sie sich nicht in klinischen Studien unter Beweis stellen. (Foto: PhotoSG/Fotolia)

Heilerde - als traditionelles Arzneimittel muss sie sich nicht in klinischen Studien unter Beweis stellen. (Foto: PhotoSG/Fotolia)


Wie gut hilft Heilerde? In ihrer Januarausgabe 2016 nimmt die industrieunabhängige und werbefreie Publikumszeitschrift „Gute Pillen-Schlechte Pillen“ (GPSP) die häufig als „Naturarznei“ beworbenen Zubereitungen kritisch unter die Lupe.

Ausgangsstoff für Heilerde-Produkte ist das gelbliche Sediment Löss (oder Löß), das unterschiedlich fein vermahlen und gegebenenfalls mit Zusätzen (z. B. Jojobaöl, ätherische Öle) vermischt wird. Es gibt sie beispielsweise als Kopfhaut-Packung bei Reizungen und fettigen Haaren, als Gesichtsmaske bei Akne oder als Badezusatz. Heilerde wird von den Anbietern außerdem als kalter Wickel oder warme Auflage bei verschiedenen Erkrankungen, als Mund- und Rachenspülung bei Entzündungen, ja sogar als Puder zur Anwendung auf Wunden oder Geschwüren empfohlen. Innerlich wird Heilerde in Form von Kapseln, Granulat oder mikrofeinem Pulver für Entgiftungskuren, zur Bindung von Cholesterol im Magen oder bei Sodbrennen, säurebedingten Magenbeschwerden und Durchfall angepriesen. Für die drei letztgenannten Indikationen besitzen zwei Produkte eine Zulassung als traditionell verwendetes Arzneimittel. Andere Zubereitungen werden als Medizinprodukte vermarktet. 

Keine Belege aus seriösen Studien

Im Beitrag mit dem Titel „Heilerde – schlecht geprüft“ GSPS merkt kritisch an, dass für die Anwendungsgebiete keine seriösen Studien existieren. Lediglich auf Anbieter-gesponserte Tests, denen mit Bezeichnungen wie „retrospektive Fernstudie“ ein Anstrich von Wissenschaftlichkeit gegeben wurde, sind die Autoren des GPSP-Beitrages bei ihrer Recherche gestoßen. Solche Untersuchungen basieren aber nur auf Fragebogen-Erhebungen – einen Arzt haben die Anwender nie aufgesucht.

Für eine Zulassung als traditionelles Arzneimittel sind jedoch bekanntlich auch keine klinischen Studien notwendig. Der Zulassungsinhaber muss lediglich nachweisen, dass das Mittel seit mindestens 30 Jahren traditionell angewendet wird, ordnungsgemäß produziert wurde sowie bei der empfohlenen Anwendungsart unschädlich ist.

Die Gebrauchsinformation sollte man lesen…

GPSP schreibt: „Während die positiven Effekte von Heilerde fraglich sind, sind Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten offenkundig“. Das überrascht nicht wirklich, denn bei jedem Arzneimittel, auch dem traditionell angewendeten, muss man neben den Hauptwirkungen mit unerwünschten Effekten rechnen. Daher enthalten die Gebrauchsinformationen der Heilerde-Produkte Verweise auf mögliche Überempfindlichkeitsreaktionen, auf Wechselwirkungen und Gegenanzeigen. So findet sich beispielsweise  in der Gebrauchsinformation von Luvos® Heilerde 1 fein (einem der traditionell zugelassenen Arzneimittel) der Hinweis: „Stärkere Durchfälle mit Blut- und Schleimauflagerungen und Bauchkrämpfen sowie Durchfälle, die länger als 3 Tage anhalten, haben in der Regel ernst zu nehmende Ursachen und sollten von einem Arzt behandelt werden.“ Und im Beipackzettel des Mitbewerber-Medizinprodukts Bullrich® Heilerde Kapseln steht: „Patienten mit Leberinsuffizienz (…) oder Malabsorption (…) sollten vor der Anwendung ihren Arzt befragen.“

…und/oder den Apotheker fragen

 Von einer Anwendung von Heilerde als „Entgiftungskur“ rät GPSP explizit ab, da nicht zu erwarten sei, dass das Mittel den Cholesterinspiegel wirksam senken und dadurch die Herzgesundheit fördern könne. Das Konzept sei nicht plausibel, da die cholesterinbindenden Eigenschaften lediglich in Laborversuchen gezeigt werden konnten. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen finden sich beispielsweise auf der Internetseite eines Herstellers: „Untersuchungen zeigen, dass 1,5 Messlöffel Luvos®-Heilerde (ca. 10 g) im Magenmilieu 178 mg Cholesterin binden kann – dies entspricht etwa dem Cholesteringehalt von einem großen Hühnerei.“ Dazu GPSP: „Wer einen erhöhten Cholesterinspielgel hat, sollte sich von einem Arzt oder einer Ärztin beraten lassen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: „Wenden Sie sich bei Fragen bitte an Ihren (…) Apotheker.“(Gebrauchsinformation Luvos® Heilerde 1 fein).


Dr. Claudia Bruhn, Apothekerin / Autorin DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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2 Kommentare

Bemerkung

von H.M. am 31.12.2018 um 8:46 Uhr

Bereits bestehende und anhaltende Beschwerden halte ich nicht für eine Nebenwirkung der Heilerde.

Zu dem wundert es mich nicht, dass es für das Produkt keine medizinische Zulassung gibt, den diese sind extrem teuer. Ich kann mir vorstellen, dass der Markt für die Heilerde das finanziell nicht hergibt.

Nichtsdestotrotz wäre aus meiner Sicht eine wissenschachaftliche Untersuchung absolut sinnvoll. Aber das können ja auch Forschungsinstitute machen, welche nicht vom Hersteller beauftragt werden, schon alleine um ein unbeeinflusstes Ergebnis zu erhalten.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Bemerkung zur Bemerkung

von H.M. am 31.12.2018 um 9:20 Uhr

Pardon! Ich hab nicht richtig gelesen.

Es wird auf Wechselwirkung verwiesen und nicht darauf, dass bestehende Beschwerden eine Folge der Heilerde seien.

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