Augsburg

Apotheken sind nachweislich „demenzfreundlich“

Augsburg - 26.01.2016, 08:43 Uhr

Apotheken sind Anlaufstelle für alte Menschen - das Team der Apotheke hat gute Chancen, Veränderungen wahrzunehmen - sagt ein Teilnehmer des preisgekrönten Projekts. (Bela Hoche / Fotolia)

Apotheken sind Anlaufstelle für alte Menschen - das Team der Apotheke hat gute Chancen, Veränderungen wahrzunehmen - sagt ein Teilnehmer des preisgekrönten Projekts. (Bela Hoche / Fotolia)


Ein Projekt macht Apotheken in Augsburg und Umgebung zu einem Bindeglied zwischen Demenz-Betroffenen und Hilfebietenden. Bereits 51 Offizinen sind zertifizierte „Demenzfreundliche Apotheken“.

„In Augsburg gab es bereits ein sehr gut funktionierendes Hilfe-Netzwerk zu Alzheimer und Demenz“, sagt Jens Schneider, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Augsburg und Apotheker. Allerdings habe die Hilfe bislang die Betroffenen und ihre Angehörigen oft viel zu spät erreicht. Schneider kam auf eine Idee, die sich längst als eine sehr gut funktionierende herausgestellt hat. Warum nicht die Apotheken als ein Bindeglied zwischen Betroffenen und Hilfebietenden nutzen? 

Aus der Idee ist mittlerweile das Netzwerk-Projekt „Demenzfreundliche Apotheke“ entstanden. 51 Offizinen in der Stadt Augsburg, dem Landkreis Augsburg und dem angrenzenden Landkreis Aichach-Friedberg machen bereits mit und sind mit diesem Prädikat ausgezeichnet. 

Apotheker kennen ihre Stammkunden und sehen Veränderungen

„Die Apotheken sind ja ohnehin meist regelmäßig Anlaufstelle für Ältere“, erklärt Michael Brüch, selbst Betreiber von zwei der teilnehmenden Apotheken und Sprecher für alle beteiligten Offizien des Projekts. Und da die am meisten von Demenz und Alzheimer betroffene Altersgruppe meist eine bestimmte Apotheke aufsuchte, hätte das Team der Apotheke gute Chancen, Veränderungen bei seinen Stammkunden wahrzunehmen. „Wenn die Kunden etwa immer wieder die gleichen Fragen stellen, fällt das auf“, sagt Brüch.

Damit die Mitarbeiter der demenzfreundlichen Apotheken ein Gefühl dafür bekommen, dass es bei den Kunden etwa eine beginnende Demenz gibt, erhalten sie eine Schulung. „Die umfasst insgesamt acht Stunden und besteht zu einem Drittel aus pharmazeutischen Grundlagen zu Alzheimer und Demenz, zu einem Drittel aus medizinischen Grundlagen dazu, und zu einem Drittel sind Pflege, Hilfsmittel und -angebote Thema“, erklärt Brüch. Mindestens ein Mitarbeiter der Offizien muss teilnehmen, damit die Urkunde „Demenzfreundliche Apotheke“ aufgehängt werden darf. Zusätzlich gibt es regelmäßige Fortbildungen. 

Schulung findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt

Bislang hat die Schulung zweimal stattgefunden, in diesem Jahr soll es eine dritte geben, bei der über die 51 bislang teilnehmenden Apotheken hinaus weitere dazukommen sollen. „Das Projekt soll möglichst dauerhaft bestehen bleiben“, sagt Brüch.

Sind Anzeichen für eine beginnende Demenz erkannt, werden die Apotheker aktiv. „Wir wollen dann im Rahmen unserer Möglichkeiten die Patienten und deren Angehörige ansprechen“, sagt Brüch. Dabei seien in der Regel die Angehörigen die Hauptansprechpersonen. Zuvor würden die Betroffenen natürlich einfühlsam um ihr Einverständnis dazu gebeten. Denn Datenschutz spielt auch bei der Hilfe eine große Rolle. „Oder wir bitten die Patienten, sich doch bitte an einen Arzt zu wenden.“ Wie man bei der Ansprache der Betroffenen behutsam vorgeht, ist ebenfalls Bestandteil der Schulung.

Vorhandenen Sachverstand nutzen

Dass die Apotheken aktiv würden und auf die vielen bestehenden Hilfsangebote etwa bei der Alzheimer Gesellschaft Augsburg oder auf den Arzt verwiesen, sei das eigentliche Novum bei dem Projekt. „Sachverstand ist ja ohnehin bei Apothekern in großem Umfang vorhanden", sagt Brüch. Diesen und den Umstand, dass man seine Stammkunden gut kenne, auch zu nutzen und dann an Ärzte oder Hilfenetzwerke zu verweisen, sei der entscheidende Ansatz des Projektes.

Und das funktioniert seit nunmehr rund zwei Jahren erwiesenermaßen sehr gut, bestätigt Schneider. Bereits rund 30 Fälle, in denen man konkret habe helfen können, seien so vermittelt worden, erklärt er. In der Region sind statistisch gesehen rund 5000 Menschen von Demenz oder der Alzheimerschen Krankheit betroffen, Tendenz auch durch das Älterwerden der Gesellschaft steigend. In ganz Deutschland rechnen Experten nach jüngsten Schätzungen bis zum Jahr 2050 mit deutlich mehr als drei Millionen Demenz-Erkrankten.

Ausgezeichnet: Dr. Jens Schneider (Deutsche Alzheimer Gesellschaft, 2.v.l.), mit weiteren Preisträgern und Claudia Korf (ABDA-Geschäftsführerin Wirtschaft, Soziales und Verträge, l) und DAV-Vorsitzendem Fritz Becker. (Foto: ABDA)

Projekt könnte Modell für andere Regionen werden

Zunächst soll nun das Projekt, das gemeinsam mit dem Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung der Augsburger Apotheken entstand, in der Region ausgeweitet werden. „Ich kann mir aber vorstellen, dass die Deutsche Alzheimer Gesellschaft dieses als Modellprojekt nimmt“, sagt Schneider. Dass es auch in anderen Regionen aufgebaut werden kann, kann er sich gut vorstellen. Erste Ansätze gibt es bereits, Schneider wurde jüngst zu einem Vortrag nach Jülich in Nordrhein-Westfalen eingeladen, um das Projekt Demenzfreundliche Apotheke dort vorzustellen.

Preisgekrönt ist es zumindest schon. Im Herbst 2015 erhielt die Demenzfreundliche Apotheke den Deutschen Apotheken-Award des DAV in der Kategorie „Soziales Engagement – Kooperation Selbsthilfe und Apotheke“. Das Preisgeld in Höhe von 2000 Euro wird genutzt, um die Dozenten der Schulung und der Fortbildung mitzufinanzieren. Unterstützung gibt es dafür auch von der Bayerischen Landesapothekerkammer. Außerdem stützen die Stadt Augsburg und die Landkreise Augsburg und Aichach-Friedberg das Projekt mit. Die Apotheker und die Organisatoren investieren ihre Zeit und Arbeit allerdings ehrenamtlich für das Wohl der Betroffenen.


Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Korrektur des Kommentars

von Heiko Barz am 26.01.2016 um 14:25 Uhr

Arbeitsweisen
keine besonderen Auszeichnungen
Leistungen
zu erlernen
Fokus
(Wahrscheinlich dem Erregungszustand geschuldet)

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Alzheimer - Demenz

von Heiko Barz am 26.01.2016 um 12:38 Uhr

Diese besondere Herausstellung einer Apothekengruppe finde ich absurd. Dass wir " gemeine " Apotheker diese hier titulierten Arbeirsweisen bisher - ohne jede besondere Bewertung - automatisch unserem Beruf angemessen durchgeführt haben, wurde bis dato von unserer Berufsführung als selbstverständlich angenommen.
Wir können anhand des Patientenstammes und der Medikamentenlisten entsprechender Kranker schon rechtzeit erkennen, ob und in welcher Form eine Veränderung im Krankheitsbild auffällig ist. Dazu brauchen wir keine besondere Auszeichnungen.
Wenn auch die Kollegen in der beschriebenen Art glauben, sich herausheben zu müssen, so erscheint es mir, als wären die tausenden von Kollegen, die diese Leisteungen automatisch erbringen, nicht in der Lage, ihren Beruf für diese Krankheitsebene auszuüben.
Die Zukunft wird dann so aussehen, dass für jedes medizinisch medikamentös bedingtes Krankheitsbild eine besondere Zertifizierung benötigt wird. So sehen wir dann an unseren Eingangstüren in verschiedenen Ausführungen Befähigungsnachweise für Herz-Keislauf, Rheuma, Schmerztherapie, Apotheke für Bronchialleiden ( COPD ) und so weiter.
Das alles war für mich die Vorassetzung, diesen Beruf überhaupt Zu erlernen.
Natürlich ist es besonders medial interessant, das Krankheitsbild Alzheimer - Demenz in den Fukus zu richten. Sich aber herausstellend damit profilieren zu wollen, ist eigentlich eine Diskriminierung der sich ständig bemühenden deutschen Apothekerschaft.
Armes Berufsbild!!

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