Ansteckungskette in Westafrika gestoppt

Gestohlene Kindheit: (Über)Leben nach Ebola 

Conakry/Guinea - 30.12.2015, 07:19 Uhr

Conakry, Guinea: Kinder in einer Spielgruppe der Nichtregierungsorganisation "Hilfe für die afrikanische Familie" (AFA). (Foto: Kristin Palitza/dpa)

Conakry, Guinea: Kinder in einer Spielgruppe der Nichtregierungsorganisation "Hilfe für die afrikanische Familie" (AFA). (Foto: Kristin Palitza/dpa)


Vor zwei begann in Westafrika die Ebola-Epidemie. In zwei Ländern ist sie nun amtlich beendet, für das dritte besteht Hoffnung. Doch die Zukunft tausender westafrikanischer Kinder ist ungewiss.

Zwei Jahre nach dem Ausbruch des tödlichen Ebola-Virus in Guinea hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch dieses westafrikanische Land für ebolafrei erklärt. "Die WHO beglückwünscht die Regierung und die Bevölkerung Guineas zur Beendigung des Ebola-Ausbruchs", erklärte die UN-Sonderorganisation am Dienstag in Genf. Zugleich betonten die WHO und Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF), die maßgeblich an der Bekämpfung der Epidemie beteiligt waren, die Notwendigkeit wachsam zu bleiben. 

Die Zukunft tausender westafrikanischer Kinder ist derweil ungewiss. Ebola hat etliche zu Waisen gemacht. Mehr als 16.000 Mädchen und Jungen haben nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef in den drei Ländern mindestens ein Elternteil verloren. Rund neun Millionen Kinder haben Angst, Leid und Tod miterlebt. Mehr als fünf Millionen Mädchen und Jungen konnten für viele Monate nicht in die Schule gehen.

Mohamed Bangoura (Bild: dpa) trägt trotz der Hitze ein schickes Hemd mit grauer Anzughose. Der 34-Jährige hat eine leere Aktentasche bei sich -  als ob er beweisen wolle, dass er einst Ansehen in der Gesellschaft genoss. Das war vorher. Vor Ebola.

Bangoura ist Buchhalter in der guineischen Hauptstadt Conakry. Sein Bruder war Arzt. Die beiden verdienten gutes Geld. Die Zukunft sah rosig aus. Dann starb Bangouras Frau an Ebola und machte ihn zum Witwer mit zwei Kindern. Sein Bruder starb zwei Wochen später und hinterließ ebenfalls zwei Kinder. Auch die Schwester fiel dem Virus zum Opfer. Ihre sechs Kinder leben nun mit Bangoura.

Er muss zehn Waisen und Halbwaisen durchbringen. Dabei hat er seinen Job verloren, sobald Wort die Runde machte, dass seine Familie von dem Virus betroffen war. Seine Ersparnisse sind aufgebraucht. Die Kinder gehen nicht zur Schule, weil er die Gebühren nicht zahlen kann. Jeder Tag dreht sich darum, für alle genug zu essen zu finden. "Die Situation lastet schwer auf meinen Schultern. Ich mache mir große Sorgen, wie es weitergehen soll", sagt Bangoura.

Tiefe, psychologische und soziale Folgen

Die Ebola-Epidemie hat nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit mehr als 11.300 Menschen getötet. Mittlerweile ist sie so gut wie unter Kontrolle.  42 Tage lang hat es nach Angaben der WHO keine neuen Fälle gegeben - die doppelte Zeitspanne der maximalen Inkubationszeit. In Liberia gab es im November zwar einen Rückschlag - in dem bereits für seuchenfrei erklärten Land wurden drei neue Infektionen gemeldet – doch insgesamt gilt die Krise als überstanden.

Aber die Zukunft tausender Menschen in den von der Epidemie am schwersten betroffenen Ländern – Guinea, Sierra Leone und Liberia - ist ungewiss. 

Tausende von Kindern seien unterernährt und hätten aufgrund der Krise weder Zugang zu Gesundheitsversorgung noch zu Sozialleistungen, heißt es bei Unicef. Wichtige Schutzimpfungen, wie gegen Polio, Masern und Tuberkulose, sind während des Ausbruchs ausgefallen. "Es ist eine entmenschlichende Epidemie, mit sehr tiefen, psychologischen und sozialen Folgen, besonders für Kinder", sagt Fifi Diallo, die Unicef Kinderschutz-Spezialistin in Guinea. Einige minderjährige Waisen seien von Verwandten aus Verzweiflung verheiratet worden.

Die Kinder, um die sich Bangoura kümmert, gehen heute zu einer Spielgruppe, die mehrmals pro Woche von der örtlichen Nichtregierungsorganisation "Hilfe für die afrikanische Familie" (AFA) in stark von Ebola betroffenen Gemeinden veranstaltet wird. Hier sollen Mädchen und Jungen für ein paar Stunden vergessen, dass die Seuche ihr Leben unwiderruflich verändert hat. Unter schattigen Bäumen haben Mitarbeiter Plastikplanen und Spielzeuge ausgebreitet. Eine Gruppenleiterin singt mit Kleinkindern Mitmachlieder, zwei Mädchen springen Seil, andere malen Bilder oder spielen mit Bauklötzen.

Die Situation scheint fröhlich und unbesorgt. Doch der Weg, um dieses Maß an Normalität zu erreichen, sei steinig gewesen, sagt AFA Projektverwalter Cissé Mamadou. "Am Anfang sprechen die Kinder kaum. Es dauert lange, bis sie auftauen", erklärt er. Auch brauche es Zeit, bis Kinder bereit seien, Ebola-Waisen in die Gruppe zu integrieren. "Es herrscht noch immer Angst, sich mit dem Virus anzustecken, auch wenn sie unbegründet ist", sagt Mamadou.

Im kommenden Jahr richtet sich der Fokus von Regierungen und Hilfsorganisationen auf den Wiederaufbau der Gesundheitssysteme. Die ersten Impfkampagnen  seien bereits im Gang, erklärt der stellvertretende Repräsentant der WHO in Guinea, Mamoudou Djingarey. "Trotzdem halten wir uns für vermehrte Ausbrüche von Kinderkrankheiten bereit", sagt er. In Guinea seien im September bereits 24 Polio-Fälle registriert worden.

Hoffnung auf ein normales Leben

Auch im sozialen Bereich gibt es viel zu tun. Ebola-Waisen sollen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden und eine Schulbildung bekommen. Tausende von Kindern brauchen psychosoziale Betreuung. Zusätzliche Sozialarbeiter müssen geschult und eingestellt werden. Außerdem sollen tausende von Jungen und Mädchen Zugang zu Nahrungsmittelhilfe erhalten.

Ganz oben auf der Liste der Hilfsbedürftigen stehen Kinder wie die 15-Jährige Mary, die sich in der Stadt Kenema, im Osten von Sierra Leone, um zwei jüngere Geschwister kümmert, nachdem die Mutter an Ebola starb. Sie bettelt um Essen, kocht und macht sauber. Für die Schule bleibt keine Zeit. "Das sollte eigentlich nicht meine Aufgabe sein", sagt sie zu Unicef-Mitarbeitern. Trotzdem hat Mary die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich ihr Leben nach der Krise normalisieren wird. "Es muss einen Grund geben, warum wir überlebt haben." 


dpa / DAZ.online
redaktion@daz.online


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