KOSSENDEYS GEGENGEWICHT

Wir sind Helden!

Stuttgart - 23.12.2015, 17:10 Uhr

365 Tage in Jahr, 24 Stunden: Treu und brav verrichten Apotheker ihren Notdienst. Ein Dank an alle diensthabenden Kollegen (Foto: dpa)

365 Tage in Jahr, 24 Stunden: Treu und brav verrichten Apotheker ihren Notdienst. Ein Dank an alle diensthabenden Kollegen (Foto: dpa)


Ann-Katrin Kossendey-Koch über die Tücken des Notdienstes – und warum es besonders an hohen Festtagen wie Weihnachten großartig ist, Apotheker zu sein. Meistens jedenfalls. Ein Weihnachtsgruß an alle diensthabenden Kollegen. 

Letztes Jahr gab es diesen Facebook-Post, in dem allen gedankt wurde, die über die Weihnachtsfeiertage für die Allgemeinheit arbeiten. Feuerwehrmänner, Sanitäter, Ärzte, Pflegepersonal, Polizisten... Und wer fehlte in der Auszählung? Richtig, wieder Mal wir Apotheker. Dabei ist gerade Weihnachten die richtige Zeit, um mal von Herzen Danke zu sagen. Und das mache ich jetzt mal. 

Ein dickes Dankeschön an uns Apotheker, wir sind Helden. Wir schaffen es, nicht nur über die Feiertage, sondern 365 Tage im Jahr flächendeckend die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicher zustellen. Treu und brav machen wir unseren Notdienst und beantworten mit Engelsgeduld die ewig gleiche Frage am Telefon: „Haben Sie Notdienst?“ mit einem freundlichen „Ja“, obwohl uns ein „Warum sollte ich sonst am 24. Dezember um 20 Uhr in der Apotheke hocken!“ auf der Zunge liegt. 

Statt Weihnachtsbaum und Bescherung zu genießen, werden auch in diesem Jahr Kollegen über Weihnachten Patienten das Leben retten, oder fast - bei meinem letzten Notdienst am Heilig Abend war übrigens der meist gekaufte Artikel ein Schwangerschaftstest.

Als Apotheker erträgt man es auch stoisch, nachts um 3 Uhr mit der Ankündigung angerufen zu werden, dass der Patient gleich losfährt, aber in dieser Nacht niemals ankommt. Ähnliche Schlafstörungen verursachen auch Patienten, die anrufen, um uns um eine Ferndiagnose zu bitten mit dem Argument, dass man den Arzt um diese unchristliche Zeit ja nicht stören möchte. 

Nett ist auch die Verwunderung mancher Patienten, dass Apotheker nachts im Notdienst tatsächlich schlafen. Ja, das tun wir - so richtig, mit Schlafanzug , Augen zu und träumen. 

Brutal zuschnellende Notdienstklappe

Ein „Danke“ haben wir Apotheker auch dafür verdient, dass wir kostenlose Endlosdiskussionen mit uneinsichtigen Patienten führen, die nicht einsehen wollen, dass sie ihr rezeptpflichtiges Medikament erst nach Konsultation der Notfallpraxis erhalten.  Selbst durch die absurdesten Argumenten wie „Ich hab aber keine Lust zu einem fremden Arzt zu gehen“, lassen wir uns nicht zu Handgreiflichkeiten hinreißen.  

Mir ist auch kein Fall bekannt, wo ein Patient seine Hand durch die brutal zuschnellende Notdienstklappe verlor, weil er, nachdem er erfahren hat, dass er eine marginale Notdienstgebühr für sein Nasenspray AL oder sein Paracetamol zahlen muss, den Apotheker anranzt: „Was? Notdienstgebühr? Dann hole ich mir das nach den Feiertagen!“ 

Ein Danke an uns Apothekern auch für die Bereitschaft, QMS-zertifizierte, vom Deutschen Gynäkologenverband abgesegnete, kostenlose (!) Beratungen zur  mittlerweile nicht mehr verschreibungspflichtigen Pille danach zu führen. Und ja, wir müssen die betroffene Frau selber sprechen und ja, wir müssen diese intimen Fragen stellen. Hach,  die Details aus dem Liebesleben unserer Mitmenschen können uns doch genauso erwärmen, wie Weihnachten mit unserer Familie und unseren Freunden. Schließlich erfährt man über das Paar, welches die Pille danach braucht, vermutlich durch die ausführliche Beratung mehr, als man von seinen Angehörigen überhaupt jemals wissen will.

Smaltalk in der Nacht

Für einige Patienten ist der Notdienst  auch die perfekte Gelegenheit, mal mit einem Akademiker zu plauschen. Über Gott und die Welt und gerne auch mal über die Sinnhaftigkeit der Medikation vom Ehemann. „Mein Mann hat Johanniskraut genommen, da ging es ihm gut. Jetzt nimmt er das nicht mehr, nun geht es ihm schlecht!“ Ach? Echt?  

Ein Dankeschön an alle Apotheker, die diese Szenen, die Loriot nicht besser hätte karikieren können, ohne hysterisches Lachen aushalten. „Ja, wenn Sie meinen, dass das Johanniskraut gut ist, dann nehmen wir jetzt einmal eine 10er Packung, das ist ja auch teuer!“ Leider sind Menschen, die sich an Feiertagen mit solchen Problematiken auseinandersetzen häufig beratungsresistent, vor allem wenn der Fußpfleger/die Friseurin/die Nachbarin gesagt hat, es reicht auch das Johanniskraut von Aldi.  

Uns Apothekern macht es auch nichts aus, dass wir in unserem Notdienst gar keinen lebensbedrohlichen Notfällen begegnen.  Wir lassen uns nichts anmerken, wenn wir Rezepte im Notdienst einlösen, die mehrere Wochen alt sind oder Nahrungsergänzungsmittel, Schüssler Salze oder Teemischungen verlangt werden.  

Es braucht keinen Notfall...

Erstaunlich aber ist, je banaler der Kundenwunsch ist und je weniger es sich um einen echten Notfall handelt, desto unfreundlicher diese Kunden dann oftmals sind. Da wird dann auch gerne nochmal von genau diesem Kundentyp patzig angemerkt, dass es unmöglich sei, dass die Notdienst-Bude keine Umschau mit Fernsehteil vorrätig hat. Und diejenigen, die wirklich unsere Hilfe brauchen, weil das Kind eine Mittelohrentzündung hat oder der Mann unter starken Schmerzen leidet, entschuldigen sich regelrecht, dass sie es gewagt haben, uns zu stören.

Diese Patienten sind immer sichtlich erstaunt, wenn ich mich als Apothekerin bei ihnen bedanke, da ich genau für sie diesen Notdienst ja mache und ich mich freue, dass so der Notdienst Sinn macht. So weiß man dann auch, warum man nicht bei seiner Familie ist und fühlt sich nicht als Happy Shop mit verlängerten Tankstellen-Öffnungszeiten.

Ich wünsche allen diensthabenden Kolleginnen und Kollegen trotz Notdienst ein wundervolles Weihnachtsfest, lasst Euch nicht ärgern und fühlt Euch als Helden des Gemeinwohls! Allen anderen Apothekern wünsche ich natürlich auch ein frohes Fest. Und danke, dass es Euch alle (noch) gibt.

 


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14 Kommentare

Wie recht hat doch die Frau Apothekerin.

von Michele BACHMEIER am 18.03.2016 um 19:02 Uhr

Liebenswerte Frau Kossendey-Koch,

auf der Suche nach Informationen zu einem Medikament stieß ich auf Ihren Beitrag in der DAZ-Online. Was ich hier lesen durfte, spricht mir voll aus der Seele. Ich gehöre zu den Patienten, die sich für natürlich nicht selbstverständ-liche Leistungen bedanken. Meine Magistri mögen mich - sowohl in der "alten" Apotheke, der Wiener Flora-Apotheke, wie auch in der "neuen", der St. Anna-Apotheke (ich mußte übersiedeln). Was Sie hier schreiben und schildern ist so unendlich wahr und könnte über die Situation der Wiener Apotheken berichtet worden sein. Nun, auch Apotheker sind Menschen, gute Menschen, liebenswerte Menschen. Menschen, die mir z.B. weitergeholfen haben, wo kompetente Mediziner manchmal ratlos den Kopf schüttelten. Ich habe in meiner Sanitätsausbildung beim Bundesheer "Medikamentenkunde" gehabt. Ein höchst interessantes Fach, das mich dazu bewog, all meine zahlreichen Medikamente auf Herz und Nieren (Beschreibungen, Beipackzettel, auch aus dem Internet) zu prüfen. Am schönsten ist es, der Hausärztin dann leicht ironisch zu berichten, ich hätte da ein Medikament, das mit anderen inkompatibel sei. Leider vergess ich aber oft hinzuzufügen, daß nicht "MEINE" Frau Doktor das Medikament verschrieben hatte. Daß ihre Antwort ebenso ironisch zurückkommt ist ja nur zu verständlich.
Liebe gnädige Frau, innigen Dank für den nach jedem Buchstaben gültigen, höchst interessanten Beitrag. Ich werde mich umsehen, ob ich die DAZ mit Ihren Beitrag noch auftreiben kann. Natürlich hat meine "alte" Apotheke auch die DAZ.

Mit herzlichen Grüßen,

Michele Bachmeier,
pens. Heeres-Sanitäterin
und vorm. Mitarbeiterin des ASBÖ

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Notdienst

von Andreas S. am 29.12.2015 um 7:59 Uhr

Toller Artikel! Er spricht mir aus der Seele!

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Es gibt auch schöne Dinge im Leben

von Frank ebert am 28.12.2015 um 18:47 Uhr

Wir hatten am Sonntag Dienst. 6 mal die Pille danach verkauft. Weihnachten ist ein Fest der Liebe.

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Und noch ein herzliches Dankeschön...

von Ann-Katrin Kossendey-Koch am 28.12.2015 um 11:03 Uhr

...für die vielen freundlichen Kommentare und das Teilen auf Facebook- super!
Ich hoffe, alle betroffenen Kolleginnen und Kollegen haben ihren Notdienst gut überstanden und konnten ihr Weihnachtsfest dennoch genießen.
Ich mache weiter...wenn auch nicht als ABDA-Sprecherin, denn dafür müsste erst die komplette ABDA-Führung ausgetauscht werden ;)

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Notdienst

von Alexandsr Zeitler am 26.12.2015 um 20:16 Uhr

Liebe Kollegin,

Vielen Dank für Ihre immer wieder so treffsicheren Beiträge.
Nur zu oft hatte ich solche begeisternden Erfahrungen auf dem Dorf. Meine Apo ist seit 31.03.15 zu. Und Notdienst mache ich nie wieder, auch nicht für viel Geld.
Mal sehen, wann sich unsere Kammern über diese Thematik Gedanken machen....

Ihnen alles Gute

Alexander Zeitller

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Notdienst

von Krug am 24.12.2015 um 14:26 Uhr

Vielen Dank Frau Kossendey-Koch - und auch für Ihre sonstigen Beiträge.
Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch und weiterhin viele Geistesblitze für Ihre erfrischenden Beiträge auch im neuen Jahr.
Berthold Krug (z. Zt. Notdienst)

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Notdienste - Feiertage

von Antje Scheel am 24.12.2015 um 11:40 Uhr

Klasse,
genauso läuft es ab.
Gerade hier auf`n Dorf

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Ein Mega-"Like"für Ann-Katrin

von Elisabeth Dötz am 24.12.2015 um 10:34 Uhr

Ann-Katrin's Beiträge zeigen immer den eigentlichen Mehrwert der Apotheke: wir werden gebraucht, weil die Welt ist, wie sie ist und nicht so, wie sie sein soll.
Mit Ann-Katrin als ABDA-Sprecherin wären wir in den Medien präsent mit unserer alltäglichen Leistung-das kann nur jemand überzeugend rüberbringen, der es verstanden hat.

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Weihnachtsansprache

von Bernd Jas am 24.12.2015 um 9:11 Uhr

Liebe Ann-Katrin,

Ironie, Sarkasmus und Polemik aus(nahmsweise).

Wer von uns braucht jetzt noch `ne gequirlte Weihnachtsansprache nach dem Wetterbericht?

Du kannst das besser und es tut sooo gut!

Tschööö aus Troisdorf
Bernd

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Notdienst

von Heiko Barz am 24.12.2015 um 1:09 Uhr

So oder ähnlich läuft das Procedere in Deutschen Apotheken zu Weihnachte ab, mit der einzigen Ausnahme zum Heiligabend und zu Silvester. Da zeigen unsere Mitmenschen Gefühle.
Warum wir nicht in der Tabelle der Feiertagsarbeiter auftauchen hat aber einen simplen Grund, wir nehmen den Leuten auch an diesen Tagen Geld ab, und das macht keiner von den aufgeführten " Heiligen ".

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wir sind Helden

von Petra Lincke am 23.12.2015 um 20:00 Uhr

Liebe Kollegin!
Sie haben meine Notdienste beschrieben, wie ich sie erlebe. Ich hätte es nicht treffender schildern können. Mein "Nächster" ist an Silvester. Mir graut jetzt schon vor Knallern im Treppenhaus und der Tiefgarage unseres Gebäudes. Als einzigem Idioten im ganzen Haus wird mir die Primitivität meiner Mitmenschen in voller Gänze begegnen. Ich freue mich heute schon. Und ja....auch ich werde versuchen zu schlafen, weil ich schon ab 8.00Uhr im Laden stehen werde.
Und trotzdem liebe ich meinen Beruf....nur nicht so ganz an solchen Tagen.
Ich wünsche allen ein schönes Weihnachten und einen ruhigen Jahreswechsel
Petra Lincke

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Notdienst

von Dr. Ursula Barthlen am 23.12.2015 um 19:40 Uhr

Danke für die mitfühlenden Worte. Ich habe morgen am 24. Dez. Notdienst und freue mich schon drauf.
Normalerweise sind es fast alle nette Patienten, die nicht alle freiwillig zu so außergewöhnlichen Stunden in die Apotheke kommen. Ich habe im Hintergrund Weihnachtsmusik und gebe auch gerne von meinen vielen Lebkuchen ab.
Mal gespannt, was mich morgen erwartet.
Ursula Barthlen

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Wir sind Helden

von Stefanie Gimpel am 23.12.2015 um 18:58 Uhr

Liebe Kollegin ,
vielen Dank für den schönen Artikel .Ich bin Gott sei Dank über die Feiertagen nicht betroffen , darf mich aber am 1.1.16 um unsere Mitmenschen kümmern .
Ich wünsche ein schönes Weihnachtsfest
Stefanie Gimpel

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Wir sind Helden!

von Heinz Raab am 23.12.2015 um 18:19 Uhr

Liebe Kollegin,
nach über dreißig Jahren Notdienst, ca. alle 10 Tage, sowie viele Feiertage, kann ich Ihrem netten Artikel, für den ich mich herzlich bedanke, nur mit der Bitte anschließen, diesen auch der Tagespresse zuzuleiten.
Schöne Weihnachten
Heinz Raab

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