US-Forscher entdecken mögliches Mittel gegen grauen Star

Stuttgart - 10.11.2015, 18:54 Uhr

Ungetrübt: Die Augenlinse erhält ihre Brechkraft dank hochkonzentrierter Proteine. Diese müssen bis ins hohe Alter in gelöstem Zustand bleiben. (Foto: Jeremias Münch / Fotolia)

Ungetrübt: Die Augenlinse erhält ihre Brechkraft dank hochkonzentrierter Proteine. Diese müssen bis ins hohe Alter in gelöstem Zustand bleiben. (Foto: Jeremias Münch / Fotolia)


Dank hochkonzentrierter Proteine erhält die Augenlinse ihre Brechkraft. Im Alter kommt es häufig zu einer Trübung, die oft nur operativ behoben werden kann. Forscher aus den USA haben nun einen Wirkstoff entdeckt, der den Zustand im Auge wieder verbesserte. Weitere Tests sollen die Ergebnisse nun bestätigen.

Der graue Star, die weltweit häufigste Ursache von Erblindung, könnte sich künftig möglicherweise mit Medikamenten behandeln lassen. US-Forscher haben einen Wirkstoff entdeckt, der die Trübung der Augenlinse im Labor und bei Mäusen verhindert und sogar nachträglich bessert. Das berichten die Forscher um Jason Gestwicki von der University of Michigan in Ann Arbor im Fachblatt "Science".

Die Augenlinse des Menschen enthält durch die darin enthaltenen hochkonzentrierten Proteine ihre Brechkraft. Damit die Linse transparent bleibt, müssen die Proteine, die noch aus der ersten  Lebensphase stammen, bis ins hohe Alter in gelöstem Zustand bleiben. Dafür sorgen die beiden Schutzeiweiße αA-Crystallin (cryAA) und αB-Crystallin (cryAB). Versagen diese Kristalline, so verklumpen die Proteine und die Linse trübt sich.

Bislang hilft gegen diesen grauen Star nur eine Operation, bei der ein künstliches Linsenimplantat eingesetzt wird. Weltweit ist die Hälfte der Menschen im Alter über 70 Jahre von dieser auch Katarakt genannten Trübung betroffen. Die Option einer Operation steht jedoch vielen Menschen aus Entwicklungsländern nicht offen.

Präparat 29 löste Klumpen auf

Die Schutzeiweiße cryAA und cryAB stellen zusammen etwa 30 Prozent des Proteingehalts der Linse, schreibt das Team um Gestwicki. Sie suchten mit biochemischen Verfahren in einer Substanzbibliothek nach Stoffen, die die Form von cryAB stabilisieren und damit eine Fehlfaltung verhindern. Dabei stießen sie auf 32 vielversprechende Kandidaten.

Einer davon, Präparat 29, verhinderte im Labor die Bildung von Eiweißklumpen und löste darüber hinaus bereits bestehende Klumpen teilweise auf. Diesen Stoff testeten die Forscher zunächst an genveränderten Mäusen, die wegen eines cryAB-Defekts schon früh an grauem Star erkranken. Die Substanz besserte den Zustand der behandelten Linse binnen zwei Wochen deutlich. Zudem bestätigten die Forscher den Effekt auch an Mäusen mit einem cryAA-Defekt sowie auch an gewöhnlichen Mäusen, die den Katarakt altersbedingt entwickeln.

Schließlich testeten die Wissenschaftler den Stoff am Inhalt von Augenlinsen, die älteren Menschen entfernt worden waren. Ergebnis: Er steigerte darin die Menge aller löslichen Proteine um insgesamt 18 Prozent. “Damit kann Präparat 29 eine vielversprechende Spur zu einer nicht-operativen Therapie sein, sowohl von erblichen als auch von altersbedingten Katarakten”, schreiben die Autoren.

Alternative zur Augen-OP

In einem “Science”-Kommentar schreibt Roy Quinlan von der britischen Durham University, die Resultate könnten die medikamentöse Therapie von grauem Star anschieben. “Das sind erste wichtige Experimente”, sagt auch Johannes Buchner vom Lehrstuhl für Biotechnologie der Technischen Universität München, der nicht an der Studie beteiligt war. “Sie zeigen überraschend positive und starke Effekte.” Diese Hinweise seien sehr ermutigend, müssten aber in weiteren Studien bestätigt werden.


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