Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

01.11.2015, 08:00 Uhr

Rückblick auf die letzte Woche (imagesab - Fotolia.com)

Rückblick auf die letzte Woche (imagesab - Fotolia.com)


Alles wird besser mit E-Health. Aber den Medikationsplan gibt’s auf Papier. Egal, wir Apotheker müssen mitmachen dürfen. Auch wenn wir unser Berufsbild erst noch finden wollen. Bis dahin löffeln wir die Retaxsuppe und hoffen, dass die Rx-Preisbindung nicht fällt. Guten Umzug, liebe ABDA!

26. Oktober 2015

Klar, das war zu erwarten. Die EU-Kommission schlägt sich auf die Seite von DocMorris: Das deutsche Rabattverbot verstoße gegen den freien Warenverkehr. Meint die Kommission. Die ausländischen Versandapotheken hätten doch höhere Vertriebskosten und müssten rein inländisch begründete Kostenfaktoren wie den Nacht- und Notdienstzuschlag einpreisen und abführen, Kosten, denen keine Gegenleistung gegenüberstehe. Alles nur Benachteiligungen, seufzt die EU-Kommission, die für freien Wettbewerb über alles bekannt ist. Da hätten die ausländischen Versender doch nur dann ’ne Chance auf dem deutschen Mark, wenn sie wettbewerbsfähige Preise anbieten könnten. Und überhaupt: Mit einem Boni-Verbot für Rx-Arzneimittel sei die flächendeckende Versorgung in Deutschland nicht zu retten. Nach Ansicht der EU-Kommission werde die flächendeckende Versorgung eher durch Apothekenstandorte und den Bevölkerungsrückgang, der wiederum einen Rückgang von Angebotsstrukturen auslöse, gefährdet. Mit einer Preisbindung allein seien die nachteiligen Entwicklungen in der Arzneimittelversorgung nicht auszugleichen. Mein liebes Tagebuch, das kann man alles so glauben, muss man aber nicht. Die Meinung der Kommission ist nur eine von mehreren Meinungen. So kann man auch die Auffassung vertreten, dass es in der Tat gerade der Preiswettbewerb ist, der den Präsenzapotheken auf dem Land massiv zusetzt und Schließungen provoziert. Auch die Demographie könnte eher für einen höheren Bedarf  und für Präsenzapotheken sprechen. Jetzt ist der Europäische Gerichtshof am Zug. Er hat sich bei der Arzneimittelversorgung schon einmal gegen Wettbewerb über alles entschieden. Das lässt hoffen.

 

Der Medikationsplan ist nur digital sinnvoll – und nur, wenn der Apotheker eingebunden ist. Sagt der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller zum E-Health-Gesetz, auch wenn er nicht gefragt wurde. Mein liebes Tagebuch, das finden wir gut. Der Gesundheitsausschuss des Bundestages, der in der kommenden Woche seine öffentliche Anhörung zum E-Health-Gesetz abhält, soll wissen, was Marktpartner denken.

 

Wir wissen jetzt, was die Bundesregierung über Lieferengpässe denkt: Lieferengpässe führen nicht zwangsläufig zu Versorgungsengpässen. Aber sie nimmt das Thema „sehr ernst“. Man werde das Problem im Pharmadialog der Bundesregierung mit Wissenschaft, Wirtschaft und Zulassungsbehörden „intensiv diskutieren“. Mein liebes Tagebuch, klingt nicht wirklich prickelnd. Es gibt nämlich vereinzelt schon Versorgungsengpässe. Der Pharmadialog ist zwar nett angedacht, aber doch ein sehr zähes Instrument. Man weiß nie, ob und wann was dabei herauskommt – ist so ein bisschen wie bei den Ausschüssen der ABDA. Außerdem: Die nächste Pharmadialog-Runde steht erst Ende Januar an. Das zieht sich.  

 

Schon wieder die EU-Kommission! Heureka, Griechenland soll gerettet werden. Helfen soll dabei die Umgestaltung des Apothekenmarkts: Mehr Wettbewerb – was anderes kennt die Kommission nicht. Also, OTCs auch außerhalb von Apotheken und natürlich: Ketten sollen’s retten. Herzliche Einladung an Investoren aus allen EU-Staaten: Sie sollen in fünf Jahren bis zu zehn Apotheken besitzen dürfen. Ein Apothekerlein muss dabei sein und einen Anteil von 20 Prozent halten. Mein liebes Tagebuch, der Schwachsinn hat Methode. Arzneimittel sind keine Oliven. Und Ketten im Apothekenmarkt waren noch nie die Lösung. Also, liebe griechischen Apothekers, streikt weiter, aber richtig.

27. Oktober 2015

Lieber ABBA statt ABDA! Danke Schweden! Der Angriff von DocMorris und der EU-Kommission auf den einheitlichen Rx-Preis lässt das skandinavische Land nicht kalt. Schweden hält die deutsche Arzneimittelpreisverordnung für zulässig und stellt sich ohne Wenn und Aber auf die Seite der Bundesregierung. Klares Votum aus  dem Norden: Die zuverlässige Beratung bei der Abgabe von rezeptpflichtigen Arzneimitteln kann in einer Vor-Ort-Apotheke besser sichergestellt werden als im Versandhandel. Und deshalb darf ein Staat in den freien Warenverkehr innerhalb der EU eingreifen. Außerdem: Die Preisbindungsregelung bei der Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel gilt für alle Apotheken, wenn sie Arzneimittel in Deutschland an den Verbraucher abgeben, unabhängig vom Sitz der Apotheke. Wo ist da die Benachteiligung? Mein liebes Tagebuch, Schweden zeigt klare Kante. Warum hört man zum Rx-Boni-Streit so gar nichts von der ABDA?

 

Na klar: ABDA packt Kisten. Der Umzug steht an. Das Apothekerhaus wird renoviert und verkauft, da rissig und zu klein. Also: Raus aus dem feudalen Mendelssohn-Palais, rein ins elegante Lindencorso, wo man bis spätestens 2020 residieren und sich auf die 35 Millionen teure Unterkunft in Hauptbahnhofnähe freuen darf. Ab dem 12. November geht’s los. 400 m weit müssen die Kisten transportiert werden. Und ab 17. November ist sie, unsere ABDA, wieder voll da, also einsatz- und arbeitsfähig. Das Palais ist dann ABDA-Geschichte, ein teurer Ausflug in die Welt der Schönen und Reichen und ganz schön Reichen.

28. Oktober 2015

Ach so, na endlich! Dass wir da nicht früher drauf gekommen sind: Für die Retaxen sind ja gar nicht die bösen Kassen schuld, nein! Die Ärzte und ihre Praxissoftware brockt uns die Retaxsuppe ein – sagt jetzt der GKV-Spitzenverband, während die Schiedsstelle im Hintergrund noch nach einem Kompromiss sucht. Die Arztsoftware werde nicht rasch genug aktualisiert, so der Kassenverband. Mein liebes Tagebuch, mag sein, dass da ein Teil der Ursache liegt. Pikant ist aber die Begründung der Kassen, warum man dann die Apotheken dafür bluten lässt: Weil die Ärzte keinen Nachteil durch fehlerhafte Verordnungen hätten, fehle es an Anreizen, diese Fehler zu minimieren. Deshalb müssten „anlassgerechte Sanktionsmöglichkeiten“ geschaffen werden. Im Klartext: Man verdrischt den Apotheker, weil man den Arzt nicht packen kann. Ich glaub, mich tritt ein Pferd! Währenddessen stiehlt sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung aus der Verantwortung: Eine 14-tägige  statt der quartalsweisen Aktualisierung sei nicht machbar. Und schon wieder ein Tritt vom Pferd. Sag mal, mein liebes Tagebuch, was leisten da eigentlich wir Apothekers seit Jahr und Tag! Vielleicht sollten wir auch auf quartalsweise Updates umstellen – würde Kosten sparen. Und vor Retax schützen, oder?

29. Oktober 2015

Oh Gröhe, unseren täglichen Medikationsplan gib uns heute! Am kommenden Mittwoch hat die ABDA noch eine Chance, den Gesundheitsminister davon zu überzeugen, dass ein Medikationsplan ohne Apotheker ein No Go ist. Und bitteschön: erst ab fünf Arzneimittel, meint die ABDA, weil erst dann das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen überproportional steige. Mein liebes Tagebuch, da kann man auch anderer Meinung sein. Egal, Hauptsache, es gibt Kohle dafür, oder? „Für umme“ läuft da nichts.

 

Wobei – mal unter uns, mein liebes Tagebuch – ein Medikationsplan, der seinen Sinn erfüllt und auf den Ärzte und Apotheker gemeinsam zugreifen können, doch nur elektronisch möglich und wirklich gut ist. Das meint auch der Branchenverband der digitalen Wirtschaft Bitkom in seiner Stellungnahme zum E-Health-Gesetz. Ein Medikationsplan auf Papier gehört dorthin, wo Papier üblicherweise landet: in die Tonne.

30. Oktober 2015

So langsam kommt unsere Berufsvertretung mit E-Health und der digitalen Welt um die Ecke. Der Gesamtvorstand der ABDA hat feierlich die ethischen Grundsätze für E-Health beschlossen. O.K., das Zehn-Punkte-Papier der Grundsätze liest sich nicht wie von progressiven Digital Natives verfasst, aber das soll es auch nicht. Es geht im Prinzip darum, dass sich die Apotheker den Herausforderungen der „Digitalisierung aller gesellschaftlichen Lebenswelten“ stellen und „modernste Technologien mit der Menschlichkeit des freien Heilberufes zum Wohle des Patienten verbinden“ wollen. Ach, mein liebes Tagebuch, wird’s einem da nicht warm ums digitale Herz, das im Gigahertz-Takt die Tera- und Petabyte verarbeitet.

Besonders schön ist eine Formulierung in der Präambel des Papiers: Hier heißt es, die Digitalisierung „ermöglicht eine neue Form von Transparenz und verbessert die Möglichkeiten eines demokratisierten und individualisierten Gesundheitssystems“. Oh, ABDA, auf geht’s! Wie wäre es, wenn wir diese phantastischen Möglichkeiten für mehr Transparenz und Demokratie schon mal in unserem Kreis der Apothekerschaft üben – und zum Beispiel den Stand der Antragsbearbeitung in den Ausschüssen ins Netz stellen?

 

Und zum Schluss nur das Allerbeste: Wir dürfen wieder diskutieren. Ab heute im Netz. Das Berufsbild des Apothekers ist zur Diskussion frei gegeben. Auch wenn unser Bundesgesundheitsminister unsere Arbeit schon längst in eine knappe Liste mit alten Zöpfen und zehn mickrigen Punkten gepresst hat: Die ABDA will’s wissen. Jetzt. Was macht der Apotheker und wo arbeitet er? Prima vista: Das ABDA-Berufsbild ist ein mehrseitiges Werk, das sich so ganz anders liest als das des Ministers. Vor allem: an erster Stelle steht bei den Apothekeraufgaben die Versorgung mit Arzneimittel, gefolgt von der Information und Beratung. Und erst an dritter Stelle findet sich die Herstellung, Prüfung und Qualitätssicherung. Das lässt hoffen.

  

So, und jetzt einen Kürbis mit grimmigen Gesicht schnitzen und vor die Apothekentür stellen: soll böse Retaxgeister abhalten.


Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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