Politischer Lagebericht des DAV

DAV-Chef Becker: Viel Schatten, wenig Licht

Düsseldorf - 30.09.2015, 11:40 Uhr

Fritz Becker zeigte in seinem Lagebericht auf, wo die Probleme der Apotheken liegen. (Foto: A. Schelbert)

Fritz Becker zeigte in seinem Lagebericht auf, wo die Probleme der Apotheken liegen. (Foto: A. Schelbert)


Die Situation der deutschen Apothekerinnen und Apotheker ist derzeit von viel Schatten und wenig Licht geprägt. Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV), blätterte in seinem Lagebericht zur Eröffnung der Expopharm den Problemkatalog, mit dem die Apotheken kämpfen, auf: Er reicht von fehlenden Honoraranpassungen über den Hilfsmitteldschungel bis hin zum Retaxkampf mit den Krankenkassen, der jetzt bei der Schiedsstelle liegt.

Ausdrücklich begrüßte Becker die Festschreibung des GKV-Abschlags auf 1,77 Euro, dies schaffe ein Stück Planungssicherheit. Jetzt müsse eine jährliche Überprüfung des Fixhonorars nach einer ordentlichen Berechnungsmethode folgen. „Dieser Schritt ist überfällig. Die deutschen Apothekerinnen und Apotheker erwarten Taten“, so Becker. Und er fügte hinzu: „Regelmäßige, angemessene Gehaltserhöhungen erwarten natürlich auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und sie haben sie auch verdient.“ Becker verwehrte sich gegen den kolportierten Vorwurf, die Apothekerschaft würde keine ausreichenden Daten zur Berechnung der Anpassungsmethode liefern: „Das ist falsch. Wer meint, bessere Zahlen zu haben, soll sie auf den Tisch legen.“

Höherer Notdienstzuschlag erforderlich

Handlungsbedarf sieht der DAV-Chef auch für Rezeptur- und dokumentationspflichtige Arzneimittel. Es gebe keinen Grund, bei Rezepturen von einem geringeren Aufwand für  Beratung und Abgabe auszugehen als bei Fertigarzneimitteln: „Dies muss endlich honoriert werden.“ Auch die für die Dokumentation von Betäubungsmitteln derzeit zugestandenen 26 Cent empfindet Becker als „unerträglich“. Darüber hinaus sei eine Anpassung des Nacht- und Notdienst-Zuschlags von 16 auf 20 Cent „dringend erforderlich“ –  weil die zugesagten 120 Millionen Euro pro Jahr nicht erreicht werden.

Für die Kassen leisten die Apotheken, wie Becker herausstellte, wertvolle Arbeit beim Inkasso des Herstellerabschlags und bei der Umsetzung der Rabattverträge. Hier sind die Apotheker nahe am Patienten, aber auch an alltäglichen Versorgungsproblemen wie Lieferengpässen – „und dieses Problem wird immer größer: nämlich durch ein aufgeblähtes Warenlager und durch einen erhöhten Erklärungsbedarf bei der Umstellung des Patienten auf ein anderes Arzneimittel.“

Retax, Importe und Entlassmanagement

Unverständlich sei das Verhalten verschiedener Kassen beim Thema Null-Retaxationen, zum Teil wegen winziger Formfehler. Auf Null retaxieren ist, so Becker, „eine völlig unangemessene Sanktion und Missbrauch der Zweckbestimmung der gesetzlichen Regelungen“. Für einige Krankenkassen scheint das Retax-Geschäft zu lukrativ zu sein, vermutet Becker. Die von Gesetz wegen aufgenommenen Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband zum Thema Retaxationen sind allerdings gescheitert. Das Problem liegt nun bei der Schiedsstelle.

Erneut forderte Becker, die Importförderungsklausel zu streichen, denn Parallel– und Reimporte seien mittlerweile als Sparinstrumente bedeutungslos geworden. Eine Streichung wäre zudem kein Verbot von Importen, sondern „nur das Ende wirtschaftsprotektionistischer Maßnahmen mit einer normierten Absatzgarantie für Importeure“.

Die neue Regelung zum Entlassmanagement begrüßt der DAV-Chef, jetzt komme es auf die praktische Umsetzung an. Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss vorgesehene Gültigkeit von drei Tagen für ein Entlassrezept betrachtet Becker als zusätzliche bürokratische Belastung mit der Gefahr der Null-Retaxation. Eine Gültigkeitsdauer von einer Woche wäre praktikabler.

Prävention und E-Health: Enttäuschte Erwartungen

Becker bedauerte, dass die Politik die Vorschläge der Apotheker nicht aufgegriffen und sie nicht im Präventionsgesetz vorgesehen hat. Der Apotheker habe den Überblick über die Gesamtmedikation des Patienten. Vor diesem Hintergrund sei es auch unverständlich, dass die Bundesregierung dem Apotheker nur nachgeordnete Aufgaben bei der Erstellung der Medikationslisten zubillige. „Unser Vorschlag: Lassen wir doch den Patienten entscheiden, wer von den beiden Berufsgruppen den ersten Aufschlag bei der Medikationsliste machen soll“, forderte Becker. Selbstverständlich erfordere dies auch eine angemessene Honorierung für den Apotheker. Das Projekt ARMIN zeigt nach Ansicht von Becker, wie gut eine Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker funktionieren kann bei der Erstellung von Medikationsplänen. Die Erfahrungen in Sachsen und Thüringen sollten in die bundesweite Versorgung Einzug halten.

Der Hilfsmittelbereich bereite nach wie vor Kopfzerbrechen. „Ausschreibungen der Krankenkassen sind versorgungsfeindlich“, erklärte Becker, sie gingen zulasten der Versicherten. Auch die flächendeckende Hilfsmittel-Versorgung sei dadurch gefährdet. Deshalb: „Solche Ausschreibungen gehören abgeschafft!“ Apotheker wollten hier keine Lückenbüßer sein. Auch die Anforderungen bei der Präqualifizierung seien maßlos übertrieben. Als Licht im Hilfsmitteldschungel bezeichnete Becker das Online-Vertragsportal des Apothekerverbands, das dem Apotheker einen Überblick über die Dienstleistungs- und Hilfsmittelverträge gibt.

Gute Zusammenarbeit mit Großhandel und Industrie

Positives konnte Becker auch von der Zusammenarbeit mit dem Verband der Großhändler (Phagro) und der Pharmaindustrie berichten: Das neue Bestellverfahren MSV3 bringe wesentliche Vorteile für den Bestell- und Arbeitsablauf in der Apotheke. Auch „Securpharm“, das von Industrie, Großhandel und Apothekerverband auf den Weg gebrachte Fälschungssicherungssystem für Arzneimittel, komme gut voran und werde 2019 die Arzneimittelidentifizierung ermöglichen.

Ein Beitrag auf DAZ.online hatte beklagt, dass keine hochrangigen Politiker zum Apothekertag nach Düsseldorf kommen. Mit einem Seitenhieb machte Becker diesen Beitrag auf DAZ.online dafür verantwortlich, dass auch noch der CDU/CSU-Politiker Michael Hennrich, der anfangs sein Kommen zugesagt hatte, absagte. Doch hier dürfte Becker irren: Hennrich hat nicht wegen des DAZ.online-Berichts abgesagt. Seine Absage begründete er gegenüber DAZ.online unter anderem mit der namentlichen Abstimmung zum Bundeswehreinsatz, die seine Anwesenheit im Parlament erfordere. Aber er bemängelte auch die Organisation des Apothekertags.


Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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