ArzneiverordnungsReport 2015

Noch immer Luft im Generikamarkt?

Berlin - 23.09.2015, 17:40 Uhr

Ulrich Schwabe, seit vielen Jahren Herausgeber des AVR, stelle das umstrittene Werk auch heute in Berlin vor. (Foto: Sket)

Ulrich Schwabe, seit vielen Jahren Herausgeber des AVR, stelle das umstrittene Werk auch heute in Berlin vor. (Foto: Sket)


2014 fand im Arzneimittelmarkt ein „Boom“ statt, wie man ihn selten erlebt: 46 neue Arzneimittel kamen auf den Markt, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Auffällig an ihnen sind vor allem ihre hohe Preise: Eine Verordnung dieser neuen Mittel kostete im Schnitt 1.400 Euro, während das durchschnittliche patentgeschützte Arzneimittel nur mit 290 Euro zu Buche schlug. Aber auch im Generikamarkt machen die Autoren des heute vorgestellten Arzneiverordnungs-Reports 2015 (AVR) erstaunlich hohe Einsparmöglichkeiten aus.

Laut AVR sind die Arzneimittelausgaben 2014 gegenüber dem Vorjahr um 10,3 Prozent bzw. 3,3 Milliarden Euro auf insgesamt 35,4 Milliarden Euro gestiegen – zumindest ähnliche Zahlen präsentierte das Bundesgesundheitsministerium bereits im März. Bekannt ist auch, dass der Anstieg zu etwa einem Drittel auf den Anfang 2014 gesenkten Herstellerrabatt auf Nicht-Festbetragsarzneimittel zurückzuführen ist. Aber es gab auch verschiedene Arzneimittelgruppen, die im vergangenen Jahr erhebliche Zuwächse verzeichneten, betonte AVR-Herausgeber Ulrich Schwabe (Uni Heidleberg). Bei den Antidiabetika sorgten dafür etwa Gliptine, bei den Antithrombotika waren es die neuen oralen Antikoagulantien, bei den antiviralen Mitteln Sovaldi® und seine Nachfolger. Allein die Mehrkosten in sechs Arzneimittelgruppen plus die eine Milliarde Euro, die der gesunkene Herstellerabschlag die Kassen kostete, summierten sich zusammen auf 3,1 Milliarden Euro, so Schwabe. Das ist fast der gesamte Ausgabenanstieg des vergangenen Jahres.

Vergleich mit den Niederlanden

Doch der AVR wäre nicht der AVR, wenn die Herausgeber nach den festgestellten Ausgabenzuwächsen nicht auch mehr oder weniger nachvollziehbare Einsparpotenziale vorrechneten. Die ergeben sich laut Schwabe insbesondere aus den nach wie vor „überhöhten deutschen Arzneimittelpreisen“. Hätten wir Arzneimittelpreise wie in den Niederlanden, ließen sich 4,6 Milliarden Euro sparen, so Schwabe. Dahinter steckt eine Hochrechnung auf Basis eines Preisvergleich der jeweils 250 umsatzstärksten Arzneimittel aus dem Segment der patentgeschützten Arzneimittel sowie des generikafähigen Marktes. Dabei rechnet der AVR mit einem Apothekenverkaufspreis exklusive Abschläge und Mehrwertsteuer (19 % in Deutschland, 6 % in den Niederlanden), dafür inklusive Apothekenhonorar. Die Apotheken bekommen in unserem Nachbarland eine pauschale Gebühr von 6 Euro.

Erstaunlicherweise fällt die Preisdifferenz im Bereich der patentgeschützten Arzneimittel sehr viel kleiner aus als im generikafähigen Markt. Im ersteren liege das Einsparpotenzial bei 1,9 Milliarden Euro, in letzterem bei 5,9 Milliarden Euro. Immerhin ziehen die Autoren aber noch 3,2 Milliarden Euro ab – so viel haben die in Deutschland geheimen Rabattverträge eingespart. Das macht in der Summe ein Sparpotenzial von 4,6 Milliarden Euro. Schwabe räumt ein: Die deutschen Rabattverträge seien sicher ein Erfolg. Aber mit niederländischen Generikapreisen ließen sich weitere 2,5 Milliarden Euro einsparen. Ein so transparentes Preissystem, wie es in den Niederlanden existiere, könnte also für noch größere Sparerfolge sorgen. Schwabe stellte auf Nachfrage allerdings auch klar, wo er beim Sparen nicht ansetzen will: „Dass die Apotheker das mit ihren etwas mehr als 8 Euro bezahlen, geht nicht“. 

Widerspruch bei Pro Generika

Eine Rechnung, die beim Branchenverband Pro Generika erwartungsgemäß auf Unverständnis stößt. Gerade der Generika-Markt gilt hierzulande nach dem Siegeszug der Rabattverträge als „ausgequetscht“. Und so hält Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, den AVR-Herausgebern vor, zu ignorieren, dass die tatsächlichen Umsätze der Generikaunternehmen (zu Werkspreisen und nach Abzug aller Rabatte an die Krankenkassen) seit Jahren rückläufig sind. Im Jahr 2014 hätten sie nur noch rund zwei Milliarden Euro betragen. Im Gegenzug stellten Generikaunternehmen aber über 76 Prozent aller in Deutschland benötigten Arzneimittel für die Versorgung bereit.

„Die Erkenntnisse der AOK-Studie erscheinen wie aus einer anderen Welt“, so Bretthauer. „Sie schlägt tatsächlich vor, dass Generikaunternehmen den Kassen Rabatte gewähren, die weit über das hinausreichen würden, was alle Generikaunternehmen in ganz Deutschland zusammengenommen real an Umsatz machen.“


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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