Wiesn-Tatort München

Des G'schiss mit den K.O.-Tropfen

Stuttgart - 21.09.2015, 12:30 Uhr

Das Prosit der Gemütlichkeit endete für einen Wiesnbesucher aus Italien im Münchner Tatort tödlich. (Bild: Aycatcher/Fotolia)

Das Prosit der Gemütlichkeit endete für einen Wiesnbesucher aus Italien im Münchner Tatort tödlich. (Bild: Aycatcher/Fotolia)


„Die vertragen nichts“ - dieser Ruf eilt den italienischen Oktoberfest-Besuchern voraus. Dieser Gedanke befiel auch den Münchner Tatort-Kommissar Franz Leitmayr, als er den am Boden liegenden Italiener im U-Bahnhof anspricht. Da dieser nicht zum Aufstehen zu bewegen und Leitmayr in Eile ist, lässt er ihn liegen. Später wird der Mann tot aufgefunden. Erstickt am eigenen Erbrochenen, so die offizielle Todesursache.

Allerdings gibt es Unstimmigkeiten. Die relativ geringe nachgewiesene Alkoholmenge von 0,7 Promille passte nicht zu dem desolaten Zustand, in dem der Kommissar den Mann auffand. So stellt sich heraus: Der Wiesnbesucher aus Italien war nicht nur betrunken. Er hatte beträchtliche Mengen Gammahydroxybuttersäure (GHB) verabreicht bekommen, so wie einige andere Gäste auch, die im selben Zelt gewesen waren. Die überlebten das Ganze aber und bedurften lediglich ärztlicher Behandlung. Die Kommissare Batic und Leitmayr machen sich auf die Suche nach dem, der im „Amperbräu-Zelt“ das Bier mit GHB „vergiftet“...

Gammahydroxybuttersäure oder auch 4-Hydroxybutansäure, die physiologisch im Gehirn von Säugetieren vorkommt, ist strukturell eng verwandt mit dem Neurotransmitter GABA und wirkt zudem selbst als Neurotransmitter. Der genaue Mechanismus ist unbekannt. Als gesichert gilt lediglich, dass GHB agonistisch an GABAA-Rezeptoren wirkt und zudem die Signaltransduktion anderer Neurotransmitter beeinflusst. In geringeren Dosierungen wirkt GHB stimmungsaufhellend und aufputschend. Daher wird es als Partydroge (Liquid Ecstasy) verwendet. Zudem ist in der EU und in den USA seit einiger Zeit das Natriumsalz (Natriumoxybat) zur symptomatischen Behandlung der Narkolepsie zugelassen. In hoher Dosierung hingegen wirkt GHB narkotisch, bei Überdosierung droht Atemstillstand und Tod. Legal wird höher dosiertes GHB als Narkosemittel bei Risikopatienten angewendet.

Aber es kommt eben auch illegal als K.O.-Tropfen oder Vergewaltigungsdroge zum Einsatz. K.O.-Tropfen sollen von Kriminellen den potenziellen Opfern unbemerkt ins Getränk gemischt werden, so wie es auch im Tatort der Fall war. Allerdings trieben diesen jungen Mann keine sexuellen Motive, wie es sonst bei der Verabreichung von K.O.-Tropfen meist der Fall ist. Der Einzelgänger setzte lediglich seine Allmachtsfantasien um.

Nachweis schwierig

Nach oraler Aufnahme wird die Substanz schnell zu Bernsteinsäure metabolisiert. Am Ende bleiben als Abbauprodukte nur Kohlenstoffdioxid und Wasser übrig. Daher ist GHB im Blut kaum nachweisbar. Lediglich etwa 5 Prozent GHB werden unmetabolisiert über den Urin ausgeschieden. Im Internet werden verschiedene Schnelltests angeboten, die per Farbreaktion nachweisen können sollen, ob das jeweilige Getränk GHB enthält. Das Natriumsalz, das in Regel zur Anwendung kommt, schmeckt stark bitter, süße Getränke wie Cocktails vermögen dies aber zu überdecken. Zur Grundausstattung eines Notarztes gehören enzymatische Schnelltests, mit denen sich GHB semiquantitativ nachweisen lässt, aber nicht – auch nicht zur Wiesnzeit.

Laut einem Bericht auf Spiegel online warnt die Münchner Polizei Oktoberfestbesucherinnen seit Jahren vor GHB. So könnten sich Vergewaltigungsopfer häufig an nichts erinnern. Der Nachweis, ob tatsächlich K.O.-Tropfen im Spiel waren oder einfach nur viel zu viel Alkohol, wird aber in den wenigsten Fällen erbracht. Wie groß die Gefahr also wirklich ist, lässt sich schwer sagen. Aber grundsätzlich wäre es in diesem Umfeld vermutlich möglich, den feierwütigen und meist nicht mehr ganz nüchternen Wiesnbesuchern GHB unbeobachtet in die Maß zu mischen. Ganz wie es der Gerichtsmediziner im Tatort treffend formuliert: „Immer des G'schiss mit der Scheißwiesn!“


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