Kritik am System

„Pharmaindustrie schlimmer als die Mafia“

Berlin - 06.02.2015, 09:41 Uhr

Das System lässt zu, dass die Pharmaindustrie mehr Menschen umbringt als die Mafia. (Foto: Endostock/Fotolia)

Das System lässt zu, dass die Pharmaindustrie mehr Menschen umbringt als die Mafia. (Foto: Endostock/Fotolia)


Eigentlich sollen Medikamente den Menschen helfen und der Gesundheit dienen. Doch die Realität sieht anders aus. Das jedenfalls meint der dänische Mediziner Peter Gøtzsche, der zunächst für Arzneimittelhersteller arbeitete und heute das Nordic Cochrane Center in Kopenhagen leitet. Seine These: Die Pharmaindustrie bringt mehr Menschen um als die Mafia. Er hält das gegenwärtige System der Arzneimittelproduktion, -vermarktung und -überwachung für gescheitert.

Gøtzsche verweist auf große Hersteller wie Pfizer, GlaxoSmithKline, Eli Lilly und Johnson & Johnson, die große Summen dafür bezahlen, Prozesse wegen Arzneimittelbetrugs zu beenden. „Immer ging es um Betrug und Irreführung, Bestechung oder Vermarktung nicht zugelassener Mittel. Diese Straftaten erfüllen die Kriterien für das organisierte Verbrechen, deshalb kann man von Mafia reden.“ Als weiteres Bespiel nennt er Roche: 2009 verkaufte das Unternehmen in den USA und europäischen Ländern für mehrere Milliarden Dollar und Euro das Grippemittel Tamiflu – veröffentlichte aber nur einen Teil der Studien zur Wirksamkeit. Erst nach großem öffentlichem Druck wurden die Daten zugänglich gemacht. Und danach „nutzt das Mittel noch weniger als befürchtet, kann aber in einigen Fällen schwere Nebenwirkungen auslösen“.

Den Tod in Kauf genommen

Aus Sicht des Mediziners gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass Pharmaunternehmen Mittel auf den Markt brachten, die schädlich und teilweise sogar tödlich waren – wie etwa das Schmerzmittel Vioxx von Merck. Es sei ohne ausreichende klinische Dokumentation auf den Markt gekommen, obwohl bekannt gewesen sei, dass es ein Herzinfarktrisiko darstellt und zum Tod führen kann. Den Schätzungen des Wissenschaftlers zufolge kamen deshalb rund 120.000 Menschen ums Leben. Allein das Antipsychotikum Zyprexa von Eli Lilly kostete laut Gøtzsche etwa 200.000 der 20 Millionen Patienten weltweit das Leben. „Die Pharmaunternehmen sind deshalb sogar schlimmer als die Mafia. Sie bringen viel mehr Menschen um.“

Besser dran ohne Medikamente

Allerdings verdanke man Medikamenten auch eine gute Gesundheit und hohe Lebenserwartung, konstatiert die SZ. „Natürlich gibt es Mittel, die mehr Nutzen als Schaden bieten“, bestätigt Gøtzsche – speziell im Kampf gegen Infektionen, Herzkrankheiten, einige Krebsarten und Diabetes vom Typ 1. „Aber im Verhältnis zu der Menge der Mittel, die verschrieben werden, profitieren nur wenige Menschen tatsächlich davon. Weil Kranken viel zu häufig Arzneien verschrieben werden. Weil die Firmen sogar wollen, dass auch gesunde Menschen ihre Mittel nehmen.“ Er geht davon aus, dass 95 Prozent des für Arzneimittel ausgegebenen Geldes eingespart werden könnte. Menschen könnten dann vermutlich sogar ein längeres und glücklicheres Leben führen. Doch weil die Pharmaindustrie „extrem mächtig und finanziell unglaublich gut ausgestattet“ sei, bleibe die Politik untätig.

Revolution im Gesundheitswesen erforderlich

Auch die Zulassungsbehörden machen laut Gøtzsche „einen ziemlich schlechten Job“ – vor allem die FDA in den USA. „In dieser Behörde gibt es eine Menge Interessenkonflikte und Korruption.“ Im Zweifel entscheide die Behörde eher zugunsten der Pharmaindustrie als zugunsten der Patienten. Weil Studien der Pharmabranche letztlich nur für die Werbung taugten, fordert der Pharma-Kritiker, dass sie immer von unabhängigen Wissenschaftlern vorgenommen werden sollten. „Wir brauchen eine Revolution im Gesundheitswesen: Unabhängige Medikamenten-Tests, für die die Industrie weiterhin zahlen könnte“ – inklusive Veröffentlichung aller Studiendaten, auch der negativen. Außerdem sollte Werbung für Medikamente – auch innerhalb von Fachkreisen – verboten werden.

Zum vollständigen SZ-Interview gelangen Sie hier.


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5 Kommentare

mariettaoslo@yahoo.com

von Marietta am 13.11.2018 um 22:21 Uhr

Da stimme ich Peter Gøtzsche 100% zu . Wenn ich alles eingenommen hätte , was die Ärzte mir in den letzten 2 Jahren verschrieben haben, dann wäre ich heute schon längst Tot. Ich habe zwei Karton Medikamente zu Hause mit hochgiftigen Substanzen , die ich zum Glück nicht eingenommen habe . Das Immunsystem schafft vieles selbst und mit Hilfe der Natur und ohne Medikamente.

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Pharmaindustrie

von Rico am 13.12.2017 um 22:20 Uhr

ich muss sagen ,ganz so schlimm habe ich es noch nicht wahrgenommen.mir fällt nur auf ,dass pünktlich zum herbstanfang die tv-sender mit arzneimittelwerbung nur so um sich werfen.es soll sich am besten beim kleinsten infekt was eingeschmissen werden.man soll am besten garnicht mehr krank sein und nur noch funktionieren..das die ganzen mittel aber nur die symtome lindern und nicht die ursache, interessiert die leute nicht..die schmeißen sich munter alles ein was es gibt und wundern sich,warum sie nach einer oder zwei wochen einen rückfall haben..der körper hat nicht umsonst ein immmunsystem..wenn man krank ist,dann ist man krank und soll sich auch auskurieren und nicht 1000 mittelchen einschmeißen..

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Deutsche apotheke/ Pharmaindustrie

von Joan van Casteren am 19.10.2016 um 1:02 Uhr


Medicine sollte uns Gesund machen???

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Das skrupellose Pharma Kartell -- Teil 1/3

von alfons G. am 08.08.2016 um 22:16 Uhr

John Virapen -- Ex-Geschäftsführer eines der weltweit führenden pharmazeutischen Unternehmen Eli Lilly: "Wenn Sie meinen, die Pharmaindustrie bringt Medikamente auf den Markt, um Ihnen zu helfen,... forget it"!

https://www.youtube.com/watch?v=Apus2fIVBKE

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