Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

18.01.2015, 08:00 Uhr


Es war die Woche der „Pille danach“. Fast kein Tag ohne eine Meldung dazu. Und keiner weiß so recht, wie’s weitergeht. Dagegen glaubt der Fiskus zu wissen, dass alle Kaufleute mit elektronischen Registrierkassen potenzielle Steuerbetrüger sind. Mehr Elektronik will auch unser Bundesgesundheitsminister im Gesundheitswesen, eHealth heißt das Zauberwort, dumm nur, dass Datenautobahn und elektronische Gesundheitskarte noch Baustellen sind – den Medikationsplan gibt’s daher erst mal auf Papier. Zukunftspläne gibt’s in Hessen, Meck-Pomm und Sachsen, hier wurden neue Kammer- und Verbandsleute gewählt. Mein liebes Tagebuch, kommt da etwa mit den Neuen ein zaghaftes Frühlingserwachen in die Berufspolitik?

12. Januar 2015

Die europäische Arzneimittelbehörde hat ellaOne, die „Pille danach“, zwar aus der Verschreibungspflicht entlassen, aber darf sie schon heute ohne Rezept abgegeben werden oder muss erst die Arzneimittelverschreibungsverordnung geändert werden? Die Meinungen gehen auseinander, verbindlich kann niemand sagen, was Sache ist. Das Bundesgesundheitsministerium lässt sich Zeit und sucht noch das Gespräch mit den Verbänden. Derweil melden sich schon mal die Frauenärzte zu Wort und tun, was sie müssen und nicht lassen können: Sie lehnen die Freigabe ab. Und sie erklären, dass eine kompetente Beratung in Apotheken zur Einnahme der „Pille danach“ und alles was mit diesem Thema zu tun hat, „in den meisten Fällen unmöglich ist“. Oh, Gott, mein liebes Tagebuch, wer hätte das gedacht? Und wie war die Situation bisher, als die hilfesuchende Frau im ärztlichen Notdienst nicht beim Gynäkologen, sondern beim Orthopäden oder Allgemeinmediziner strandete? Sogar das Argument, dass die „Pille danach“ nicht mehr von den Kassen erstattet wird, führen die Frauenärzte ins Feld; sie befürchten, dass die Teenager dann das Präparat nicht kaufen und schwanger werden. Glauben diese Ärzte wirklich, dass die jungen Frauen so ticken? Immerhin, mein liebes Tagebuch, die gynäkologische Fraktion scheint zu merken, dass alle ihre verschwurbelten Argumente auf wenig Echo stoßen – und bietet ihre Hilfe an, gemeinsam mit den Apotheken eine Beratungslösung zu erarbeiten. Wie die wohl aussehen wird?  

13. Januar 2015

Wer eine elektronische Registrierkasse in seinem Laden hat, ist ein potenzieller Steuerbetrüger. Diesen Eindruck muss man aus den jüngsten Beschlüssen der Finanzministerkonferenz gewinnen. Im Kampf gegen Steuerbetrug mit elektronischen Kassensystemen soll es bald auch in Apotheken unangemeldete Prüfungen, eine sogenannte Kassennachschau, geben. Die Finanzämter sollen dann ohne Anlass oder Verdacht Kassensysteme unangemeldet prüfen und Daten auslesen dürfen. Krass, oder? Und von wegen Steuergerechtigkeit! An die „Kassensysteme“ von Amazon, Apple und Google kommt man nicht so recht ran, tja, dann geht man ans Kleinvieh, das auch Mist macht. Abgesehen davon, wie steht es dann mit dem Datenschutz beim Auslesen der Daten? Was auch kommen soll: neue Standards zur ordnungsgemäßen Buchführung mit dem „Insika-Verfahren“, eine integrierte Sicherheitslösung für messwertverarbeitende Kassensysteme. Damit sollen revisionssichere Aufzeichnungen von Buchungen und Bargeschäften mit Registrierkassen ermöglicht werden. Mein liebes Tagebuch, mittlerweile ist es schon so weit, dass man sich danach sehnt.

e-Health, mein liebes Tagebuch, schon mal gehört? e-Health – das ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und die elektronische Vernetzung im Gesundheitswesen und mehr. Das ist die Zukunft,  die es eigentlich schon seit gefühlten zehn Jahren in Deutschland geben soll – und die nicht vom Fleck kommt. Aber jetzt macht unser Bundesgesundheitsminister Dampf im elektronischen Kessel: Er bereitet ein eHealth-Gesetz vor, das am 1. Oktober 2016 mit dem Medikationsplan starten soll. Patienten mit fünf und mehr regelmäßig einzunehmenden Medikamenten sollen vom Arzt diese Doku ihrer Arzneien mit Anwendungshinweisen erhalten. Auch OTCs sollen in den Medikationsplan aufgenommen werden. Arzt und Apotheker müssen ihn bei jeder Änderung aktualisieren. Der Minister war von der Nützlichkeit dieses Plans rundum überzeugt. Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Server und die Datenautobahn stehen noch nicht. Daher ist der Medikationsplan noch lange nicht über die eGK zugänglich. Mein liebes Tagebuch, halt dich fest: Der Arzt muss ihn deshalb in Papierform ausdrucken und dem Patienten mitgeben. Paper-Health statt e-Health. Und bis alles steht, müssen sich noch Ärzte-, Apotheker- und Kassenverbände über Inhalt, Struktur und Fortschreibung des Medikationsplans bis zum 30. April 2016 einigen. Bis dahin wird’s wohl noch viele Papers geben…

14. Januar 2015

Hessen hat eine neue Kammerpräsidentin: Ursula Funke. Glückwunsch! War im Vorfeld eine muntere Kammerwahl mit neun Listen und viel Gerangel. Die konstituierende Sitzung verlief dagegen ruhig – bis auf eine kleine Irritation. Eigentlich hätte die ZL-Mitarbeiterin Monika Tawab von der Liste 2 (Hochschul-Liste) als Beisitzerin im Kammervorstand mitarbeiten sollen. Doch am Abend vor der Sitzung untersagte ihr der ZL-Vorstand, der Bremer Kammerpräsident Richard Klämbt, für den Posten einer Beisitzerin zu kandidieren. Wofür Professor Dingermann von der Liste 2 wenig Verständnis hatte, wie er in einem Statement deutlich machte. Er stellte sich zwar nolens volens für die Mitarbeit in der Kammer zur Verfügung und wurde auch als Beisitzer gewählt, aber er nannte es eine „bizarre Situation“. Er finde es mit Blick auf den ZL-Vorstand „skandalös“, zumal es auch nur in Hessen möglich gewesen wäre, dass sich eine ZL-Mitarbeiterin in einen Kammervorstand  einbringt. Und so wurde viel gemunkelt, mein liebes Tagebuch, was die eigentlichen Gründe für die Absage des ZL-Vorstands an Frau Tawab sein könnten. Auf meine Nachfrage sagte Klämbt, er brauche die volle Arbeitskraft seiner ZL-Mitarbeiterin für Umstrukturierungen im ZL. Wenn diese Arbeiten in etwa einem Jahr abgeschlossen seien, könne sie gerne den Platz von Dingermann einnehmen. Na, denn. Ungeachtet des Vorgeplänkels: Funke zeigte sich kämpferisch, sie wolle eine transparente Kammerführung, alle drängenden Probleme anpacken, agieren statt reagieren und nicht auf Berlin warten. Mein liebes Tagebuch, das klingt doch schon mal gut.

Apothekengeschichte wurde bei der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpommern geschrieben: Erstmals ist mit Dr. Dr. Georg Engel der Leiter einer Krankenhausapotheke zum Kammerpräsidenten gewählt worden. Glückwunsch! Mein liebes Tagebuch, da sind wir gespannt, was wir aus Meck-Pom hören werden.

Damit nicht genug der Veränderungen: Beim Sächsischen Apothekerverband trat die langjährige Vorsitzende Monika Koch nicht mehr zur Wahl an. Zu ihrem Nachfolger wurde Thomas Dittrich gewählt. Glückwunsch! Und Dittrich ließ keinen Zweifel aufkommen: Er will ARMIN voranbringen. Mein liebes Tagebuch, da kann man ihm nur die Daumen drücken, denn leicht wird’s nicht werden. Was auch aus Sachsen zu hören war: Für Dittrichs Stellvertreter, Reinhard Groß, ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit ein Schwerpunkt der Vorstandsarbeit. Und er sagte auch: „Eine leistungsgerechte Honorierung ist dringend notwendig.“ Stimmt, äh, das gilt dann auch für die Apothekenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, oder? Wird der Sächsische Apothekerverband nun wieder dem Arbeitgeberverband der Apothekenleiter beitreten und sich an Tarifverträge halten? 

Endlich: Das Bundesgesundheitsministerium hat seinen Entwurf vorgelegt zur Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung. Mit dieser Änderung sollen nun die beiden Stoffe Levonorgestrel (Pidana) und Ulipristalacetat (ellaOne) zur Notfallverhütung als „Pille danach“ bald ohne Rezept in Apotheken erhältlich sein. Doch bevor es soweit ist, muss der Bundesrat zustimmen, das könnte im Februar oder März sein. Und für das europäisch freigegebene Präparat ellaOne zeichnet sich als Konsens, auch beim Hersteller, ab, dass es erst dann rezeptfrei abgegeben werden soll, wenn das Präparat mit einer OTC-Packungsbeilage im Handel ist. Mein liebes Tagebuch, so langsam kann man das Pille-danach-Theater nicht mehr hören. Man könnte meinen, da kommt eine Revolution auf uns zu. Und das Hin und Her ist noch nicht am Ende. Man wird noch darüber diskutieren, was und wie die Apotheker beraten sollen, dürfen, müssen, und es werden sich noch die Panikmacher zu Wort melden, die mit Verweis auf lebenslange Unterhaltszahlungen Ängste schüren, sollte falsch beraten worden sein. Mein liebes Tagebuch, hast Du eigentlich damals was mitbekommen, als die „Pille danach“ in den Niederlande, in Österreich oder in Schweden rezeptfrei wurde? Wie gesagt, in den Niederlande liegt diese Bombe im Drogeriemarkt im Selbstbedienungsregal.

15. Januar 2015

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kommentiert die Freigabe der „Pille danach“ erwartungsgemäß kritisch. Sie meint, dass sich mit der Herausnahme der Notfallkontrazeptiva aus der Verschreibungspflicht die Versorgungsqualität für Frauen nicht verbessern lässt. Ach, wirklich? Mein liebes Tagebuch, da hätten sie mal lieber die Frauen gefragt. Hier hörte man von Anfang an andere Stimmen. Was die KBV auch ins Spiel bringt: Wenn eine Frau trotz Freigabe die ärztliche Sprechstunde aufsucht, sich beraten lässt und dann eine Verordnung erhält, sollte die „Pille danach“ die Kasse bezahlen. Auch vom Ministerium hört man, dass man dies prüfen wolle. Mein liebes Tagebuch, sollte dies so kommen, wird man sehen, wie viele Frauen diesen Weg wählen oder den direkten Gang in die Apotheke und das Präparat selbst zahlen.

16. Januar 2015

Stellungnahme der ABDA zur Freigabe der „Pille danach“: Ist geheim, huhu, wird nicht veröffentlicht, mein liebes Tagebuch – weil es sich um ein nicht öffentliches Anhörungsverfahren handelt. Aber die ABDA setze sich für eine Regelung ein, heißt es, „mit der man sicherstellen kann, dass die Apotheken rechtzeitig über alle relevanten Daten informiert werden können“. Was immer das nun heißen mag.

Die Großhandlung AEP kämpft um ihr Geschäftsmodell, das z. B. darauf fußt, bei Rx-Artikeln bis zu 70 Euro 3 Prozent Rabatt und 2,5 Prozent Skonto zu gewähren. Die Wettbewerbszentrale sieht darin einen Verstoß gegen die Arzneimittelpreisverordnung. AEP weigert sich nun, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Möglicherweise läuft der Streit auf einen Prozess hinaus, in dem AEP dann beweisen will, dass andere Großhändler seit Jahren Rabatte und Skonti „in viel größerer Höhe“ zusagen. Dennoch hofft AEP, dass es nicht zu einem wettbewerbsrechtlichen Gerichtsverfahren zur Skontogewährung kommt. Schon klar, mein liebes Tagebuch, denn auch AEP dürfte bewusst sein, was das heißt: Da liegt Dynamit in der Luft. Und am Schluss gibt’s für alle weniger. Ist doch immer wieder das Gleiche… Aber dennoch wird gezündelt.


Peter Ditzel


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