Hamburger Apothekerverein

Graue: Was am Perspektivpapier stört

Hamburg - 26.11.2014, 12:15 Uhr


Keine Überraschungen, aber etliche fehlende Inhalte – mit diesem Tenor analysierte Dr. Jörn Graue, Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins, das ABDA-Perspektivpapier „Apotheke 2030“ bei der gestrigen Mitgliederversammlung des Vereins. Das Perspektivpapier ist für Graue „das alte Berufsbild in neuen Schläuchen“, es beschreibe eine heilberuflich ausgerichtete Apotheke mit den neuen Leistungen Medikationsplan und -management.

Die Inhalte gingen sicher in die richtige Richtung, seien aber mit Blick auf die Reaktionen der Ärzte und Krankenkassen schwierig zu realisieren, so Graue. „Was uns vor allem stört, ist die Fokussierung auf einen bei aller Demografie in der Minderheit bleibenden Kreis von multimorbiden Patienten“, erklärte Graue. Denn das Hauptklientel der Apotheken seien Menschen, die dauerhaft oder akut ein oder zwei Arzneimittel erhalten und dafür eine Beratung benötigen. Bei der Umsetzung des Perspektivpapiers sei es daher richtig und notwendig, einen deutlicheren Schwerpunkt auf dieses „Brot- und Buttergeschäft“ zu setzen, bei dem auch wirtschaftlich „die Musik spielt“. In Bezug auf neue Leistungen müsse zunächst das ARMIN-Projekt seinen Nutzen zeigen, aber dies hänge davon ab, „ob es gelingt, die erheblichen Widerstände der organisierten Ärzteschaft gegen die angestrebte Augenhöhe abzubauen“, so Graue.

Am Perspektivpapier störe ihn außerdem, was dort nicht drinstehe. Vorstellungen über die künftige Organisation der Versorgung in der Fläche würden fehlen, aber Gesellschaft und Politik würden dazu Antworten erwarten. „Und wenn wir das nicht zügig tun, dann fährt der Bus halt ohne uns ab“, so Graue. Außerdem würden im Perspektivpapier „Fragen der Wirtschaftlichkeit und das Bekenntnis zu einem kunden- und patientenorientierten Handeln auch jenseits der reinen Pharmazie“ kaum adressiert und weitere Handlungsspielräume sogar mit einem Generalverdacht der Gefährdung des Versorgungsauftrags belegt.

Graue mahnte eindringlich, die Struktur der Vergütung nicht anzutasten und diese nicht zu neuen Leistungen umzusteuern, von denen noch niemand wisse, ob sie wirtschaftlich zu erbringen seien und in ausreichender Menge abgerufen würden. Er sehe sich mit dem Deutschen Apothekerverband einig, dass auch künftig das bestehende Leistungsspektrum auskömmlich honoriert werden müsse. Honorarsteigerungen sollten nicht zu pharmazeutisch aufwendigeren oder besonders versorgungsrelevanten Leistungen umgesteuert werden. Die Apotheker ließen sich auch nicht einseifen, indem die Großhandelsrabatte erneut „als Spielmasse für die Vergütung neuer pharmazeutischer Leistungen“ zur Diskussion gestellt würden, wie der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn dies beim Deutschen Apothekertag getan habe. Denn diese Einkaufsvorteile seien überlebenswichtig als Teil des Vergütungssystems und „als Motor für Prozessoptimierung“ unverzichtbar.

Im aktuellen Entwurf des GKV-VSG halten sich für Graue positive und negative Aspekte die Waage. Als beachtenswert hob er die Bevorzugung kooperativer Versorgungsformen, die neue besondere Versorgung mit der Gefahr von Selektivverträgen und die Regulierung der ärztlichen Niederlassung bei hohem Versorgungsgrad hervor. Letztere habe in Hamburg heftige Proteste der Kassenärztlichen Vereinigung ausgelöst, weil Ärzte Eingriffe in ihren Besitzstand fürchten. Wenn Arztpraxen schließen, habe dies aber auch Folgen für Apotheken, mahnte Graue.


Dr. Thomas Müller-Bohn


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