Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

07.09.2014, 08:00 Uhr


Unser Bundesgesundheitsminister glaubt an Therapietreue trotz Rabattverträge. Die Krankenkassen glauben, Transparenzlisten für die Zusatzbeiträge verhindern zu können. Die ABDA glaubt an eine jährliche Überprüfung der Apothekerhonorare. Der Vize des Hessischen Apothekerverbands glaubt an eine Vertretungsbefugnis für PTA. Und die FDP glaubt an ihre Wiederwahl in Thüringen und will den Apotheken mit einer Bundesratsinitiative gegen Nullretax helfen. Mein liebes Tagebuch, schön, dass in der heutigen Zeit noch etwas geglaubt wird. Manchmal kann glauben ja helfen. Wie, das glaubst Du nicht?

1. September 2014

Drogen sind unser Ding. Damit da keine Zweifel aufkommen, hat die Apothekerkammer Nordrhein hier schon mal Pflöcke eingerammt – mit einer an den Gesetzgeber gerichteten Resolution, die besagt, dass die Versorgung besonderer Patientengruppen mit Cannabis in Medizinalqualität (Arzneibuchqualität) durch Apotheken sicher zu stellen ist. Hintergrund ist das Cannabisurteil des Verwaltungsgerichts Köln, das zeigt, dass bestimmten Patientengruppen Zugang zu einer geregelten Versorgung mit Cannabis gewährt werden muss. Die Resolution macht auch klar, dass eine solche Versorgung nicht mit Eigenanbau machbar ist: viel zu unsicher und keine Qualität. Also, wenn schon Drogen, dann nur vom Apotheker. Mein liebes Tagebuch, der Einsatz für Apothekeraufgaben und Qualität ist schon so in Ordnung. Wäre schön, wenn dieses Engagement nicht bei Drogen aufhört, sondern sich bei anderen Themen fortsetzt. Zum Beispiel, wenn es darum geht, der Gesellschaft zu zeigen, wer für die Medikationsanalyse zuständig ist, fürs Medikationsmanagement.

2. September 2014

Unser Bundesgesundheitsminister gehört einer Partei an, die das Wort christlich im Namen führt. Vielleicht ist es darauf zurückzuführen, dass er gläubig ist. Im Prinzip nichts Schlechtes, mein liebes Tagebuch, ob es allerdings so sinnvoll ist, auch in der Gesundheitspolitik und im Gesundheitswesen nach dem Glaubensprinzip zu  agieren, sei mal dahin gestellt. So sagte Gröhe im Interview mit der „Apotheken Umschau“: „Ich glaube nicht, dass die Therapietreue unter den Rabattverträgen leidet.“ Hmm, mein liebes Tagebuch, vielleicht sollte Herr Gröhe mal ein paar Patientengespräche in Apotheken mitverfolgen – er würde vom Glauben abfallen. Immerhin legte er im Interview auch ein Bekenntnis ab: „Wir bekennen uns ausdrücklich zur Apothekenlandschaft, wie sie jetzt ist.“ Na, dann besteht ja noch Hoffnung. Und vielleicht kommt auch noch die Liebe zu den Apotheken.

3. September 2014

Ab Januar 2015 soll mehr Preiswettbewerb bei den Krankenkassen einziehen. Sie dürfen von ihren Versicherten Zusatzbeiträge erheben, wenn sie mit den normalen Beitragssätzen nicht auskommen. Ein solcher Wettbewerb gefällt den Kassen gar nicht. Sie wollen es den wechselwilligen Versicherten so schwer wie möglich machen, die Zusatzbeiträge zu vergleichen. Die Zusatzbeiträge sollen daher nicht übersichtlich der Höhe nach sortiert in einer Liste im Internet zu finden sein. Diese Transparenz scheuen die Kassen wie der Teufel das Weihwasser. Die Versicherten sollen sich vielmehr durch alle 131 Namen der Krankenkassenübersicht klicken müssen, wenn sie die Höhe der Zusatzbeiträge einzelner Kassen vergleichen wollen. Ein bisschen naiv von den Kassen, zu glauben diese Listen könnte man verhindern. Und auch die Politik will sich das nicht bieten lassen. Notfalls will man die Kassen per Gesetz zu mehr Transparenz zwingen.

Sie ist wiedergewählt worden: Gabriele Regina Overwiening. Seit September 2009 ist sie Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe und wird es nun weitere fünf Jahre sein. Sie ist eine überaus aktive Präsidentin, die ihrer Kammer eine Vorwärtsstrategie verordnet hat – und dies überaus erfolgreich. Die Kammer Westfalen-Lippe hat in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle eingenommen, beispielsweise auf dem Gebiet der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS), der Fortbildung oder der Entwicklung von IT-Lösungen für Qualitätsmanagement und Apothekennotdienst. Eines ihrer Ziele: „Alle Apotheken müssen beim Prozess des Medikationsmanagements die zentrale Lotsenfunktion einnehmen.“ Mein liebes Tagebuch, da hat sie sich viel vorgenommen. Wünschen wir ihr, dass sie viele ihrer Ziele verwirklichen kann.

Noch auf dem Wirtschaftsforum forderte der Deutsche Apothekerverband, dass das Apothekenhonorar automatisch dynamisiert werden müsse – eine Forderung, die auch in den Jahren zuvor immer wieder erhoben wurde. Damit soll nun Schluss sein. Im Apothekertagsantrag des Geschäftsführenden ABDA-Vorstands wird jetzt nur noch eine „jährliche Überprüfung der Angemessenheit des Festzuschlages“ gefordert. Diese jährliche Überprüfung, statt der automatischen Dynamisierung, erscheint der ABDA nun eine realistische Forderung zu sein. Für eine automatische Dynamisierung habe man derzeit keine politische Mehrheit gesehen. Ach ja, ABDA, Dynamisierung hin, Überprüfung her. Egal, welcher Mechanismus realistisch ist und wie man sich einer Anpassung des Honorars nähert: Viel wichtiger ist, dass man dann jährlich mit Nachdruck die Honorarfrage in die Politik bringt. Das ist es, was sich in Zukunft vor allem ändern sollte. Von 2004 bis 2010 ist damals nämlich herzlich wenig passiert.

Was die ABDA derzeit noch fordert: die Erhöhung des Sonderentgelts für dokumentationspflichtige Arzneimittel (z. B. BtM), außerdem 8,35 Euro Abgabehonorar auf Rezepturen und eine Erhöhung des Zuschlagbetrags von 16 Cent pro Packung verschreibungspflichtiger Arzneimittel, damit die von der Politik zugesagten 120 Mio. Euro beim Nacht- und Notdienstfonds (NNF) erreicht werden. Mein liebes Tagebuch, das sind moderate, zum Teil längst überfällige Forderungen. Und was ich schon in meinem letzten Tagebuch anmerkte: Es wundert, warum keine Erhöhung der Rezepturpreise gefordert wird. Hält man das nicht für realistisch? Ist die Arbeitszeit des Apothekers und seiner Mitarbeiter(innen) für die Anfertigung von Rezepturen nichts wert? Würde irgendein anderer Beruf etwas anfertigen und sich dafür mit einem Pro-Forma-Honorar abspeisen lassen?

4. September 2014

Na, mein liebes Tagebuch, der diesjährige Apothekertag wird mit Sicherheit spannend werden. Neben dem Perspektivpapier und dem Honorarantrag der ABDA werden wohl auch die Anträge des Apothekerverbands Hessen für Diskussionen sorgen. So möchte der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands, Hans-Rudolf Diefenbach, beispielsweise erreichen, dass die Inhalte des Pharmaziestudiums geändert werden und die Regelstudienzeit um ein Semester verlängert wird. Er zielt dabei auf die Vermittlung von wirtschaftlichen Kenntnissen und eine bessere Kommunikationsfähigkeit ab. Auch die Berufsbilder von PKA und PTA müssen nach Ansicht von Diefenbach grundlegend überarbeitet werden. Nach seiner Auffassung sollte sich ein Apotheker sogar von einer PTA vertreten lassen dürfen. Ups, mein liebes Tagebuch, ob Diefenbach das zu Ende gedacht hat? Das mag für einen Praktiker auf den ersten Blick recht angenehm sein, aber politisch gesehen und wäre das ein Dolchstoß für den Apothekerberuf. Wenn wir unseren Beruf ernst nehmen, wenn wir als Heilberuf auf einer Ebene mit dem Arzt wahrgenommen werden wollen, dann kann und darf es keine Vertretung des Apothekers durch eine PTA geben. Solche Vorschläge sollten besser in die Rundablage.

Was Thomas Preis auf dem Sommerempfang seines Apothekerverbands Nordrhein sagte, das schreiben wir mal so ins Tagebuch, damit es nicht vergessen wird: Beim Medikationsmanagement dürfe kein Flickenteppich in Deutschland entstehen, sondern es müsse eine zentrale Lösung geben. Und: „Medikationsmanagement muss eine Regelleistung der Krankenkassen werden mit einer angemessenen Vergütung.“ Also, hoffen wir, dass auch die anderen Kammern und Verbände bis hin zur Spitze so denken.

5. September 2014

Ja, mein liebes Tagebuch, hätte sich die FDP damals, als sie noch mitregieren durfte, so für die Apotheken eingesetzt wie sie es jetzt vor den Landtagswahlen in Thüringen und Brandenburg tut – vielleicht hätte es für die Fünf-Prozent-Hürde gereicht. Marian Koppe, der Thüringer FDP-Landtagsabgeordnete, will jetzt beispielsweise eine Bundesratsinitiative des Freistaates gegen Nullretaxationen durchsetzen. Was er auf seiner Gesundheitstour durchs Land von Apotheken hörte, so Koppe, sei abenteuerlich. Beispielsweise, dass die Krankenkassen aufgrund von Formfehlern den Apotheken kein Geld für ausgegebene Medikamente zahlten. Ach was? Ist das Thema Null-Retaxation nun auch im Thüringer Landtag angekommen? Mein liebes Tagebuch, da fragt man sich doch, warum erst jetzt? Schon seit drei, vier Jahren ächzen die Apotheken unter skrupellosen Null-Retaxationen wegen geringster Formfehler. Zig Resolutionen gegen Nullretax haben die Apothekerorganisationen schon verabschiedet. Aber politisch hat dies bis vor kurzem so gut wie keinen gejuckt. Erst jetzt, wo es um Kopf und Kragen der FDP geht, nimmt sie sich dieses Themas an. So wie’s aussieht, wird’s die FDP in Thüringen und Brandenburg am nächsten Sonntag wohl kaum schaffen. Was dann aus so einer Bundesratsinitiative wird?


Peter Ditzel


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