Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

06.07.2014, 08:00 Uhr


Über graue Importkanäle werden gefälschte Arzneimittel in Deutschland eingeschleust. Die AOK Rheinland/Hamburg spricht den Hamburger Apotheken die Berechtigung ab, Hilfsmittel abzugeben. Der Großhandel AEP sieht sich nicht als Rosinenpicker. Das Theater um die „Pille danach“ geht weiter. Adexa feiert 60. Geburtstag – noch immer ohne die Sachsen. Das zum Perspektivpapier mutierte Leitbild ist endlich im Kasten. Und das Letzte, mein liebes Tagebuch: Es gibt keine Werbekugelschreiber der Pharmaindustrie mehr. Diese Bestechungsschreibgeräte hat sich Pharma nun selbst verboten.

30. Juni 2014

Geschafft, alles im Kasten. Die ABDA-Mitgliederversammlung hat das Perspektivpapier „Apotheke 2030“, einst Leitbild genannt, verabschiedet und beschlossen, der Hauptversammlung der Apotheker beim Deutschen Apothekertag zu empfehlen, dem Papier zuzustimmen. Das wird dann wohl so passieren, mein liebes Tagebuch. Mit dem Papier können wir leben. Die spannende Frage wird sein: Was wird nun draus? Wie wird man versuchen, das Ziel „Näher an den Patienten“ zu erreichen? Wie rasch werden Fortbildungskurse fürs Medikationsmanagement auf die Beine gestellt? Wie geht man auf die Ärzte zu? Die Arbeit geht erst los.

1. Juli 2014

Wäre zu schön, um wahr zu werden: Endlich wieder direkte Vertriebswege vom Hersteller über den Großhandel an die Apotheke. Mit dieser Forderung hat sich der Bundesverband deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) zu den Arzneimittelfälschungen und -diebstählen zu Wort gemeldet. Mein liebes Tagebuch, dieser dreistufige Vertriebsweg wäre die einzige Lösung, mehr Sicherheit bei der Arzneimittelbeschaffung hinzubekommen. Aber dem stehen die Politik und die Krankenkassen im Weg. Man will Importe, mal will Billigarzneimittel und toleriert dafür graue Beschaffungskanäle, Arzneimittelzwischenhändler und Broker. Ist das nicht unverantwortlich? Würde man den direkten Vertriebsweg gesetzlich festschreiben, wäre das Problem von Fälschungen gelöst. Stattdessen muss mit Securpharm ein teures Sicherheitssystem installiert werden. Die Welt ist verrückt.

Tatort Hamburg: Krankenkasse im Krieg gegen Apotheken. Nach Meinung der AOK Rheinland/Hamburg sind Hamburgs Apotheken ab sofort nicht mehr zur Abgabe von Hilfsmitteln berechtigt, berichtete der Hamburger Apothekerverein. Welchen Grund die Kasse hat, den Hilfsmittelliefervertrag so plötzlich und außerordentlich zu kündigen, steht in den Sternen. Nach Auffassung des Hamburger Apothekervereins ist das der Versuch eines  Rechtsbruchs. Mein liebes Tagebuch, das Thema Hilfsmittel  entwickelt sich zum Desaster – für Apotheken, aber auch für die Versicherten. Ich kann verstehen, wenn Apotheken alle Hilfsmittel aus ihrer Apotheke rauswerfen: nichts als Ärger, nur Bürokratie samt Präqualifizierung und verdient ist daran schon lange nichts mehr. Das Problem dabei ist nur:  Das Scharmützel wird auf den Rücken der Patienten ausgetragen, die ihre Hilfsmittel nicht mehr bequem in ihrer Apotheke erhalten oder nach Haus geliefert bekommen, sondern erst noch Sanitätshäuser aufsuchen oder auf den von der Kasse beauftragten Lieferdienst warten müssen. Ein schwieriger Zustand. Es ist richtig, dass sich der Hamburger AV wehrt und gerichtlichen Rechtsschutz in Anspruch nimmt. Für die Hamburger Apotheken, die dennoch liefern, besteht die Gefahr der Retaxierung. Oder sie müssen sich umständlich die Lieferung von der Kasse genehmigen lassen oder gegen Vorkasse des Patienten liefern – oder eben ganz auf die Lieferung verzichten. Unhaltbare Zustände.

Mein liebes Tagebuch, vielleicht können wir jetzt unsere Werbekugelschreiber der Pharmaindustrie, die sich in verschiedenen Schubladen stapeln, meistbietend versteigern. Sie bekommen Raritätswert, denn ab sofort wird es keine neuen mehr geben. Die „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ zündet eine weitere Stufe ihres Fachkreise-Kodex: ein vollumfängliches Geschenkeverbot. Ja, nicht mal ein Kugelschreiber ist dann noch drin, kein Schreibblock, kein Fachbuch. Ganz zu schweigen von den Videokameras, DVD-Playern und Kaffeemaschinen, mit denen man sich früher bei Ärzten bedankte. Das Vertrauen des Patienten in die individuelle Verordnungsentscheidung seines Arztes soll oberste Handlungsmaxime sein, heißt es. Recht so. Ob man vielleicht noch ein  Schlupfloch findet?

Neue, gesenkte Festbeträge ab 1. Juli: „Patienten drohen Extrakosten für 1800 Medikamente“ (auf Spiegel online), „Millionen Apothekenkunden müssen mehr zuzahlen“ (FAZ) – das Sparen auf Kosten der Patienten hat es in die öffentlichen Medien geschafft. Und dort war auch zu lesen, dass die Schuld dafür nicht bei den Apotheken liegt. Dennoch, den Ärger der Patienten werden auch die Apotheken zu spüren bekommen. Mein liebes Tagebuch, es muss deutlich gemacht werden: Die Kassen sind in ihrer Sparwut nicht mehr zu bremsen. Wie weit führt die Preisspirale, die sich aus Festbeträgen, Rabattverträgen und Importklauseln speist, nach unten? Hinzu kommen für die Hersteller noch Preismoratorium und Herstellerrabatt. Gut möglich, dass einigen Herstellern die Luft ausgeht. Gut möglich, dass einige Präparate vom Markt verschwinden werden. Und die Versicherten werden weiter zur Kasse gebeten.

2. Juli 2014

Ein HV-Tisch, ein Sichtwahlregal, ein Kosmetikregal und (bald) noch ein Computer mit Apotheken- und Beratungssoftware – fertig ist die Trainingsapotheke für angehende Pharmazeuten an der Uni Halle. Hier können Patientengespräche, Kundenberatung simuliert und geübt werden. Nicht der Stas-Otto-Gang, sondern die Kommunikation wird das Zauberwort für den Apotheker der Zukunft. Halle und Hexal gehen da mit gutem Beispiel voran. Solche Initiativen wünscht man sich auch für andere pharmazeutische Institute. Wobei man hinzufügen muss, dass auch vereinzelt anderswo schon Patientengespräche geübt werden, nur nicht vor so realistischem und schickem Ambiente. Aber vielleicht finden sich noch weitere Sponsoren und Förderer, die eine Trainingsapo für andere aufgeschlossene Institute stiften. Zu wünschen wär’s.

Na, das passt zum Hamburger Hilfsmittel-Zoff mit der AOK: Das Online-Vertragsportal (OVP) des Deutschen Apothekerverbands geht an den Start. Es will den Hilfsmittelvertragsdschungel für Apotheken übersichtlicher machen: Welche Verträge hat mein Verband für mich abgeschlossen, welchen Verträge könnte ich beitreten, welchen bin ich beigetreten? Ein gute Sache, wenn sich die Kassen an Verträge halten. Andererseits: Dass überhaupt ein solches Portal notwendig wird, zeigt schon, wie krank dieser Markt durch das Kassengebaren ist.

Rosinenpicker will er nicht sein, aber dafür macht er ordentlich Wind, der jüngste auf dem Pharma-Großhandelsmarkt: AEP. Mit Hilfe der österreichischen Post, die im Hintergrund als Hauptinvestor steht, hat AEP die Logistik ausgelagert, eine schlanke Personal-, Lager- und IT-Struktur und transparente Konditionen aufgelegt. Vor allem: geliefert wird nur einmal am Tag, wie die Geschäftsführer im DAZ-Interview betonen. Sollte eine Apotheke damit auskommen, könnte AEP eine Alternative sein. Man muss allerdings auch sehen: Ohne den etablierten Großhandel könnte ein solches Modell nicht funktionieren. Dann manchmal braucht eine Apotheke eben doch eine zweite oder sogar dritte Lieferung. Wird AEP zur ernsthaften Gefahr für die Klassiker? Kaum. Und warum sollten die Großhändler nicht mal zum Nachdenken angeregt werden, ihr intransparentes  Zeilenrabatt-Gebühren-und Tourensystem  zu überdenken?

3. Juli 2014

Deutliche Worte gegen Reimporte kommen von Dr. Klaus Peterseim, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes klinik- und heimversorgender Apotheken (BVKA). Da erneut Arzneimittel  von einem Importeur illegal  in den deutschen Markt gebracht wurden, forderte er das Ende der Reimportquote. Der Bezug eines Reimports in der Apotheke werde zur Gratwanderung, denn woher der Import stammt, bleibt Geheimnis des Importeurs. Mein liebes Tagebuch, so etwas Irrwitziges wie eine Reimportquote sollte schon längst der Vergangenheit angehören. Hallo, Deutscher Apothekerverband, der Zeitpunkt dürfte günstig sein, auf Politiker zuzugehen und sie für eine Abschaffung der Importquote zu mobilisieren.

Nein, das Thema Pille danach ist noch lange nicht vom Tisch, auch wenn, wie bei einer von den Grünen und der Linken initiierten aktuellen Anhörung im Bundestags-Gesundheitsausschuss, keine neuen Erkenntnisse und ausgetauscht wurden. Sachverständige äußerten ihre alten Bedenken: nur die Ärzte, die auch nachts ausreichend Bereitschaftsdienst hätten, könnten adäquat beraten und über Wirkungen und Nebenwirkungen aufklären. Und die andere Seite: Apotheker sind ausreichend qualifiziert, Patienten profitieren vom niedrigschwelligen Zugang und in anderen Ländern funktioniert das alles schon lange. Jetzt ist erst mal Sommerpause und danach geht das Theater weiter.

4. Juli 2014

Ach wie nett, ach wie fein, alles so easy bei den easyApotheken, wenn man der letzten Pressemitteilung Glauben schenkt. Der Umsatz dieser Discounter-Kooperation sei seit 2011 von 95 auf 155 Mio. Euro gewachsen, easyApotheken hätten im Schnitt 400 Kunden pro Tag, es werde bald die 100. easyApotheke  eröffnen. Na, mein liebes Tagebuch, wenn das kein Jubelbericht ist. Und, wir erinnern uns, dann sollte doch auch noch irgendwann die Container-easyApotheke – so eine Art Ikea-Apotheke – kommen, die in Marktlücken bei Bedarf rasch aufgebaut werden könne. Wir können’s kaum erwarten. Man wird sehen, ob Discount und Apotheke Bestand haben wird.

Keine schlechte Idee von den Brandenburgern: Rezeptur-Ringversuche als Pflicht für alle Apotheken. Die ersten Ergebnisse liegen vor: Gegenüber dem früheren Ergebnis, als die Teilnahme noch freiwillig war, soll die Fehlerquote jetzt deutlich gesunken sein, teilt die Kammer Brandenburg mit. Also, ein bisschen Pflicht ist manchmal gar nicht schlecht. Das könnte die Rezepturqualität mit Sicherheit verbessern. Mein liebes Tagebuch, warum übernehmen dieses Modell nicht die übrigen Kammern? Wie wär’s mit einem Antrag auf dem Deutschen Apothekertag?

5. Juli 2014

60 Jahre und kein bisschen leise – die Apothekengewerkschaft Adexa feierte Geburtstag in Hamburg. Viele Ehrengäste, Grußworte, Geselligkeit und Spaß – es war eine runde und nette Feier, die Barbara Neusetzer, die Vorsitzende von Adexa, und ihr Team auf die Beine gestellt hatten. Gegründet 1954 als Bundesverband der Angestellten in Apotheken (BVA), umgetauft in Adexa im Jahr 2004, setzt sich diese Organisation dafür ein, dass Apothekenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter ordentlich bezahlt werden, regelmäßige Gehaltserhöhungen bekommen, faire Arbeitsbedingungen haben und ausreichend Urlaub. „Sie haben viel erreicht und vieles richtig gemacht“, sagte Hamburgs Kammerpräsident Siemsen in seinen Grußworten. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt, der zugleich Präsident der Landesapothekerkammer Sachsen ist, schätzt Adexa als kompetenten Verband für die Interessen der Mitarbeiter. Alles wichtig, alles richtig, mein liebes Tagebuch, aber da gibt es noch einen dunklen Fleck: Vielleicht kann sich Schmidt als Kammerpräsident mal mit dem Sächsischen Apothekerverband unterhalten. Denn der ist 1996 aus dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheker (ADA) ausgetreten mit der Folge, dass der Bundesrahmentarifvertrag nicht in Sachsen gilt. Das heißt: Die sächsischen Apothekenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter partizipieren z. B. nicht am bundesdeutschen Gehaltstarifvertrag. Es soll in Sachsen Apotheken geben, die ihren Mitarbeitern bis zu 30 weniger Gehalt bezahlen. An den von Adexa ausgehandelten Tariferhöhungen nehmen die Mitarbeiter auch nicht teil. Jetzt soll ARMIN (nicht nur für Schmidt eine Herzenssache) in Sachsen ans Laufen kommen. Gerade bei diesem Projekt kommt es auf gute und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Wäre es da nicht endlich an der Zeit, dass sich die sächsischen Zustände ändern? Und sollten die sächsischen Arbeitgeber keine Lust auf den ADA haben: sie dürfen sich sicher gerne auch der TGL, der Tarifgemeinschaft der Apothekenleiter in Nordrhein anschließen. 


Peter Ditzel


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