Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

29.06.2014, 08:00 Uhr


Neues Haus, neues Logo und das Perspektivpapier ist durch – bei der ABDA war einiges geboten in dieser Woche. Mein liebes Tagebuch, zwölf Jahre ABDA-Residenz in der Jägerstraße neigen sich dem Ende. Und alles wird gut. Nicht so vorschnell. Ob wirklich alles gut wird, muss sich noch zeigen. Gefahren drohen auch von außerhalb: Sachverständige wollen Fremd- und Mehrbesitz, die EU sieht die Freien Berufe skeptisch. Und was unser Bundesgesundheitsminister zu alledem denkt, bleibt im Verborgenen. Er wird’s uns hoffentlich bald sagen, spätestens auf dem Apothekertag in München, wenn ihm die Apotheker ihr Perspektivpapier 2030 mit auf den Weg geben.

23. Juni 2014

Man setzt auf Bewährtes – in Bayern. Die bayerischen Delegierten wählten ihren neuen Vorstand. Es ist der alte – da gab’s keine Überraschungen in München. „Never change a winning team“, wurde als Parole ausgegeben und Gegenkandidaten gab’s auch nicht. Also heißt der Vorstand der Landesapothekerkammer Bayern für die nächsten vier Jahre:  Thomas Benkert als Präsident, Jutta Rewitzer und Ulrich Koczian als Vize.

Man kann sich bessere Wochenanfänge vorstellen. Die Forderung nach Fremd- und Mehrbesitz bei Apotheken, nach Preiswettbewerb bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln flackerte wieder auf. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen (man kann daran zweifeln, mein liebes Tagebuch, ob da wirklich soviel Sachverstand vorhanden ist) übergab sein „Gutachten zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ an Bundesgesundheitsminister Gröhe. Alle zwei Jahre wird so ein Gutachten erstellt; die Arzneimittelversorgung spielte sonst keine große Rolle, aber dieses Mal: 100 von 600 Seiten befassen sich damit. Das „Relikt mittelalterlicher Zunftstrukturen“, das Fremd- und Mehrbesitzverbot, lasse sich heute weder ordnungs- noch versorgungspolitisch begründen und stehe einer effizienten und effektiven Arzneimitteldistribution im Wege, heißt es da. Und ob sich das Fremd- und Mehrbesitzverbot begründen lässt, mein lieber Sachverständigenrat. Ein Blick in die Begründung zum EuGH-Urteil von 2009 genügt und alle Argumente liegen auf dem Tisch. Sie haben nichts an Aktualität verloren.

Und der zweite Störfaktor aus Sicht der sogenannten Sachverständigen: kein Preiswettbewerb bei Rx-Arzneimitteln. Das sollte doch geändert werden: mit einer einheitlichen Apothekenfestspanne, die die durchschnittlichen Vertriebskosten und den Unternehmerlohn abdeckt, und einer apothekenindividuellen Handelsspanne, die frei obendrauf kalkuliert werden könne quasi als Wettbewerbsparameter, „um mit einem günstigen Abgabepreis zusätzliche Nachfrage zu generieren“. Na super, mein liebes Tagebuch, wie soll denn das gehen? Es sind die Ärzte, die Rx verordnen und die Mengen beeinflussen. Außerdem kann es wohl nicht im Interesse der Volksgesundheit sein, auf diesem Markt durch günstige Preise „zusätzliche Nachfrage zu generieren“. Meine Damen und Herren Sachverständige, wo bleibt denn da der Sachverstand? Außerdem: Nicht alles Heil liegt in Deregulierung und mehr Wettbewerb, wie viele Beispiele aus der Wirtschaft in den letzten Jahren zeigten. Bei so wenig Sachverstand stimmt auch der kleine Lichtblick im Sachverständigengutachten kaum versöhnlich: Apotheken könnten als ein Element der Primärversorgung in eine integrierte Versorgungsform mit eingebunden werden, sie könnten netzinterne Positivlisten erstellen und zusammen mit Ärzten ein Medikationsmanagement übernehmen. Unser Fazit, mein liebes Tagebuch: Gut, das ein solches Gutachten nicht als der Stein der Weisen angesehen wird. Lochen, heften, ablegen.

24. Juni 2014

Und was sagt die ABDA zum Sachverständigengutachten? Da wird erst mal kräftig gelobt. Ja wie? Ja klar, gelobt. „Es ist sehr gut, dass der Sachverständigenrat sich in seinem Gutachten mit Perspektiven zur bedarfsgerechten und ländlichen Versorgung auseinandersetzt“, lässt der ABDA-Präsident über sein Pressestelle verkünden. Und wie nett vom Sachverständigenrat, dass er sogar vorschlägt, die Apotheken in integrierte Versorgungsformen einzubinden, wo sie zusammen mit den Ärzten das Medikationsmanagement übernehmen dürfen. Damit unterstütze der Sachverständigenrat „eines der zentralen versorgungspolitischen Projekte der Apothekerschaft“, tönt es aus der Jägerstraße voll des Lobes. Ui ui ui, mein liebes Tagebuch, vernebelt das Wort „Medikationsmanagement“ gleich alle Sinne? Was nützt das schönste MM, wenn wir es in einer Kettenapotheke mit freien Rx-Preisen tun dürfen/müssen? Na ja, immerhin schiebt der Präsident eine gewisse weichgespülte Skepsis zu den anderen Forderungen des Sachverständigengutachtens nach. Da ist dann die Rede davon, dass die Gutachter die besondere Rolle der Apotheke wohl verkennen oder dass eine weitere Deregulierung die Lösung eines Problems wäre, das es nicht gibt. Mein liebes Tagebuch, ein bisserl deutlichere und schärfere Kritik am Gutachten hätte nicht geschadet.

Jetzt wird’s lustig: Die Europäische Kommission hat ein Logo eingeführt, das es Patienten ab Mitte 2015 ermöglichen soll, autorisierte Internet-Apotheken zu identifizieren. Ein Klick aufs Logo, das auf den Seiten von Internet-Apotheken eingebaut werden kann, soll den User auf eine Seite mit einer Liste aller zugelassenen Arzneimittelvertreiber weiterleiten. Mein liebes Tagebuch, ha, ha, ha, das Logo wird schneller auf den Seiten dubioser ausländischer  Internet-Apotheken zu finden sein, als der Europäischen Kommission lieb ist. Ist man in Brüssel so naiv und glaubt, ein Logo sei fälschungssicher und bringe Sicherheit?

25. Juni 2014

Surprise, Surprise! ABDA will Apothekerhaus verkaufen. Die Vernunft ist zurück, mein liebes Tagebuch. Aber, mal ehrlich, alles andere wäre auch Harakiri gewesen. Die Mitgliederversammlung fasste den Beschluss, das Apothekerhaus nicht – wie angedacht – aufzustocken, sondern in ein neues Gebäude (Neubau oder Miete) zu ziehen und das Palais „gegebenenfalls“ zu verkaufen. Und woher kommt der Meinungsumschwung? Also, na klar, man hätte das Haus in der Jägerstraße aufstocken können (der Denkmalschutz war noch nicht gefragt worden): Das hätte mehr Bürofläche gebracht, aber keine ausreichende Reserve für eine weitere Ausdehnung, die man brauche. Daher die Kehrtwende. Denn die ABDA will wachsen, braucht mehr Mitarbeiter und Räume. Und nun: Man sucht nach einem neuen Apothekerhaus in Berlin Mitte, Anmietung ist denkbar, aber auch der Neubau eines Bürogebäudes. Mein liebes Tagebuch, das muss jetzt mal sein: Glückwunsch zu dieser Entscheidung, die einigen sicher nicht leicht gefallen ist, ein bisschen Gesichtsverlust schwingt mit, aber er wird auszuhalten sein. Was vor zwölf Jahren begann, findet nun bald ein Ende. Mit einem nüchternen Blick zurück wird man sagen müssen: Klar, es war von Anfang an das falsche Haus, auch wenn einige das heute immer noch nicht wahrhaben wollen. Berauscht von Pomp und Pathos eines Palais glaubte man wohl, dass die Räume irgendwie dehnbar sind – denn ähnlich wie heute muss man doch damals schon gewusst haben, dass die Zimmer nicht ausreichen. Die Nähe zur Politik, ein Kaminzimmer, etwas Repräsentatives, eine werterhaltende Immobilie – das waren nur einige Worte, mit denen den Delegierten und der Basis das Haus damals schmackhaft gemacht werden sollte. Okay, man hatte seinen Spaß, man konnte Hof halten. Jetzt hat man die Chance, es besser zu machen. Da gibt’s nur ein kleines Problem: Was tun mit dem jetzigen Apothekerhaus? Eine „wertschonende Lösung“ wird gesucht. Wird nicht einfach. Denn vor einem möglichen Verkauf muss noch ein bisschen investiert werden, z. B. in Brandschutzmaßnahmen und Sicherheitsauflagen. Und Schlange stehen die Käufer nicht. Aber, wir wollen da mal nicht unken. Es kann nur besser werden.

Vom Leitbild zur Perspektive Apotheke 2030: Jetzt ist es durch. Die ABDA-Mitgliederversammlung hat das Papier einstimmig verabschiedet. Dass es bei der noch ausstehenden Verabschiedung auf dem Apothekertag Probleme damit geben könnte, davon scheint man nicht auszugehen. Traditionalisten und Reformer seien gleichermaßen unzufrieden mit dem Papier, stellte ABDA-Präsident Schmidt fest, was ihn wiederum ausgesprochen zufrieden macht. Denn das sei „ein Beleg dafür, dass wir genau den richtigen Kompromiss gefunden haben“. So kann man’s sehen. Mein liebes Tagebuch, in der Tat, man kann mit dem Papier leben. So richtig spannend wird’s doch erst jetzt: Was macht man aus dem Papier, wofür muss es herhalten und welche konkreten Maßnahmen leitet man daraus ab? Da weiß die ABDA weiter: Nach dem Leitbildprozess kommt der Strategieprozess mit den Themen Qualifikation (Aus-, Fort- und Weiterbildung), Medikationsmanagement und Versorgungsstrukturen (ländliche Versorgung, Netzwerke). Voila, da geht’s lang in die Zukunft.

26. Juni 2014

Und immer wieder Gefahr aus Brüssel, Gefahr von der Europäischen Kommission. Man kann sich nie sicher sein, dass selbst bewährte Strukturen in unserem Gesundheitssystem bleiben. Das zeigte eine Diskussionsrunde auf dem Hauptstadtkongress „Medizin und Gesundheit“. Hier erfuhr man, dass die EU-Kommission zur Harmonisierung nationaler Regelungen wie dem System der Freien Berufe tendiert, solche Systeme auf den Prüfstand stellt, und als Ziel gerade bei den Freien Gesundheitsberufen mehr Wettbewerb will. Die anwesenden Präsidenten von Bundesärzte-, Bundeszahnärzte- und Bundesapothekerkammer waren sich da allerdings einig: keine vorschnelle Deregulierung. Stattdessen sollte der selbstverwaltete Heilberuf erhalten bleiben. Mein liebes Tagebuch, EU ist ja schön und gut, aber man kann verstehen, wenn die Bürger die Regulierungswut leid sind und Frust verspüren.

27. Juni 2014

Neues Perspektivpapier, neues Haus – und jetzt auch noch: neues Logo. Die alte Dame ABDA hübscht sich auf und gönnt sich ein Facelifting. Na ja, mein liebes Tagebuch, bleiben wir auf dem Boden: Es ist das ABDA-Logo, also die vier Buchstaben mit der Schattenschrift und dem roten Apotheken-A dahinter, das graphisch aufpoliert werden soll. Wie’s danach aussehen wird? Damit rückte man in Berlin noch nicht heraus. Beim Apothekertag in München soll das neue Logo, das dann durchgängig auf allen Briefköpfen, bei Kampagnen und Auftritten der ABDA erscheint, vorgestellt werden. 

Die Apotheker scheute er bisher wie der Teufel das Weihwasser. Aber jetzt will er darin baden. Bundesgesundheitsminister Gröhe will die Apotheker im September auf dem Apothekertag in München besuchen. Das Gutachten des Sachverständigenrats bewertete er erst mal positiv: Man wolle die Vorschläge der Gutachter „sorgfältig auswerten“. Ob er allerdings eine Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots gut findet, dazu war nichts zu erfahren.

Kammerwahl: Während in Bayern alles beim Alten blieb, ist das in Nordrhein noch nicht sicher. Das zeigte das erste Ergebnis der Kammerwahl in Nordrhein. Der bisherige Kammerpräsident Lutz Engelen und seine „Aktive Liste Zukunft“ blieb zwar stärkste Gruppierung (31 Sitze), musste aber Verluste hinnehmen. Er wird sich nun nach Koalitionspartnern aus anderen Listen umsehen müssen. Gewählt wurde auch im Kammerbereich Westfalen-Lippe. Dort entfielen die meisten Stimmen auf die von Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening angeführte Gemeinschaftsliste. Einen neuen Vorstand wählt die Kammerversammlung am 3. September. Mein liebes Tagebuch, was in Nordrhein und Westfalen-Lippe stutzig macht: Die Wahlbeteiligung war im Vergleich zu vor vier Jahren geringer, nur knapp 37 Prozent in Bereich Nordrhein und knapp 40 Prozent in Westfalen-Lippe. Woran liegt’s? Lässt das Interesse an der Berufspolitik, an der Kammerarbeit nach?


Peter Ditzel


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