Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

15.06.2014, 08:00 Uhr


R.E.T.A.X.A.T.I.O.N – voll krass, wie Kassen dieses Instrument gegen Apotheken einsetzen. Es wird zum Unwort des Jahres für uns Apotheker. Mit immer absurderen Begründungen werden Verordnungen retaxiert. Mit dem Urteil des Bundessozialgerichts glauben die Kassen, Oberwasser bekommen zu haben. Retaxationen werden zur Einnahmequelle der Kassen. Und das „Beste“: Die Bundesregierung sieht bei Null-Retaxationen „derzeit keinen gesetzlichen Änderungsbedarf“. Na prima, mein liebes Tagebuch, will man so einen Heilberuf in die Knie zwingen? Und auch das schreckte in der letzten Woche auf: Gefälschte Arzneimittel aus Italien in die legale Handelskette eingeschleust. Hätte Securpharm das verhindern können?

10. Juni 2014

Ja, was ist das denn: Klinik-Abrechnungen sind überwiegend falsch. Den Versicherten entstehe dadurch ein Schaden von über zwei Milliarden Euro, berichtet die Frankfurter Rundschau mit Berufung auf den GKV-Spitzenverband. Kliniken hätten Behandlungen aufgelistet, die sie nicht in dem behaupteten Umfang oder sogar überhaupt nicht erbracht haben. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wehrt sich gegen solche Behauptungen. Mein liebes Tagebuch, die eine oder andere Falschabrechnung wird es wohl gegeben haben. Und da fragt man sich doch: Wie wird das nun geregelt? Etwa durch Nullretaxation? Mit Sicherheit nicht. Schon klar, eine Klinikrechnung ist keine Arzneimittelabrechnung. Aber dennoch, beides sind Leistungen. Und da bleibt die Frage im Raum: Warum wird eine Rezeptabrechnung, wenn sie in den Augen der Krankenkassen falsch ist, auf null retaxiert, während andere Leistungserbringer über ihre Leistungen vermutlich verhandeln können?

Ja, und dann das: Die Bundesregierung sieht beim Thema Null-Retaxation „derzeit keinen gesetzlichen Änderungsbedarf“. Das sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Annette Widmann-Mauz (CDU), in einer Antwort auf eine schriftliche Frage der Linksfraktion. Sie beruft sich dabei auf die Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung und damit auf die Sicherung der finanziellen Stabilität der gesetzlichen Krankenkassen: Dies sei ein überragend wichtiger Gemeinwohlbelang, der die Einschränkung der Berufsfreiheit der Apotheker rechtfertige. Man kann dies verstehen, wenn es um das Nichteinhalten von Rabattverträgen geht. Aber wenn kleinlichste Formfehler auf dem Rezept, die nun wirklich nicht die Wirtschaftlichkeit und finanzielle Stabilität der Krankenkassen gefährden, zu einer Nullretaxation führen und keine Möglichkeit  zur Nachbesserung besteht, dann, mein liebes Tagebuch, dann sind die Apotheker die Gelackmeierten. Das kann’s nicht sein. Warum sollte es nicht möglich sein, über Lieferverträge entsprechende Vereinbarungen zu treffen, um Mini-Formfehler nachbessern zu können? Hallo, Herr Spahn, Herr Hennrich, wollten Sie sich nicht für uns Apothekers gegen das Retaxationsungeheuer einsetzen?

Die apothekereigene Pharmagroßhandlung Noweda wurde 75 Jahre alt, Grund zum Feiern  mit einem Festakt am 7. Juni. Auch wenn die Zeiten härter geworden sind: Sie steht gut da, die Genossenschaft. Und die Idee der Genossenschaft ist nach wie vor attraktiv. Der Apotheker, der Mitglied ist, darf von „seiner“ Noweda sprechen. Sogar der ABDA-Präsident überbrachte Grüße und ein Gleichnis. Das Zusammenwirken von Großhandel und Apotheker erinnere ihn an die „biologische Symbiose von Ameisen und Blattläusen“. Die Ameise schütze die Blattlaus und „dürfe sie dafür melken“. Ameise und Blattlaus bildeten wie Großhandel und Apotheken ein „gemeinsames System“. Schmidt verriet allerdings nicht, wer die Ameise und wer die Blattlaus ist. Mein liebes Tagebuch, dann lassen wir das mal so stehen.

11. Juni 2014

Was Engelen auf der letzten Delegiertenversammlung der Kammer Nordrhein deutlich zeigte: Das angeblich für die Apotheken ach so gute Jahr 2013 war, wenn man genau hinschaut, gar nicht so gut. Berechnet man die realen kalkulatorischen Kosten mit ein, ergibt sich in der GKV-Versorgung eine Unterdeckung von fast fünf Prozent. Und wenn man dann noch die Mitarbeitergehälter angleicht, wäre man bei einer Unterdeckung von sieben Prozent. Na prima, da gibt es nichts zu feiern. Daher kann die Forderung an die Politik nur lauten: Mehr Honorar für Apotheker. Und damit diese Forderung mal nicht in den politischen Untiefen versinkt, hat die Kammerversammlung Nordrhein einstimmig eine Resolution verabschiedet. Der Gesetzgeber soll, so die Forderung, für eine Anpassung und Dynamisierung der Arzneimittelpreisverordnung sorgen. Denn: „Im Bereich der Versorgung der gesetzlich Versicherten mit Arzneimitteln entspricht die Vergütung der apothekerlichen Leistung nicht dem hierzu nötigen betrieblichen (unternehmerischen) Aufwand“. Engelen setzt sich dafür ein, dass die Überprüfung des Honorars jährlich erfolgen müsse. Und mit dieser Forderung legt der Kammerpräsident von Nordrhein, Lutz Engelen, eins drauf, denn die bisherigen Forderungen des Deutschen Apothekerverbands waren ihm da zu zurückhaltend. Und er verwies erneut auf die Studie zur BtM-Gebühr, derzufolge der BtM-Mehraufwand bei 8,31 Euro liegt. Richtig, bei diesen Themen darf man nicht locker lassen. Mein liebes Tagebuch, hier sollte es auch auf dem Apothekertag einen entsprechenden Antrag geben.

12. Juni 2014

In Italien werden Arzneimittel wie Herceptin, Humatrope, Remicade oder Avastin aus Kliniken gestohlen und in die Handelsketten eingeschleust. Es gibt Hinweise, dass mehr als 60 Wirkstoffe betroffen sein können. Deutsche Behörden sind bereits in die Ermittlungen eingeschaltet. Illegale Firmen hätten die gestohlenen Präparate manipuliert und teilweise ohne den deklarierten Wirkstoff wieder in den Handel gebracht, so die Meldungen der Behörden. Was man auch immer darunter zu verstehen hat, Fakt ist wohl, dass gefälschte Arzneimittel in Umlauf gekommen sind. Da fragt man sich, an welcher Stelle die Fälschungen in die legale Handelskette eingeschleust wurden. Über Zwischenhändler, bei denen Großhandlungen kaufen? Über Reimportfirmen? Mein liebes Tagebuch, die früher einmal gepriesene sichere Lieferkette Hersteller – Großhandel – Apotheke – die war einmal. Heute gibt es Logistikketten, die über mehrere (Um)Wege laufen, beispielsweise Reimport-Wege.

Der sicherste Weg wäre demnach der Direktbezug vom Hersteller. Aber es ist natürlich illusorisch zu glauben, alles direkt beziehen zu wollen. Ohne Großhandel geht es nicht. Aber vielleicht ohne Reimporte, oder? Ja, und dann wird zurzeit das Sicherheitssystem Securpharm aufgebaut, mit dem sich jede Packung verfolgen lässt, vom Hersteller bis in die Apotheke. 2017 soll es an den Start. Gut möglich, dass die jetzt entdeckten Fälschungen mit Securpharm nicht machbar gewesen wären.

Nochmal das Thema Reimporte, jetzt von der Retax-Seite. Die Hessische AOK retaxiert Apotheken, die kurzwirksame Insuline, die als Reimport verordnet waren, auch als solche geliefert haben. Weil die Kasse für einige dieser Präparate aber Rabattverträge mit Originalanbietern abgeschlossen habe, gebe es für diese Präparate keine Möglichkeit der Abgabe von Reimporten, argumentiert die Kasse. Rabattvertrag geht vor Reimport. Na super. Es ist  doch immer wieder schön, wenn sich die unterschiedlichen Einsparmaßnahmen selbst im Weg stehen. Das Pikante in diesem speziellen Fall: Wie der Hessische Apothekerverband mitteilt, besteht der Import aus 9x3 ml, das Original aus 10x3 ml. Daher gebe es keine computergestützte Verknüpfung zwischen Import und rabattiertem Original. Und daher greife der Austausch im Normbereich – anders als beim Austausch im Generikabereich – nicht. Der HAV werde die Retaxationen nicht akzeptieren und rechtliche Schritt prüfen. Hoffentlich. Denn, mein liebes Tagebuch, was da abläuft, ist nicht mehr feierlich. Diese Spitzfindigkeiten der Kassen dienen nur noch einem Zweck: Bereicherung auf Kosten von uns Apothekerinnen und Apothekern.

13. Juni 2014

Einige Kassen sind wieder in die roten Zahlen gerutscht, so aktuelle Meldungen über Defizite im ersten Quartal 2014. Der GKV-Spitzenverband nimmt dies zum Anlass, vor steigenden Beiträgen zu warnen. Und, klar, er baut vor. Denn ab 2015 greift die gesetzliche Neuregelung, dass der Einheitsbeitragssatz zur Krankenversicherung abgesenkt wird. Wenn Kassen dann nicht mit diesen Beiträgen auskommen, können sie als Ausgleich Zusatzbeiträge von ihren Versicherten erheben. Und damit die Versicherten nicht zu einer günstigeren Krankenkasse wechseln, werden sie versuchen, die Zusatzbeiträge niedrig zu halten – und mehr Druck auf Leistungserbringer auszuüben, um die Ausgaben zu senken. Mein liebes Tagebuch, da braucht man kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, was das für Apotheker-Themen wie Retaxationen und Honorarforderungen bedeutet.

Eine Kinder-Klinik in Dallas, USA, hat für die Notaufnahme zehn Vollzeit-Apotheker eingestellt und ist begeistert über das Wissen und die Leistung der Pharmazeuten, berichtet ein US-Radiosender. „Apotheker in der Notaufnahme sind das Beste, was uns passieren konnte. Das Wissen, das sie haben, und das Können, das sie mitbringen, sind unglaublich“, so lautet einer der Kommentare der Klinik zu diesem Bericht. Apotheker entdecken Medikationsfehler und prüfen die Verordnungen der Ärzte z. B. auf Arzneimittelinteraktionen. Freilich, die Apotheker kosten Geld. Aber es gibt bereits Daten, dass durch die Leistungen der Pharmazeuten die Zahl der Krankenhauseinweisungen reduziert werden kann. Und das spart letztlich mehr Geld – und rettet Leben. Mein liebes Tagebuch, von solchen Erkenntnissen sind unsere Krankenkassen in Deutschland noch weit entfernt. Da benutzt man Apotheker lieber als Retaxationsmelkkühe, will sie auf die bürokratische Überprüfung von Formfehlern reduzieren, statt ihr Wissen und ihre Arzneimittelkompetenz zu nutzen und zu honorieren. Denk ich an Deutschland in der Nacht...


Peter Ditzel


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