Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

11.05.2014, 08:00 Uhr


Den durchschnittlichen – das sind nicht unbedingt die typischen – Apotheken, also denen, die nicht schließen mussten, geht es ein bisschen besser. Das muss reichen, meint die Politik, daher ist an mehr Geld erst mal nicht zu denken. Und mit diesem Frust in der Tasche diskutieren wir munter unser Leitbild weiter, hängen Plakate an Bahnhöfen und Apothekenschaufenstern auf und freuen uns, wenn wir die Problemlöser der Nation sind, uns um die Arzneimitteltherapiesicherheit kümmern und Systeme gegen Fälschungen aufbauen. Wir lassen uns dafür auf null retaxieren und nehmen hin, dass unser Gesundheitsminister uns nicht mal zutraut, die Pille danach abzugeben. Mein liebes Tagebuch, das ist Apothekers Woche.

5. Mai 2014

Für „übertrieben“ hält der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Walter Schwerdtfeger, die Aufregung wegen der bisherigen Arzneimittel-Lieferengpässe in Deutschland. Es sei zwar „störend, wenn ein Medikament  zeitweise nicht verfügbar ist“, sagte er, aber dramatisch für die Bevölkerung seien die Engpässe noch nicht. Mein liebes Tagebuch, das ist ja fast schon zynisch, da redet er das Problem klein. Zum einen: Wenn er die Engpässe derzeit nicht als dramatisch wahrnimmt, dann nur deshalb, weil Großhandlungen, Apotheker in öffentlichen und vor allem auch in Krankenhausapotheken die wahren Improvisier- und Beschaffungskünstler sind und durch großen persönlichen Einsatz und ihre Kontakte versuchen, die fehlenden Arzneimittel von irgendwoher doch noch zu beschaffen. Wäre er oder seine Familie persönlich betroffen, würde ein Zytostatikum, ein Antibiotikum oder ein Schilddrüsenpräparat für die Mutter nicht oder nur schwer beschaffbar sein, würde das Urteil über Lieferengpässe mit Sicherheit anders ausfallen. Und: Muss die Situation sich erst noch stärker zuspitzen, bis BfArM und Politik sie als „dramatisch“ empfinden? Immer erst handeln, wenn’s fünf vor zwölf ist?

Immerhin, Schwerdtfeger hat eine verbindliche Regelung für die Hersteller gefordert, Produktionsprobleme und Lieferschwierigkeiten sofort zu melden. Damit ist man noch lange nicht bei den Ursachen, und besser wurde dadurch auch nichts, aber man weiß, dass was fehlt und wie lange. Äh, ist doch ein Super-Management, oder?

Knapp ein Viertel der deutschen Apotheken wollen „für die Kleinen da sein“ oder „schneller als das Internet sein“ und machen beim Start bei der ABDA-Imagekampagne „Näher am Patienten“ mit. Rund 5000 – ist das nun viel oder wenig für eine Imagekampagne? Hm, kommt drauf an, wie man’s sieht. Für den Anfang nicht schlecht, es könnten aber noch ein paar mehr werden, oder? Die Kampagne will die Öffentlichkeit über das breite Leistungsspektrum der Apotheken informieren. Gut, dass endlich überhaupt mal eine Kampagne läuft, sagen die einen: Plakate in Apotheken, Plakate an großen Bahnhöfen und im Stadtgebiet Berlin. Dazu eine Internetseite „wir-sind-ihre-apotheken.de“, die übrigens gar nicht so schlecht gemacht ist. Und andere meinen, die Kampagne sei altbacken und sinnlos, und machen daher gleich gar nicht mit. Unterm Strich: Reicht das alles für eine mediale Durchdringung, für eine Knaller-Kampagne, über die Deutschland spricht? Eher nicht, aber ist vielleicht besser als nichts. Immerhin stand seit Jahren der Wunsch von vielen im Raum, endlich mal mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Jetzt ist sie da. Ob sie was und was sie bringt, wird man sehen. Ist letztlich schwer messbar. Eigentlich schneiden Apotheken in Umfragen bereits gut ab. Und, mein liebes Tagebuch, die beste Imagewerbung ist immer noch Tag für Tag der Apotheker und sein Team in der Apotheke – wenn sie gut sind.

Der Apothekenbus ist eingemottet. Jedenfalls bei der SPD in Brandenburg. Sie hat den entsprechenden Passus im Entwurf für ihr Wahlprogramm gestrichen. Garage auf, Bus rein, Tür zu. Die Kammer Brandenburg ist erleichtert.

6. Mai 2014

Die Leitbilddebatte läuft. Eine erste, weitverbreitete „Trendmeinung“ zum Entwurf, der noch bis Mitte Mai online steht: Mit einem Leitbild, wie es der Entwurf skizziert, kann man weitgehend leben, wenn, ja wenn an der einen oder anderen Stelle noch nachgebessert wird. Und da hoffen wir doch mal, dass die Autoren die Anregungen und Meinungen aus den Kommentaren aufmerksam lesen und in den Feinschliff des Leitbilds einbauen. Funktionärskreise halten sich mit öffentlichen Äußerungen zum Leitbild überwiegend  zurück. (Warum eigentlich?) Nicht so Klaus Michels, Chef des Apothekerverbands Westfalen-Lippe. Er zeigte sich sogar relativ zufrieden: „In den Passagen zu den Dienstleistungen und zum Leistungsangebot finden wir uns jetzt wieder“, sagte er. Fein. Nachdem er anfangs zu den Kritikern der Leitbilddiskussion gehörte, weiß er nun: „Man kann mit dem Entwurf sicherlich leben.“ Dass das Leitbild das Wohl und die Bedürfnisse der Patienten in den Mittelpunkt stelle, „dieser Paradigmenwechsel ist richtig“. Na, geht doch.  

Der Vize-Chef des Hessischen Apothekerverbands, Hans-Rudolf Diefenbach, hadert dagegen mächtig mit dem Entwurf. Die neuen Aufgaben und Anforderungen führen nach seiner Ansicht geradewegs in eine andere Apothekenlandschaft, „die ich nicht möchte“. Er meint, die dort formulierten hohen Ansprüche seien von einer normalen Apotheke nicht zu leisten. Stattdessen benötigten die Apotheker eine Strategie-Diskussion, wie sie wirtschaftlich überleben könnten. Mein liebes Tagebuch, vielleicht sollte sich Herr Diefenbach nochmal die Intention des Leitbildes in Erinnerung rufen: Hallo, es ist auf die Zukunft ausgerichtet. Es zeigt die Richtung, wo’s hingehen soll. Der Apotheker soll nicht als Logistiker wahrgenommen werden, sondern als Heilberuf, nah am Patienten. Dass viele Apotheken heute noch nicht ganz so weit sind, soll nicht beunruhigen. Fort-, Aus- und Weiterbildung werden uns in die „neue Apothekenwelt“ bringen. Also, Herr Diefenbach, das wird schon, keine Sorge. Einfach mal nach vorne schauen. Und, ja klar, übers Honorar und die wirtschaftlichen Strategien muss ausführlich gesprochen werden, an anderer Stelle.

Mein liebes Tagebuch, vielleicht sollte man mal – analog zum Leitbildprozess – eine „ABDA-AG Honorar und Strategie“ auf den Weg bringen und ein Strategiepapier entwerfen. Wie wär’s Herr Diefenbach?

7. Mai 2014

Alle Jahre wieder: Wirtschaftsforum des Deutschen Apotheker Verbands, dieses Jahr in Berlin. Die wirtschaftliche Lage: den Apotheken – jedenfalls denen, die übrig geblieben sind und nicht schließen mussten –  geht’s leicht besser dank kleinem Honorarplus, den Auszahlungen aus dem Nachtdienstfonds und weniger Kassenabschlag. Aber abgehängt von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung bleiben die Apotheken trotzdem, so der Wirtschaftsbericht. Deswegen war auf dem Wirtschaftsforum von Verbandschef Fritz Becker immer wieder die Forderung nach mehr Geld zu hören: Das Honorar muss 2015 angepasst werden, die 16 Cent für den Nachtdienstfonds müssen erhöht werden, weil sie keine 120 Millionen im Jahr ergeben, und die Preise für Rezeptur und Dokupflichten (BtM) müssen angepasst werden. Alles richtig. Und wie erwartet sträubten sich die anwesenden Politiker unisono dagegen. Keine Chance für eine Erhöhung in dieser Legislaturperiode, hieß es von CDU-Politiker Hennrich. Oder: Erst mal sollten andere Leistungserbringer wie beispielsweise die Pflegekräfte mehr Geld bekommen, sagte der Patientenbeauftragte Laumann. Oh weh, wenn die Diskussion so geführt wird, dann Gute Nacht. Keine Frage, mein liebes Tagebuch, Pflegekräfte müssen besser honoriert werden. Aber das darf doch nicht bedeuten, dass deswegen andere Leistungserbringer in die Röhre schauen müssen. Unser Wirtschaftsverband ist da nicht zu beneiden, die dicken Bretter, die er bohren muss, werden immer dicker. Umso wichtiger wird’s, dafür zu kämpfen.

Und wie immer, wenn Apothekers Forderungen auf die Politik treffen, kommt als schon  reflexartige Reaktion der Politik: lieber über neue Strukturen diskutieren, über neue Leistungsangebote statt übers Geld. Ja, ja, mein liebes Tagebuch, wenn Apothekers dann neue Strukturen vorstellen, dann sollen sie nichts kosten, oder die Ärzte mauern, siehe Armin-Modellversuch in Sachen und Thüringen. So kommen wir nicht weiter.

Für mich, mein liebes Tagebuch, stellt sich die Frage, ob das Patchwork-Honorarsystem der Apotheker zukunftstauglich ist, auch vor dem Hintergrund eines neuen Leitbilds, neuer Aufgaben, einer neuen Ausrichtung. Wie wär’s, wenn wir Apothekers tatsächlich mal eine Arbeitsgruppe bilden und darüber nachdenken, wie eine Apothekerhonorierung der Zukunft aussehen könnte. Muss es auch weiterhin der Flickerlteppich sein – ein bisschen Packungshonorar, ein bisschen BtM-Gebühr, dazu noch einen Nachtdienstgroschen – oder könnten wir uns ein neues System vorstellen, wie auch immer, das stärker die Beratung beim Medikationsmanagement berücksichtigt, das auch Nein-Verkäufe honoriert und neue Dienstleistungen miteinschließt. Wäre für Apotheker vielleicht sogar ein Gesamtbudget vorstellbar und ein Punktesystem, ähnlich wie bei unseren Heilberufsbrüdern, den Ärzten? Oder ein anderes noch zu entwickelndes System? Also, ABDA, wenn’s Leitbild vorbei ist, dann stoßt mal eine Penunzen-Debatte an.

Neu im Wirtschaftsbericht: Die typische Apotheke ist out, in Zukunft gibt’s die Durchschnittsapotheke. Die Umstellung bei der Betrachtung von Apothekenzahlen ist den Erfahrungen mit dem Wirtschaftsministerium geschuldet, hieß es. Denn von der Politik kam der Vorwurf, die Darstellung der Zahlen der typischen Apotheke (die Netto-Umsatzgrößenklasse, in der die meisten Betriebsstätten liegen) verfälsche die Wirklichkeit, da viele wirtschaftlich erfolgreiche Apotheken außer Acht gelassen würden. Als neue Datengrundlage verwendet das ABDA-Panel daher die Durchschnittsapotheke, die alle Apotheken, auch die umsatzstarken, stärker berücksichtigt. Die Folge: ein positiveres Ergebnis.  Wenn’s dem Umgang mit dem Ministerium dient, ist das in Ordnung. Es bringt ja nichts, mit Statistik-Tricks die Apotheken klein zu rechnen. Allerdings, die relativ wenigen Apotheken, die in der Vier- Millionen-Umsatzgrößenklasse und darüber liegen, sind eben nicht die Menge und könnten den Blick auf die kleine, eher typische Apotheke verzerren. Mein liebes Tagebuch, so ganz befriedigend ist das letztlich also auch nicht. 

Neu vom Deutschen Apothekerverband: ein gemeinsames Online-Vertrags-Portal von DAV und den Landesverbänden, mit dem Mitgliedsapotheken einen vollständigen Überblick über die Verträge erhalten, die die Verbände mit Krankenkassen geschlossen haben und denen die Apotheken beitreten können. Das Portal soll über eine Schnittstelle mit der Warenwirtschaft verknüpfbar sein, damit die Apotheke sofort weiß, ob beispielsweise ein Hilfsmittel abgegeben werden kann oder nicht. Ab 1. Juli soll’s losgehen. Mein liebes Tagebuch, eine Superidee der Verbände. Es gibt sie noch, die positiven Überraschungen.

Nullretaxationen der Krankenkassen sind mehr als ein Ärgernis für Apotheken. Sie widersprechen auch dem Handelsrecht. Obwohl der Kunde eine Ware erhalten hat,  geht der Händler, der Apotheker, leer aus, weil die Ware vielleicht nicht ganz genau dem Auftrag (Rezept) entspricht oder eine Formalie nicht beachtet wurde. Das Bundessozialgericht hat Nullretaxationen als rechtmäßig bezeichnet. Und die Krankenkassen retaxieren gnadenlos. Das gefällt nicht nur den Apothekern nicht, sondern auch dem Gesundheitspolitiker Michael Hennrich nicht. Auf dem DAV-Wirtschaftsforum bezeichnete er das Verhalten der Kassen als ein „Ärgernis“. Da kommt noch ein Vorstoß der Koalition, versprach er,  „vielleicht sogar noch in diesem Jahr“. Ja, Herr Hennrich, bitte, tun Sie was. Setzen Sie der Kassenwillkür ein Ende.

8. Mai 2014

Während die Schweizer ihren Apotheken künftig mehr Kompetenzen zubilligen wollen  und ihnen erlauben, für bestimmte Indikationen sogar verschreibungspflichtige Arzneimittel in Eigenregie abzugeben, bleibt unser Bundesgesundheitsminister stur: Die „Pille danach“ gibt’s nur mit Rezept – ein Rezept vom Orthopäden erscheint ihm da immer noch besser zu sein als ohne Rezept vom Apotheker. Jetzt wird sogar der Bundesrat weich, der bisher noch dagegen gehalten hat: Er ließ im zweiten Anlauf eine Verordnung passieren, ohne dabei auf die Freigabe der „Pille danach“ zu pochen. Der Verordnung, in der es um die deutsche Umsetzung von EU-Vorgaben zur wechselseitigen Anerkennung von Verschreibungen innerhalb der Europäischen Union geht, wollten die Länder eigentlich nur zustimmen, wenn Gröhe Ja zur Freigabe der „Pille danach“ sagt. Jetzt hat der Bundesrat doch nachgegeben. Immerhin, der Bundesrats-Gesundheitsausschuss will auch weiterhin dem Bundesrat empfehlen, die Bundesregierung erneut zur Freigabe der „Pille danach“ aufzufordern. Wird nicht viel nützen. Mein liebes Tagebuch, man mag’s nicht glauben. Man könnte meinen, es geht um die Freigabe von Cocain. Vermutlich löst sich der Konflikt erst in der Nach-Gröhe-Zeit.

9. Mai 2014

Nochmal Gröhe. Drei Problemfelder sieht er im Arzneimittelbereich, sagte er auf einem Symposium der Forschenden Pharmaindustrie, in denen er was tun will: Lieferengpässe, Arzneimittelfälschungen und die Arzneimitteltherapiesicherheit. Hm, mein liebes Tagebuch, da können wir ihm schon mal signalisieren: Die Apotheker nehmen ihm schon mal zwei Probleme ab. An einem System zur Aufdeckung von Arzneimittelfälschungen wird schon bestens gearbeitet – mit Securpharm. Und was die Arzneimitteltherapiesicherheit angeht, so sind die Apotheker bereits dabei, sich als Medikationsmanager aufzustellen, fort- und weiterzubilden  – das Leitbild lässt grüßen. Also, bleiben die Lieferengpässe. Und da hätten wir bittschön gerne eine rasche Lösung: zum Beispiel mal bei der Pharmaindustrie genauer hinschauen, in welche Länder Ware lieber verschoben wird. Oder den Krankenkassen auf die Finger schauen, wenn sie Rabattverträge ausschreiben: Sie sollten bei der Vertragsvergabe mehr Firmen mit einbeziehen und die Firmen verpflichten, dass sie auch liefern können. Also, Herr Gröhe, die Apotheker, ihre Freunde und Helfer!


Peter Ditzel


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