Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

09.03.2014, 08:00 Uhr


Aschermittwoch – das ist so ein Tag, der irgendwie ernüchternd ist. Mein liebes Tagebuch, irgendwie war die gesamte letzte Woche mit Apothekerblick betrachtet eine „Ascherwoche“ – so was von ernüchternd. Kein Apotheker bei der Substitutionsausschlussliste. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD will mit Bus und Telemedizin Grenzlinien zwischen Apothekern, Ärzten und Krankenhäusern überwinden. Und Erkältungspräparate beurteilen in dieser Republik ab sofort ein Arzt und Stiftung Warentest. Für Apotheker bleiben Retaxfallen und die Aufgabe, Arztnummern auf dem Rezept zu vergleichen.

3. März 2014

Rosenmontag. Biggi Bender moderiert den Versandapotheker-Kongress. Ups. Eine solche Meldung verträgt man nur am Rosenmontag, mein liebes Tagebuch, oder? Die Grünen-Politikerin Biggi Bender, bei den Präsenz-Apothekern mindestens so beliebt wie Ulla Schmidt. Die ehemalige gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen kämpfte in ihrer aktiven Zeit für mehr Wettbewerb, Versand und vor allem Apothekenketten. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass Ketten mehr Wettbewerb und billigere Preise bringen und die Apothekenzahlen reduzierten. Es gibt mehr Apotheken als Bäckereien, war eines ihrer Credos. Da es bei der letzten Wahl zum Wiedereinzug in den Bundestag nicht reichte, schaut sie sich nun nach anderen Betätigungsfeldern um. Da kommt die Anfrage, ob sie denn den diesjährigen Kongress des Versandapothekerverbandes Ende Mai als „Beraterin“ moderieren wolle, gerade recht. Der Spaß ist garantiert.

Die Lieferengpässe sind als Thema im „Spiegel“ angekommen. Günther Wiedemann, Onkologe und Mitglied der Arzneimittelkommission, berichtet über den drohenden Mangel an Chemotherapeutika. 96% der 80 Krankenhausapotheker aus 20 europäischen Ländern, die Wiedemann für seine Studie befragte, haben schon einmal erleben müssen, dass Zytostatika nicht lieferbar waren. Die Angaben zur Nicht-Lieferbarkeit auf der Website des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte spiegeln nicht das gesamte Ausmaß der Lieferschwierigkeiten wider, denn diese Angaben basieren auf den freiwilligen Angaben der Hersteller. Wiedemanns Fazit: „Ein skandalöser Missstand.“ Mein liebes Tagebuch, die Politik stellt sich noch taub. Vermutlich müssen unter den Lieferengpässen erst ein paar Politiker oder deren Angehörige selbst leiden, bevor hier etwas geschieht.

4. März 2014

Faschingsdienstag: ganz närrisch, die Substitutionsausschlussliste, des Apothekers lustigste Liste. Als das Gezerre um die Liste noch bei der Schiedsstelle angesiedelt war, hatten der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der GKV-Spitzenverband bereits Sachverständige bestellt, die sich fachkundig mit den Wirkstoffen und Präparaten befassen sollen, die man auf die Liste setzt. Das mittlerweile verabschiedete 14. SGB V-Änderungsgesetz machte den Auftrag an die beiden Gutachter zur Makulatur, denn jetzt soll der G-BA – ohne apothekerlichen Sachverstand – die Liste zusammenbasteln. Das Gesetz muss zwar noch den Bundesrat passieren, aber mit Widerstand ist nicht zu rechnen. Wie zu vernehmen war, wollen Kassen einen Weg finden, dass kritische Wirkstoffe nur bei bestimmten Indikationen nicht ausgetauscht werden dürfen. Dies würde letztlich bedeuten, dass der Apotheker die Indikation auf der Verordnung erkennt. Haha, mein liebes Tagebuch, das wird die Ärzte freuen, wenn sie dem Apotheker die Indikation mitteilen müssten. Oder legen die Kassen hier neue Retaxfallen aus? Am besten: Ab in die Tonne mit dieser Liste.

Apropos Retaxfalle: Ein Berliner Apotheker hatte nicht gemerkt, dass die am unteren Rezeptrand befindliche vorgedruckte Arztnummer nicht identisch war mit der Arztnummer im Arztstempel der ärztlichen Berufsausübungsgemeinschaft. Er gab die verordneten Arzneimittel ab. Grund für die AOK Berlin, zu retaxieren, in diesem Fall 4800 Euro. Na so was, mein liebes Tagebuch, also das merkt man doch sofort, das ist doch der erste Blick, wenn man eine Verordnung in die Hände bekommt, oder? Es gibt doch eh kaum etwas zu kontrollieren, da wird man doch noch die Arztnummern vergleichen können. Nein, im Ernst, es ist immer wieder erstaunlich, an welchen profanen Formalien die Kassen Retaxierungen aufziehen. Für diesen Formalienschwachsinn wünscht man sich die entlastende Software, die das Rezept scannt und alle Ziffern abgleicht. Die Programmierung sollte die AOK finanzieren.

5. März 2014

Auch in Großbritannien diskutieren Apothekerinnen und Apotheker über ihre zukünftigen Tätigkeiten und ein neues Leitbild. Allerdings geht dort die Initiative vom Staatlichen Gesundheitsdienst aus. Er rief die Pharmazeuten dazu auf, sich über ihre Vorstellungen zu äußern, wie sie den Output ihrer Dienstleistungen für die Patienten und den Gesundheitsdienst verbessern können. Laut Apothekerverband freuen sich die Apotheker, dass sie ihre Ansichten vortragen können. Es sei eine Chance. Auch hier ist das Ziel: Die Apotheker beanspruchen eine stärkere Rolle im System, z. B. auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung. Ja, mein liebes Tagebuch, wäre es uns lieber gewesen, wenn die Bundesregierung uns aufgefordert hätte, über unsere zukünftige Stellung im Gesundheitswesen nachzudenken? Oder ist unser Weg da doch der bessere, wenn wir eigeninitiativ tätig werden und der Gesellschaft unsere neue Wunschrolle präsentieren?

„Wir sind da sehr aufgeschlossen“ – sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Hilde Mattheis, im DAZ-Interview auf die Frage, wie sie es denn mit dem Apothekenbus für ländliche Gebiete halte. „Solche neuen Dinge auszuprobieren, halte ich für absolut richtig und wichtig.“ Ja, ja, mein liebes Tagebuch, der Bus verfolgt uns. Und solch neuen telekommunikativen Modellen, wie sie DocMorris und die Telekom ausprobieren wollen (telemedizinische Beratung), steht sie auch aufgeschlossen gegenüber. Und schließlich: Für sie ist die Grenzlinie zwischen Apothekern, Ärzten und Krankenhäusern nicht unüberwindbar, „wir sind da sehr aufgeschlossen“. Na, da werden wieder einige Gedankenspielchen auf die Apotheker zukommen. Andererseits, warum geben wir Apothekerinnen und Apotheker uns eigentlich immer mit der Rolle der Getriebenen zufrieden? Wo bleiben unsere Vorschläge zur Weiterentwicklung der Arzneimittelversorgung? Vielleicht sollte endlich mal von unserer Seite aus ein Feuerwerk an telemedizinischen Innovationen und mobilen Vorschlägen abgebrannt werden – bevor Politik, einzelne Versandapotheken oder Krankenkassen uns in ihre interessensgeleiteten Vorstellungen zwingen.

6. März 2014

Bei der Online-Leitbilddiskussion der ABDA durften die Pharmaziestudierenden nicht mitmachen. Jetzt haben sie ihre eigene Umfrage zur „Offizinapotheke der Zukunft“ durchgeführt. Knapp 1200 haben mitgemacht, etwa neun Prozent der Pharmaziestudierenden in Deutschland. Das Ergebnis ist wegweisend, finde ich. Arzneimitteltherapiesicherheit, Medikationsmanagement und patientenorientierte Pharmazie sind für sie wichtige Leistungen der Offizinapotheke der Zukunft. Viele wünschen sich zudem ein optimiertes Studium und eine verlängerte Regelstudienzeit. Und zum Spagat zwischen Heilberuf und Kaufmann: Die Apotheken sollen einen Mittelweg zwischen Wirtschaftlichkeit und heilberuflicher Tätigkeit ausloten. Ja, mein liebes Tagebuch, die Antworten sind der Weg für das neue Leitbild. Jetzt können wir nur hoffen, dass das Leitbild so oder so ähnlich aussehen wird.

Mit den Lieferdiensten, bei denen der Patient online bestellt und dann von einer der angeschlossenen Apotheken beliefert wird, ist es nicht gut bestellt. Zwei von ihnen, dedendo und Vita Bote, haben schon kapituliert. Dem dritten im Markt, Ordermed, soll nun eine frische Geldspritze mit einem siebenstelligen Betrag helfen. Die technischen Möglichkeiten sollen mithilfe der Investoren ausgebaut werden. Die Hoffnungen ruhen außerdem auf der elektronischen Medikationskarte. Mein liebes Tagebuch, bei allem Internet- und Plattform-Schnickschnack: Der Erfolg wird davon abhängen, ob der Patient darin Vorteile sieht oder eben nicht. Bei dedendo und Vita Bote hat er die wohl nicht entdeckt.

7. März 2014

Bye-bye Wolf. Der Landesapothekerverband Niedersachsen hat seinen langjährigen (24 Jahre) Vorsitzenden Heinz-Günter Wolf, der zudem acht Jahre ABDA-Präsident war, verabschiedet. In einer Eventlocation. Einem umgebauten Bauernhof. Mein liebes Tagebuch, das lassen wir jetzt einfach mal so stehen. Viel Apothekerpolitprominenz war auf den Bauernhof geladen. Und viele schöne Worte wurden gesprochen. Wolf habe immer ein Herz für die kleinen Apotheken gehabt – sagte sein präsidialer Nachfolger. Bemerkenswert. Den Tenor der übrigen Festreden brachte der ehemalige Vorsitzende des Hartmannbundes Professor Kuno Winn, auf den Punkt: „Heinz-Günter Wolf ist ein erfolgreicher Lobbyist gewesen und dabei ein netter Kerl geblieben.“ Mein liebes Tagebuch, erfolgreiche Lobbyarbeit, ja, wie war das mit der Honorarerhöhung? Na gut, es gab andere knifflige Themen, die er meisterte. War ja auch eine schwierige Zeit, in der er führen musste. Vielleicht hätte man sich den Übergang zu seinem Nachfolger irgendwie anders vorstellen können – Schwamm drüber. Mein liebes Tagebuch, wir wünschen ihm Zeit für Familie und Hobbys. Und eine eindrucksvolle Jahrestagung des Weltapothekerverbands FIP 2015 in Düsseldorf – die ABDA hat Wolf mit der Ausrichtung dieser Tagung beauftragt.

Er macht Gerd Glaeske alle Ehre: Peter Sawicki, ehemaliger Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Ein Unterschied zu Glaeske: Sawicki ist Arzt, er arbeitet als Diabetologe und Internist. Warum „Spiegel online“ ihn  als „Arzneiexperte“ und nun dazu berufen sieht, gängige Erkältungspräparate zu bewerten, bleibt ein Geheimnis des Online-Nachrichtendienstes. Mein liebes Tagebuch, du willst jetzt nicht wissen, wie Sawickis Bewertung der Präparate wie Sinupret, Umckaloabo, Gelomyrtol, Echinacea oder Grippostad C ausgefallen ist, oder? Ja, richtig: alles wenig geeignet, kein nachgewiesener Nutzen, keine sinnvollen Kombinationen – die  bekannten Formulierungen eben, wenn sich ein Hardliner und Mediziner über solche Präparate auslässt. Und als zusätzliche Quelle für ihre Beurteilungen legen sich der Arzt und „Spiegel online“ das Handbuch „Rezeptfreie Medikamente der Stiftung Warentest daneben, um ihr Urteil auf „Literatur“ zu stützen. Super, oder? Ich fass’ es nicht. Ein Arzt als „Arzneiexperte“ und ein Medikamentenbuch der Stiftung Warentest sind im Jahr 2014 die Grundlage für pharmazeutisches Wissen, wenn es um die Beurteilung von OTC-Arzneimitteln geht. Hallo, geht’s noch? Gibt es in Deutschland eigentlich auch noch Apotheker? Sogenannte Arzneimittelfachleute? Was sagt dieses Szenario über den Beruf des Apothekers von heute aus?

8. März 2014

Bei all diesen aschgrauen Nachrichten: Gut, dass es noch ein bisschen Farbe im Leben gibt. Z. B. mit dem 8. März: er ist Weltfrauentag der Vereinten Nationen – für die Rechte der Frauen und den Weltfrieden. Mein liebes Tagebuch, was wäre die deutsche Pharmazie heute ohne Frauen! Ja, genau. Also, ein Gläschen auf den Weltfrauentag!


Peter Ditzel


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