Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

05.01.2014, 08:00 Uhr


Krankenkassen? Kranke Kassen! Mein liebes Tagebuch, unsere lieben Vertragspartner bereiten uns einen schönen Jahresanfang: absurde Retaxationspekulationen und diskreditierende Ansichten über Apotheken, zumindest in der Vorstellungswelt der obersten Kassenchefin Pfeiffer. Na, da könnte enormer Gesprächsbedarf entstehen. Den werden wir auch mit den lieben Ärzten bekommen. Denn die sollten sich mehr von Apothekern beraten lassen. Meint der ABDA-Präsident. Womit er im Prinzip Recht hat. Und schon sind wir wieder mitten drin in den Baustellen 2014.

1. bis 3. Januar 2014

Apotheker als Versichertenkartenkontrolleure im Dienst der Krankenkassen? Das neue Jahr fängt supergut an. Mein liebes Tagebuch, so stellen wir uns unsere heilberufliche Tätigkeit gewiss nicht vor. Was ist da los? Ab 1. Januar 2014 gilt die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK), die alte Versichertenkarte hat ausgedient. Die meisten Versicherten haben bereits die neue Karte, aber eben nicht alle. Und genau bei letzteren  könnte es Probleme geben mit der Leistungserstattung. Während die Ärzte mit den Kassen vereinbart haben, dass die alte Versichertenkarte auch über den 31.12. 2013 hinaus noch eingesetzt werden könne und die ärztlich erbrachte Leistung also erstattet wird, gibt es eine solche Vereinbarung für die Arznei-, Verbands-, Heil- und Hilfsmittel nicht. Die müsste der Arzt dann privat verordnen – falls er dran denkt – und der Patient privat bezahlen. Falls der Arzt für seine Arzneiverordnung aber ein Kassenrezeptformular verwendet und der Apotheker beliefert das Rezept, ja dann guckt der Apotheker in die Röhre: volle Retaxation – könnte man  zumindest aus Verlautbarungen der lieben Krankenkassen herauslesen. Im Klartext: Der Apotheker müsste demnach prüfen, ob der Patient bereits die neue eGK vorgelegt hat. Das könne man im Übrigen ganz einfach: Die  Versichertennummer der neuen eGK beginne stets mit einem Buchstaben, auf der alten Karte mit einer Ziffer. Na, ist doch ganz einfach, so ein bisschen Kontrolle zusätzlich, oder?
Aber der Deutsche Apothekerverband stellt klar: Die Apothekerinnen und Apotheker trifft hier keine eigenständige Prüfpflicht, sie lasse sich nicht aus dem Arzneimittelversorgungsvertrag herauslesen. Richtig! Und so geben die Kassen nun klein bei: Bis Ende März werden Rezeptverordnungen mit der alten Versichertennummer nicht retaxiert. Wie gnädig.
Mein liebes Tagebuch, dieses ganze Theater ist wieder so eine Retax-Posse, wie wir sie im alten Jahr häufiger erleben durften, z. B. bei den BtM-Rezepten oder ähnlichen an den Haaren herbeigezogenen Retaxgründen. So lässt sich keine vertrauensvolle Partnerschaft aufbauen. Aber den Krankenkassen erscheint es wohl wichtiger zu sein, die beauftragten Partnerfirmen, die die Rezepte nach Retaxfällen durchkämmen, bei Laune zu halten, als mit den Apotheken gut auszukommen.

Ja, und dann das noch: Doris Pfeiffer, die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Dort antwortet sie auf die Frage, was ihr als Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes Sorgen bereite: „Die Apotheken. Das ist der einzige Bereich, der von Reformen ausgeklammert werden soll. Dort hat die Koalition sogar ausdrücklich festgehalten, dass sich wirklich nichts ändert. Das ist unglaublich.“ Bei den Apotheken würden historisch überkommene Strukturen eingefroren, führt sie weiter aus, man habe hier die gleiche Struktur wie in den siebziger Jahren, hier müsse sich dringend was ändern. Rumms, da wurden Türen zugeschlagen! Mein liebes Tagebuch, ich glaub, mein Schwein pfeift! Und das am Jahresanfang.
Vorbildlich: ABDA-Präsident Schmidt reagierte sofort. Er schrieb in einem Brief an die GKV-Chefin: „Gerade in den letzten Jahren hat sich das Verhältnis der Apothekerschaft zum Spitzenverband erheblich verschlechtert. Nimmt man Ihre merkwürdige Interviewäußerung hinzu, drängt sich die Frage auf, ob und wie Sie eigentlich in der Zukunft ein angemessenes Vertrauensverhältnis zwischen Vertragspartnern gestalten wollen.“ Und er ließ sie auch wissen, dass sie die Arbeit von mehr als 50.000 Apothekerinnen und Apothekern diskreditiere, wenn sie behaupte, dass Strukturen der 70er Jahre zementiert würden. Außerdem seien es die Apotheken, wo die Versicherten neben der garantierten Arzneimittelsicherheit auch Mitmenschlichkeit und Nähe erhielten, „und dies unter den Bedingungen einer zunehmenden Bürokratisierung und Ökonomisierung, welche nicht zuletzt Ihr Verband zu verantworten hat.“ Ja, genau!
Mein liebes Tagebuch, die Äußerungen von Pfeiffer sind wirklich ein Schlag ins Gesicht einer jeden Apothekerin und eines jeden Apothekers. Man kann ja über alles nachdenken und infrage stellen wollen, aber wenn man auf diese Art und Weise Überlegungen beginnt, dann ist jedes Vertrauen, ein jeder Ansatz zur Partnerschaft dahin. Das Schlimme an solchen Äußerungen: Es werden unbelegte Behauptungen in den Raum geworfen („historisch überkommene Strukturen“, Strukturen wie in den siebziger Jahren“), ohne weitere Erläuterungen, was damit gemeint ist. Sorry, das ist Polemik pur. Mein liebes Tagebuch, hat Frau Pfeiffer das nötig? Da kommen fast schon Zweifel auf, ob sie die richtige für ihren Posten ist.
Wenn sie der Ansicht ist, dass sich bei Apotheken seit den siebziger Jahren nichts bewegt hat, dann, bitte schön, sollte sie mal ihre Wunschvorstellungen einer Apotheke des 21. Jahrhunderts darlegen. Was erwartet sie, was wir nicht bringen? Welche Rolle sollte die kassengenehme Apotheke denn spielen?
Außerdem sollte sie darüber nachdenken, welche Signale die Kassen aussenden, wenn sie Verträge mit Ärzten abschließen über ureigene apothekerliche Tätigkeiten wie Medikations- und Wechselwirkungs-Checks.

Mein liebes Tagebuch, welche Konsequenzen sind aus dem Pfeifferschen Erguss zu ziehen? Ein Kassen-Apotheker-Gipfel muss her, eine Gesprächsrunde, in der beide Seiten ihre Vorstellungen darlegen. Wäre mal echt spannend zu erfahren, was Frau Pfeiffer von den Apotheken erwartet. Und was könnte der ABDA-Präsident auf den Tisch legen? Das Gesundheitsmodernisierungsgesetz mit all seinen Auswirkungen auf die Apotheke, das  ABDA-KBV-Modell, die moderne Apothekenbetriebsordnung mit der Beratungspflicht und nicht zuletzt das Ringen um ein neues Leitbild des Offizinapothekers, das in Richtung Medikationsmanagement gehen soll und den Kassen Millionen von Einsparungen bringen wird, wenn sie denn bereit sind, den Aufwand des Apothekers zu vergüten. Also, von wegen Strukturen der siebziger Jahre.
Die ABDA sollte die Pfeifferschen Äußerungen allerdings auch als Zeichen sehen, dass wir am Ball bleiben müssen. Ein neues Leitbild bis zum Jahr 2030, wie es ABDA-Planungen vorschwebt – da hätte man Verständnis, wenn das den Kassen zu langsam ginge.

„Apotheker wollen Ärzte bei schwierigen Therapien beraten“, titelt die „FAZ“ am 3. Januar. Das habe ABDA-Präsident Friedemann Schmidt in einem Gespräch mit dieser Zeitung deutlich gemacht. „Es muss zum Normalfall werden, dass der Arzt einen Apotheker bei einer komplexen Medikation zu Rate zieht.“ Und selbstkritisch ergänzt er: „Wir wollen und müssen da besser werden.“ So sei die Praxissoftware der Ärzte nicht immer auf dem letzten Stand. Außerdem hafte der Apotheker für das ausgegebene Arzneimittel, wie ein Gericht unlängst festgestellt habe. Schmidt denkt vor allem daran, dass Apotheker die Hausärzte und Internisten beraten. Seine Hoffnung schöpft Schmidt daraus, dass junge Ärzte und Apotheker sich heute bereits stärker vernetzten als dies noch vor einer Generation der Fall gewesen sei. Ein weiteres Argument für die apothekerliche Beratung der Doktores: Der Nutzen von bereits eingeführten Arzneimitteln solle nicht mehr überprüft werden. Auch hier könne der Apotheker dem Arzt mit Rat und Studienergebnissen helfen. Allerdings müsste eine solche Beratung extra bezahlt werden. Und das Beratungsangebot der Apotheker sei auch für Krankenkassen interessant: „Eine bessere Versorgungsqualität hilft, unnötige Ausgaben zu vermeiden. Daran sollten auch die Krankenkassen ein Interesse haben, denn da ist richtig viel Geld zu holen.“ Mein liebes Tagebuch, ach wie wär‘ das schön: Apotheker und Ärzte vernetzen sich besser, Apotheker beraten den Arzt in Arzneifragen, es gibt keine Berührungsängste mehr. Das wäre nicht nur schön, sondern in der Tat auch ein immenser Vorteil für die Patienten – und für die Kassen der Kassen. Wenn die das denn endlich verstehen wollten (siehe Frau Pfeiffer).

Ja, mein liebes Tagebuch, und damit hätten wir schon die dringlichsten Baustellen für das Jahr 2014 im Fokus: das Verhältnis der Krankenkassen zu den Apotheken, das Verhältnis der Ärzte zu den Apothekern und die Arbeit der Apotheker am eigenen Selbstverständnis (Leitbild). Wie wird die Bilanz am Jahresende aussehen?
Und dann sollten wir noch so ein paar kleinere Heimwerkerarbeiten innerhalb der ABDA nicht vergessen wie eine bessere Transparenz und vor allem: eine bessere Kommunikation nach innen und außen.

Ein gutes neues Jahr und viel Erfolg für alle Tagebuchleserinnen und -leser!


Peter Ditzel


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