Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

01.12.2013, 08:00 Uhr


Die trauen sich was, die Brandenburger. Vor den Toren Berlins, also quasi vor den großen Türen des Berliner Apothekerhauses machen sie ihrem Unmut Luft: Sie halten ihre Kritik an der Apothekenbetriebsordnung hartnäckig aufrecht – und damit auch ihre Kritik am Umgang der ABDA mit Andersdenkenden. Brandenburgs Kammerpräsident Dobbert will das Abbügeln der Brandenburgischen Anträge zur ApBetrO nicht einfach hinnehmen. Die Brandenburger fühlen sich von der ABDA nicht mehr verstanden. Mein liebes Tagebuch, damit dürften sie in Deutschland nicht allein sein. Den Brandenburgern fehlt das „Wir-Gefühl“. Tja, wo soll das herkommen? Vielleicht sollten ABDA und Brandenburger mal gemeinsam ein Kerzlein anzünden?


25. November 2013

Wie sich doch die Diskussionen gleichen: Nicht nur die Apothekerinnen und Apotheker in Deutschland, auch die österreichischen Kolleginnen und Kollegen möchten sich ins Medikationsmanagement einbringen. Und auch dort gibt es deutliche Vorbehalte, ja massiven Widerstand von den Ärzten. Besprechung, Strukturierung und Optimierung von Medikationen seien ausschließlich ärztliche Tätigkeiten, sagt der österreichische Ärztekammerpräsident. Und er meint, es sei mehr als fraglich, ob sich durch das apothekerliche Angebot wirklich Krankenhausaufenthalte und Gesundheitskosten reduzieren ließen. Worte, wie sie auch von Präsidenten deutscher Ärztekammern zu hören sind. Oh, oh, mein liebes Tagebuch, da steht den lieben österreichischen Pharmazeuten auch noch das eine oder andere Gespräch ins Haus. Ähnlich wie uns. Ja, ja, die Angst sitzt tief bei den Ärzten, die Apotheker könnten ihnen was wegnehmen. Da braucht es noch viel Überzeugungsarbeit, dass die Apotheker mit ihrem Sachverstand die Therapie echt verbessern können. Vielleicht haben wir viel zu lange nur den Logistiker und Distributeur gespielt. Wir hätten uns schon viel, viel früher einbringen müssen.

26. November 2013


Größere Geschenke der Pharmaindustrie an Ärzte oder andere Heilberufe gibt es schon lange nicht mehr. Die Videokamera, die Kaffeemaschine oder das dreitägige bezahlte Wochenende für Herrn Doktor und Gattin im Hotel Adlon – das war einmal. In einer Art Selbstverpflichtung hat Big Pharma selbst eingesehen, dass das nicht mehr feierlich war. Jetzt soll der nächste und endgültige Schritt erfolgen: keine Schreibblöckchen mehr, nicht mal mehr Werbekugelschreiber mit Firmen- oder Präparatewerbung drauf soll es geben. Der Verband „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ will, dass auch allerkleinste Geschenke verboten sind. Ist konsequent. Dann sollte es aber auch nicht mehr die bezahlten Umgehungstaktiken geben wie Honorare für sogenannte Anwendungsbeobachtungen oder sonstige Zuwendungen für Bagatellleistungen. Mein liebes Tagebuch, wir sind gespannt, ob die Werbekugelschreiber bald Raritätenstatus bekommen. So zwei, drei von diesen Dingern liegen doch auf jedem Schreibtisch herum. Wir sollten sie in unserer Glasvitrine ausstellen – als Erinnerung an andere Zeiten.

Noch ist die Celesio-Übernahme nicht in trockenen Tüchern. Der US-Investor Paul Singer erwarb über einen Hedgefonds mehr als ein Viertel der Anteile an Celesio. Und durchkreuzte möglicherweise die Pläne des amerikanischen Pharmagroßhändlers McKesson, der angekündigt hatte, den Stuttgarter Pharmahändler für rund 6,1 Milliarden Euro übernehmen zu wollen. Allerdings nur, wenn er mindestens 75 Prozent der Celesio-Anteile bekomme. Singer spekuliert dabei natürlich auf ein höheres Gebot oder eine Abfindung. Ist doch immer wieder nett, wie solche Finanzgiganten mit Millionen und Miiliarden jonglieren. Wenn der alte Franz Ludwig Gehe, der einst seine Drogerie- und Farbwarenhandlung gründete, wüsste, wie um sein Erbe gepokert wird...

27. November 2013

Er steht. Endlich. Der Vertrag für die nächste Große Koalition, der noch unter dem Vorbehalt des SPD-Mitgliederentscheids steht. Deshalb hat man auch noch nicht die Ministerposten bekannt gegeben. Ja, mein liebes Tagebuch, war wieder mal ein ordentliches Geschachere. Aber so ist das eben. Zu den Punkten, die die Apotheken unmittelbar betreffen, so heißt es hier wörtlich: „Eine qualitativ hochwertige sichere und wohnortnahe Arzneimittelversorgung erfordert freiberuflich tätige Apothekerinnen und Apotheker in inhabergeführten Apotheken. An dem bestehenden Mehr- und Fremdbesitzverbot wird festgehalten.“ Das klingt doch schon mal gut. Zwar hört man hinter den Kulissen schon einige darüber reden, man könne über die Zahl vier als Maximum von Apotheken in einer Hand nachdenken. Wünschen sich da manche etwa mehr Filialen? Vielleicht zehn oder zwanzig? Also, rein betriebswirtschaftlich gesehen gäbe es in der Tat echte Synergieeffekte und eine bessere Rentabilität erst bei zehn Apotheken und mehr, wie Betriebswirtschaftler vorrechnen. Aber, mein liebes Tagebuch, ob das dann berufspolitisch zu halten ist? Klar, die Zahl vier ist auch irgendwie willkürlich. Aber wo sollte die Obergrenze liegen? Bei zehn? Oder bei zwanzig?
Ja, und was der Koalitionsvertrag noch will: Es soll auch weiterhin bei der  Erstverschreibung von Arzneimitteln einen direkten Arzt-Patienten-Kontakt geben – also nichts mit Dr. Ed und Telesprechstunde und so. Und: „Beim Abschluss von Rabattverträgen müssen die Vertragspartner die Versorgungssicherheit gewährleisten, indem sie Maßnahmen gegen Lieferengpässe vereinbaren. Dies gilt insbesondere für Impfstoffe.“ Na, mein liebes Tagebuch, die Crux mit den Rabattverträgen und die unsäglichen Lieferengpässe scheinen in der Politik angekommen zu sein. Endlich. Ob sich nun was bewegt? Man weiß ja, was alles schon in Koalitionsvereinbarungen drin stand. Pick-up gibt‘s immer noch.

Die Reaktion der ABDA auf den Koalitionsvertrag: Die ABDA begrüßt, dass es Planungssicherheit für die nächsten vier Jahre gibt. Und viele Chancen. Man verstehe das klare Bekenntnis zu einer hochwertigen, sicheren und wohnortnahen Arzneimittelversorgung durch Freiberufler in inhabergeführten Apotheken als Auftrag, diesem Anspruch der Patienten auch künftig gerecht zu werden. Alles richtig, liebe ABDA. Aber so ganz Friede, Freude, Eierkuchen ist die Schose nicht. Mit Kuschelkurs erreicht man nichts. Wir schreiben der ABDA ins Tagebuch: Bitte denkt an die Rezepturarbeitspreise, die BtM-Gebühr und die Anpassung des Apothekerhonorars!

28. November 2013


Ho ho ho, mein liebes Tagebuch, da regt sich Widerstand in Brandenburg gegen die ABDA. Jens Dobbert, streitbarer Kammerpräsident der Brandenburger Apothekerkammer, gibt nicht klein bei. Das kommt nicht gut an bei der ABDA. Und auch nicht bei so manch anderer Jägerstraß-getreuen Kammer. Da ist so einer, der nicht glatt gebürstet ist. Und hinter dem stehen sogar seine Delegierten und Kammermitglieder. Na so was, mein liebes Tagebuch. Ja, was ist denn da vor der Türe des Apothekerhauses los? Tja, die Brandenburger wollen nur ihr Verständnis von Demokratie im ABDA-System leben können. Und das wird man ihnen doch nicht verübeln können. Im Klartext: Es geht um die neue Apothekenbetriebsordnung. Die Brandenburger haben so das eine oder andere daran auszusetzen – was sie mit mehreren Anträgen zur ApBetrO auf dem Deutschen Apothekertag deutlich gemacht haben. 17 Punkte sind es, die nach Ansicht der Brandenburger bei der ApBetrO problembehaftet sind. Und diese Punkte in Anträge gegossen sprengten sogar das Zeitbudget des Apothekertags (die ABDA hätte es wissen müssen), weswegen sie komplett in die ABDA-Mitgliederversammlung zur abschließenden Beratung überwiesen wurden. Uff, gottseidank, Riesenerleichterung bei der ABDA. Denn die ABDA hatte die Sorge und davor gewarnt, die Apothekenbetriebsordnung aufzuknöpfen. Was da alles hätte passieren können, ohgottohgott, so der BAK-Präsident, vielleicht wird dann an Dingen herumgeschraubt, die wir gar nicht wollen! Und alles nur, weil Dobbert und seine Brandenburger so hartnäckig an der ApBetrO herummäkeln. Tja, mein liebes Tagebuch, so ist das nun mal in einer Demokratie. Da gibt es auch mal den einen oder anderen unbequemen Antrag. Und dem muss man sich stellen und die Mehrheit entscheiden lassen. Der Verweis dieser unbequemen Anträge in die ABDA-Mitgliederversammlung – also raus aus der öffentlichen Diskussion – war eine Notlösung und nicht wirklich ein Ersatz für eine Diskussion im Apothekerparlament, dem Apothekertag. Vor allem, wenn man hört, dass im Vorfeld des Apothekertags Strippen gezogen worden seien und dass sich viele Mitgliedsorganisationen der ABDA durch die Brandenburger Anträge „belästigt gefühlt“ hätten. Mein liebes Tagebuch, mal losgelöst davon, ob die Brandenburger Anträge nun gut sind oder nicht (darüber muss demokratisch entschieden werden): Dieses ABDA-Gemauschele von so manchen Etablierten und das Strippenziehen im Hintergrund kann‘s nicht sein. Da muss noch hart am Demokrativerständnis und an der Transparenz gearbeitet werden.

Die Folge: Der brandenburgische Kammerpräsident Dobbert ist frustriert. Er fühlt sich von der ABDA nicht mehr verstanden und – noch schlimmer – auch nicht vertreten. Er hält sogar die Leitbilddiskussion in der angestoßenen Richtung für nicht notwendig, sondern nur für „einen neuen Stern, der uns die Zukunft erleuchten soll“. Aber dieser „ABDA-Stern“ ist in den Augen Dobberts nur ein Grund, sich mit sich selbst zu beschäftigen. In Anbetracht der guten Noten für die Apotheken brauche man keine Leitbilddiskussion, keine Imagekampagne. Mein liebes Tagebuch, ich glaube, was sich aus solchen Äußerungen ablesen lässt, ist: Man hat es selbst innerhalb der Mitgliedsorganisationen der ABDA nicht verstanden, richtig zu kommunizieren, was die Leitbilddiskussion will und soll. Wenn selbst eine Mitgliedsorganisation wie die Brandenburger daran zweifeln – läuft da nicht etwas schief? Konnte man dem Brandenburger Kammerpräsidenten nicht vermitteln, dass es dabei nicht darum geht, ob die Apotheker gute Noten von der Bevölkerung bekommen oder nicht, sondern um die zukünftige Ausrichtung des Berufsbilds des Offizinapothekers. Also: Soll der Apotheker weiterhin den Arznei-Distributeur und kleinen Berater spielen oder soll er in Zukunft eine echte heilberufliche Funktion ausüben? Vielleicht sollten sich die Kammerpräsidenten aller Länder noch mal treffen und darüber sprechen, was sie wollen. Aber immerhin: Dobbert fordert seine Kammermitglieder auf, sich an der Leitbilddiskussion zu beteiligen – damit sie keine „Leidbilddiskussion“ werde. Na, denn.

29. November 2013

Oh je, die Grünen. Da nach Auffassung der Berliner Grünen Monika Herrmann die Prohibitionspolitik gescheitert sei, wollen sie jetzt einen Coffeeshop, sprich eine offizielle Haschischverkaufsstelle nach niederländischem Vorbild im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg genehmigen lassen. Mein liebes Tagebuch, was ist das für eine Denke? Was haben die wohl geraucht? Das sieht eher danach aus, als wollten die Grünen selbst eine günstige legale Quelle vor Ort. Im Ernst: Würde der Drogenhandel konsequenter verfolgt, könnte noch einiger Stoff von der Straße abgezogen werden. Heute schon von einem Scheitern der Prohibitionspolitik zu sprechen, ist zu früh. Außerdem: Was wäre, wenn in Berlin tatsächlich ein Coffeeshop öffnen würde? Die Schlangen vor der Tür, unter ihnen dann einige Grüne, gingen ums ganze Quartier. Und: Was sagen eigentlich die anderen Grünen dazu? Ob der Coffeeshop dem Stuttgarter Grünen Kretzschmann gefallen würde? Mein liebes Tagebuch, man könnte über eine Teillegalisierung höchstens dann reden, wenn der Verkauf geordnet über Apotheken stattfände, gell? Advent, Advent, das erste Jointlein brennt.


Peter Ditzel


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