Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

25.08.2013, 08:00 Uhr


Wir können es uns aussuchen, liebes Tagebuch, wie wir die letzte Woche nennen wollen: entweder DocMorris-Woche oder Woche des Rezeptdatenschutzes. Beide Themen waren für Schlagzeilen gut, bei beiden ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Während DocMorris an seinem Buskonzept festhält – auch wenn alle Fakten dagegen sprechen – und wegen anderer Streitigkeiten vor Gericht eine Schlappe nach der anderen einstecken muss, wird der Krieg um den Rezeptdatenschutz womöglich bald vor Gericht landen. Die VSA wehrt sich zwar juristisch gegen Spiegel und Datenschützer, aber die negativen Schlagzeilen über Apotheker als „Datendealer“ kriegt man leider nicht so schnell weg. Schade, dass es überhaupt so weit gekommen ist.

19. August 2013

Da hat der "Spiegel" mal wieder was ins Rollen gebracht: „Pillendreher als Datendealer“. Keine schöne Überschrift. Zum einen, weil es höchst polemisch ist, Apotheker  Pillendreher zu nennen, zum andern weil der einzelne Apotheker überhaupt keinen Einfluss darauf hat, was seine Rechenzentren mit den Rezeptdaten machen. Und zum inhaltlichen Vorwurf, die Rechenzentren würden nicht ausreichend verschlüsselte Daten verkaufen: da blickt man als Außenstehender nicht dahinter, mein liebes Tagebuch. Die einen sagen so und die anderen sagen so. Klar, die VSA dementiert. IMS  Health dementiert. Ja, die bayerischen Datenschützer haben das VSA-Verfahren so akzeptiert und frei gegeben. Aber der schleswig-holsteinische Datenschützer Thilo Weichert sieht das vollkommen anders. Und Jens Spahn, CDU-Gesundheitsexperte, will den Datenhandel gleich ganz verbieten, wenn an den Vorwürfen etwas dran ist. Fritz Becker vom Deutschen Apothekerverband vertraut wiederum darauf, dass die Abrechnungszentren alles richtig machen, während Andreas Kiefer, der Präsident der Bundesapothekerkammer, erst im Juli in einem AZ-Interview erklärt hatte, dass er die Weiterverarbeitung von Rezeptdaten für Marketingzwecken der Pharmaindustrie für nicht zulässig halte. Man könnte diesem Hickhack amüsiert zusehen – dumm nur, dass es nach dem "Spiegel"-Bericht „die“ Apotheker sind, die da als „Datendealer“ involviert seien. Also, da muss endlich Klarheit her, das geht nicht mehr so weiter.

Die niederländische Versandapotheke DocMorris schickt ihr grün-weißes Spielmobil, den „Apothekenbus“, der eigentlich keiner ist, in dieser Woche auf die angekündigte Tour. Und lässt ihn sich nicht dort postieren, wo weiße Flecken auf der Landkarte sind, sondern – Apotheken. Da kommt Freude auf. Wirklich schön aber ist: Die Lieferfahrzeuge der Apotheken für den Botendienst stellen sich daneben: Seht her, wir sind schon da und wir können liefern, es gibt keine Versorgungslücken. Eine Super-Aktion unserer Kolleginnen und Kollegen. Ach ja, DocMorris, da haste so einen schönen Lieferwagen gekauft und eingerichtet – und bald ist alles für die Katz.

Immer Ärger mit den Kassen – das nervt. Der Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung zwischen Deutschen Apothekenverband (DAV) und Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung soll angepasst werden. Herzstück: es soll keine Nullretaxationen wegen banaler Formfehler mehr geben. Der DAV hat den Änderungen zugestimmt, der GKV-Spitzenverband dagegen zickt mal wieder. Weil die Gründe für eine aktuelle Entscheidung des Bundessozialgerichts noch ausstünden, Gründe, die nach GKV-Ansicht eine neue Rechtslage schaffen könnten (es geht darum, dass eine Apotheke ein Rabattarzneimittel nur begründet nicht abgeben darf). Der GKV-Spitzenverband sieht da noch Harmonisierungsbedarf. Jetzt liegt das Vertragswerk also erstmal wieder auf Eis. Mein liebes Tagebuch, hat die Zusammenarbeit mit der GKV schon jemals mehr Spaß gemacht?

20. August 2013

Rezeptdatenhandel und kein Ende. Jetzt meldet sich pflichtbewusst auch unser Gesundheitsminister zu Wort: Wenn etwas an den Vorwürfen dran ist, dann müssen die Behörden dem nachgehen. Ja wohl. Und der Verband der Ersatzkassen (vdek) fordert mal lieber gleich ein gesetzliches Verbot des Rezeptdatenhandels.

Währenddessen macht der Datenschutzbeauftragte von Nordrhein-Westfalen, Ulrich Lepper, schon mal Nägel mit Köpfen. Er hat ein förmliches Anordnungsverfahren gegen das Apothekenrechenzentrum ARZ Haan eingeleitet. Der Vorwurf: ARZ Haan verkaufe sensible Patientendaten an Marktforschungsunternehmen, obwohl diese nicht ausreichend verschlüsselt seien. Das ARZ Haan dazu: Leppers Schritt sei weder nachvollziehbar noch hinnehmbar. Wir werden sehen, was raus kommt.

21. August 2013

Ach wie schade, kein DocMorris-Lieferwägelchen in Maasholm. Fiel doch tatsächlich ein Termin aus. Die Gemeinde hatte die Stellplatzgenehmigung zurückgezogen. So ein Pech aber auch. Dafür war der Apotheker einer regionalen Apotheke mit einem kleinen Stand präsent, der seit Jahrzehnten die Maasholmer täglich versorgt, und informierte die Bevölkerung. Da sieht man, auf wen Verlass ist!

22. August 2013 

Apotheker auf Platz 10 der Allensbacher Berufsprestige-Skala. Ist das nun gut oder schlecht? 1500 Personen sollten aus einer Liste mit Berufen die fünf heraussuchen, die sie am meisten schätzen, vor denen sie am meisten Achtung haben. Auf Platz 1: der Arzt, gefolgt von der Krankenschwester. Dann weiter: Polizist, Lehrer, Handwerker, Pfarrer, Hochschulprofessor, Ingenieur, Rechtsanwalt – und dann erst der Apotheker. Nur 22 Prozent der Befragten gaben an, das sie den Apotheker besonders schätzen, 1999 waren es immerhin noch 27 Prozent. Doch bereits 2005 waren es ebenfalls nur 22 Prozent. Mein liebes Tagebuch, wir wollen dem mal nicht all zu viel Bedeutung beimessen, aber irgendwie stimmt es einen doch nachdenklich: Wo könnten die Gründe dafür liegen?

Der "Stern" legt nach. Der in der vorletzten Ausgabe veröffentlichte Branchencheck des Magazins war wenig schmeichelhaft für die Apotheke, zum Teil bösartig. Mitabgedruckt war eine von Glaeske zusammengestellte Liste von 17 Arzneimitteln, die man sich nach seiner Ansicht sparen könne. Offenbar ist die Liste so gut bei den Lesern angekommen, dass der "Stern" in dieser Woche einen QR-Code veröffentlichte, mit dem man die Liste aufs Smartphone laden kann – „als Service für unterwegs“. Die Liste enthält OTC-Arzneimittel wie Thomapyrin, Neuralgin, Vivimed, Grippostad, Aspirin Complex, Wick MediNait oder Laxoberal. Man mag über das eine oder andere Präparat in der Tat streiten können, aber es gibt mittlerweile auch neuere Erkenntnisse zu Wirkstoffen. Sind die etwa an Glaeske vorübergegangen? Erstaunlich, dass die Hersteller so still halten.

Apropos Glaeske. Nur wenig, wozu er nichts sagen kann. Auch zum Datenschutz weiß er was. Der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte er auf die Frage, ob der Datenskandal noch größer sei als bisher bekannt: „Ja. Von IMS Health kann man auch Daten erhalten, die von Ärzten kommen, über die Durchschriften von Rezepten. Die Datenfirmen haben private Deals mit einzelnen Ärzten und Apotheken. Auf den anonymisierten Durchschriften steht manchmal auch die Diagnose.“ Hmm, was er damit wohl meint.

Ja, ja, schon wieder DocMorris. Das Landgericht Bericht rüffelte die niederländische Versandapotheke mit einem aktuellen Urteil: Danach darf sie keine Bestellscheine verwenden, in denen als Unternehmensanschrift „Versandapotheke DocMorris, 52098 Aachen“ angegeben ist. Dies gilt jedenfalls dann, wenn nicht gleichzeitig „deutlich und übersehbar“ die Identität und Anschrift angegeben ist – und zwar die tatsächliche, die den Firmensitz in den Niederlanden klarstellt. Das Gericht führt dazu sehr richtig aus, dass diese von DocMorris vorenthaltene Information über ihren Sitz in Holland auch geeignet sei, die geschäftliche Entscheidung des Verbrauchers zu beeinflussen. Gerade beim Arzneimittelversandhandel lege ein nicht unerheblicher Teil des angesprochenen Verkehrskreises Wert darauf, mit einem inländischen Unternehmen in Kontakt zu treten. Ja wohl. Was kommt als nächstes?

Jetzt ist der DocMorris-Infolieferwagen in Timmendorfer Strand angekommen. Und die ortsansässigen Apotheken sind ebenfalls da. So ist’s recht. Dass sich da die niederländisch-schweizerische Bustruppe nicht langsam lächerlich vorkommt? Aber sichtlich redet sich die Versandapotheke ihr geplantes Konzept selber schön. Da fallen Worte wie der Bus sei „die Rezeptsammelstelle des 21. Jahrhunderts“, es gehe um „Versorgungssicherheit“ und „langfristige Versorgungskonzepte“. Mein liebes Tagebuch, den Schmonzes kann man nicht mehr hören. Die können das alles doch gar nicht selbst glauben, oder?

Aber jetzt ist Schluss mit lustig. Die VSA legt Rechtsmittel gegen den "Spiegel" ein und gegen Schleswig-Holsteins Datenschützer Thilo Weichert. Man will sich gegen die Falschinformationen in Sachen Abrechnungsdaten und Datenschutz wehren und ein „deutliches Zeichen setzen, dass wir eine Verunglimpfung der gesamten Apothekerschaft nicht weiter dulden werden“. Na, da kann Bewegung in die Sache kommen. Die VSA positioniert sich: Die im Spiegel verbreiteten Vorwürfe seien „allesamt haltlos“. Dies habe sich auch durch die Stellungnahme des Bayerischen Landesamtes für Datenschutzaufsicht inzwischen bestätigt. Mein liebes Tagebuch, wie das wohl enden wird?

23. August 2013

Krieg der Datenschützer. Der Datenschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, gibt nicht klein bei. Er bleibt bei seinen Aussagen, wie sie der „Spiegel“ zitierte: „Für die VSA und den IMS-Konzern ist die illegale Nutzung der Rezeptdaten ein lohnendes Geschäftsmodell, das sie anscheinend solange fortsetzen wollen, bis es ihnen gerichtlich untersagt wird.“ Er will seine Aussagen sogar noch präzisieren und weiter begründen. Eine von der VSA geforderte Unterlassungserklärung  will er dagegen nicht unterzeichnen. Mein liebes Tagebuch, der Streit über den Datenschutz bei Rezeptdaten wird vermutlich bald vor Gericht landen.

So jetzt ist das auch noch geklärt in Sachen DocMorris: Das Landgericht Köln hat die einstweilige Verfügung bestätigt, mit der der niederländischen Versandapotheke untersagt wurde, bis zu 20 Euro für einen Arzneimittel-Check bei der Rezepteinlösung auszuloben. Zudem hat das Gericht 150.000 Euro Ordnungsgeld festgesetzt, wenn DocMorris gegen diese Verfügung verstößt. Bisher sind bereits Ordnungsgelder von insgesamt 350.000 Euro gegen DocMorris festgesetzt aufgrund vorangegangener Entscheidungen in ähnlich gelagerten Streitfällen. Die Versandapotheke wird sich genau überlegen müssen, ob sie gegen die Entscheidungen verstoßen will. Das kann schnell teuer werden.

Das Pharmaziestudium spielt bei den Studienwünschen der Abiturienten kein Nischendasein: Rund 4000 Abiturienten würden in diesem Jahr gerne damit beginnen, Analysen zu kochen und die Grundlagen in pharmazeutischer Chemie und Biologie zu lernen. Aber nur für knapp die Hälfte wird dieser Traum in Erfüllung gehen können: 1872 Studienplätze stehen zur Verfügung. Die Hürden sind unverändert hoch: Der erforderliche Numerus clausus liegt zwischen 1,1 (Thüringen) und 1,6 (Niedersachsen und Schleswig-Holstein). (Mein liebes Tagebuch, gut dass wir das schon hinter uns gebracht haben.) Es ist erfreulich, dass alle Diskussionen ums Apothekensterben, schlechte berufliche Aussichten, niedrige Löhne und ein schwindendes Image des Apothekerberufs die jungen Leute nicht davon abhält, in die Pharmazie einzusteigen. Mein liebes Tagebuch, Pharmazie ist ja in der Tat ein abwechslungsreiches, spannendes und vielfältiges Fach mit vielen Berufsmöglichkeiten.

Wenn wir jetzt noch ein modernes Leitbild hätten, das uns sagt, wohin der Zug der Pharmazie in der Zukunft fährt, wie sich der Beruf in Zukunft positionieren will, dann wär’s mir noch wohler. Wie war das doch gleich? Will nicht die ABDA-Geheimkommission ihr ausgearbeitetes Leitbild zum Apothekertag vorstellen? Mein liebes Tagebuch, da sind wir aber so was von gespannt.  

 


Peter Ditzel


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