Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

23.12.2012, 08:00 Uhr


Weihnachten steht vor der Tür – und hinter der Tür, im Berliner Jägerstüble, da versucht man Baum und Fisch fürs Fest zu putzen und ,,maximale Transparenz" herzustellen. Geschenke liegen schon unterm Nadelfilzbaum: eine fette Ente für El Pato (,,Danke für die frühere vertrauensvolle Zusammenarbeit"), für den scheidenden ABDA-Präsidenten Wolf ein Hörbuch mit dem Titel ,,Richtig kommunizieren bis zum Letzten", für den neuen ABDA-Präsidenten Schmidt ein Büchlein in transparenter Folie mit dem Titel ,,Landlust – wie man einen Augiasstall ausmistet" und für den HGF Schmitz ein Bildband ,,Alle früheren und jetzigen Mitarbeiter der ABDA – zum Kennenlernen". Frohes Fest, liebes Tagebuch!

17. Dezember 2012

Focus hat's schneller gewusst als die ABDA, was die ABDA an die Privatfirma ihres ehemaligen Pressesprechers Bellartz für gewisse Dienstleistungen gezahlt hat. Erst nachdem die Focus-Zahl von 800.000 Euro, die zwischen 2007 und 2011 aus ABDA-Kassen an El Pato geflossen sein sollen, heraus war, räumte die ABDA ein, dass es sogar ein ,,kleiner einstelliger Millionenbetrag" gewesen sein soll. Liebes Tagebuch, jetzt machen wir ein Preisausschreiben: wie klein ist ein ,,kleiner einstelliger Millionenbetrag"? Eine Million, zwei, drei oder vier Millionen? Eigentlich lassen sich solche Fragen bei guter Buchhaltung relativ rasch herausfinden. Und warum hat man das nicht gleich gemeldet?
Aber es gibt noch viele weitere Fragen, z. B.: wer oder welches Gremium hat entschieden, dass ABDA-Sprecher Bellartz seiner Agentur El Pato einen ABDA-Großauftrag zuschanzen darf? Welche Leistungen waren das eigentlich? Dienste wie Fax- und E-Mail-Versand, die eigentlich ureigene Aufgaben einer Pressestelle sind? Merken wir uns, liebes Tagebuch: Herr Schmidt hat angekündigt, die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen ABDA und El Pato/Apotheke adhoc aufzulisten. Morgen, Kinder, wird's was geben, morgen werden wir uns freu’n!

Liebes Tagebuch, es ist ein trauriges Kapitel, das Verhältnis zwischen Krankenkassen und Apotheker. Und die weihnachtliche Stimmung scheint nicht auf die Kassen mit ihren vollen Kassen übergegangen zu sein. Während das Jahr mit Riesenschritten seinem Ende entgegen geht, wissen die Apotheker immer noch nicht, welchen Abschlag (heißt jetzt ,,Großkundenrabatt!) sie ab 1. Januar den Krankenkassen gewähren ,,dürfen". Sind's 2,05 Euro oder 1,90 oder 1,75 oder gar weniger? Alle Gespräche der letzten Tage zwischen GKV-Spitzenverband und Deutschem Apothekerverband (DAV) blieben ergebnislos. DAV-Chef Becker posaunte mutig, dass ab 1. Januar nur noch 1,75 Euro – einseitig von den Apotheken – gewährt würden. Na denn, liebes Tagebuch, mit der ersten Rezeptabrechnung im neuen Jahr werden wir's wissen. Süßer die Kassen nie klingen...

Im beschlossenen Eckpunktepapier von CDU und FDP werden Apotheker nicht als Akteure der Prävention und Gesundheitsförderung erwähnt. Unglaublich, eine tragende Säule unseres Gesundheitswesen, die Apotheken, sie sollen keine Rolle in der Prävention spielen? Ignoriert man die Apotheken oder hat man sie wieder nur vergessen? Sind sie in den Köpfen von Gesundheitspolitikern nicht im Zusammenhang mit Gesundheitsförderung verankert? Das gibt zu denken, liebes Tagebuch, auch in Richtung unserer Berufsvertretung. Apotheken-Kampagnen drehen sich um Raubbau, Kassenabschlag, Apothekensterben, Honorar und Vergütungsgerechtigkeit, aber was ist mit Prävention und Gesundheitsförderung? Andererseits, was sind schon Eckpunktepapiere. Wir wissen doch, dass selbst Koalitionsverträge zwischen CDU/CSU und FDP für die Katz sind. Dort steht – noch immer –, dass Pick-up-Stellen abgeschafft werden sollen. Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See.

18. Dezember 2012

Bundesgesundheitsminister Bahr hat ein Herz für Landapotheken. Erneut besuchte er eine Apotheke, dieses Mal die Friesen-Apotheke-Middels im Niedersächsischen. Dort sah er, wie eine Landapothekerin zwischen grasenden Kühen und mit 60- Stunden-Woche ums Überleben kämpft. Das rührte den Minister gar sehr. Und so erneuerte er sein Versprechen, dass es künftig eine finanzielle Unterstützung für Nacht- und Notdienst geben solle. Am Ende des Treffens machte der Minister ein klein wenig Mut: ,,Gerade auf dem Land gibt es keinen Ersatz für den Apotheker vor Ort. Das weiß ich, und deshalb setze ich mich für eine Verbesserung ein." Sagte es und verschwand mit seiner Dienstlimousine. Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all...

Erst über eine Woche nach den ersten Enthüllungen über den Spion im Bundesgesundheitsministerium und den Vorwürfen gegen den Ex-ABDA-Mitarbeiter Bellartz hatte sich die ABDA berappelt und ließ erste Reaktionen folgen, gemäß dem bewährten Motto: Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis. Also, liebes Tagebuch, jetzt gibt es eine Arbeitsgruppe mit dem nichts sagenden und viel versprechenden Namen ,,Verbands-Compliance" unter Vorsitz des ABDA-Prinzen Schmidt. Mit von der Partie sind die sechs Köpfe Arnold (designierter Vize), Kiefer (neuer BAK-Präsident), Becker (DAV-Chef), Schmitz (ABDA-Hauptgeschäftsführer) und Martius (derzeitiger ABDA-Pressechef). Was meinst Du, liebes Tagebuch, wird diese Super-Taskforce es schaffen? Die Gruppe soll interne Prozesse und eigene Richtlinien überprüfen, den Umgang mit Kontakten zu Behörden bewerten, internen Schulungsbedarf evaluieren und einen Compliance-Beauftragten ernennen. Ein externer Berater soll hinzugezogen werden. Das sieht nach Arbeit aus, viel Arbeit! Außerdem wurde HGF Schmitz und ein zu benennender externer Berater beauftragt, über die Maulwurf-Affäre maximale Transparenz herzustellen. Was heißt „maximal“, liebes Tagebuch? Wirklich alles oder nur das, was in den Augen der ABDA nach außen dringen darf? Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen, Wie glänzt er festlich, lieb und mild.

Den Traditionsnamen Anzag wird es bald nicht mehr geben. Dann kommt der Alliance Healthcare-Fahrer in die Apotheke und bringt die Alliance Healthcare-Arzneimittelkiste. Mit einer ,,Ausquetsch-Aktion" (Börsenjargon: squeeze out) wurden die Minderheitsaktionäre der Anzag dazu bewegt, ihre Aktien auf den Hauptaktionäre Alliance Healthcare zu übertragen. Damit wird nun die Alliance Healthcare Deutschland Holdings 1 GmbH Alleinaktionär, die Notierung der Anzag-Aktie (nach 90 Jahren Börsennotierung) an der Börse und im Freiverkehr eingestellt und die Börsenzulassung widerrufen. Das Unternehmen soll stabilisiert werden und Impulse für die Zukunft erhalten, sagte Anzag-Chef Trümper. Kling, Glöckchen, klingelingeling, bring' euch milde Gaben, sollt' euch dran erlaben.

20. Dezember 2012

,,Das Schweigen", Teil 1 – der Klassiker läuft gerade im Apothekerhaus. Für das Weihnachtseditorial im Zentralorgan der ABDA hat man den Chefredakteur vorgeschickt, um über die verhagelte Bilanz zu räsonieren. Verhagelt u. a. durch die Datenklau-Affäre. Wie schreibt er dort: ,,Die Standesvertretung funktioniert nur, wenn ihr vertraut wird. Das Vertrauen muss nun schnell wieder hergestellt werden." Wie wahr, wie wahr. Liebes Tagebuch, was meinst Du: wenn wir heute eine Umfrage machen würden ,,Vertrauen Sie der ABDA?" – wie sähe das Ergebnis aus?
Auch auffällig in der letzten Ausgabe der PZ: Keine resümierenden Weihnachtsworte, keine (Abschieds-)Worte vom scheidenden ABDA-Präsidenten, der sich noch am Apothekertag mit stehenden Ovationen feiern ließ. Keine konkreten Aussagen zu den wirtschaftlichen Verbindungen zwischen El Pato und ABDA, die es unter seiner Präsidentschaft gab. Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft.

Bald Licht im Dunkel des Rezeptdatenhandels von VSA und Pharmafakt: In wenigen Wochen will die Münchner Staatsanwaltschaft die Ergebnisse ihrer Ermittlungen vorstellen. Die Verrechnungsstelle Süddeutscher Apotheken (VSA) hatte bereits mit Blick auf die Datenschutzvorschriften Mängel eingeräumt beim Datenhandel bis zum Jahr 2009. Dann hatte man als Trustcenter die Firma Idapharm gegründet, über die die Daten gehandelt und verschlüsselt wurden, was Datenschützer allerdings immer noch mit Stirnrunzeln beobachtet hatten, da die Gesellschafterstruktur der Idapharm (die  Apothekerverbände Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen) identisch waren mit den an der VSA beteiligten Verbänden. Wie jetzt bekannt wurde, verkaufte man zum 1. Oktober die Idapharm an Ursula Hasan-Boehme, frühere Mitarbeiterin der Treuhand Hannover. Sie wird fortan die Daten anonymisieren und analysieren für die Pharmaindustrie und Verbände. Lasst uns froh und munter sein, und uns recht von Herzen freun!

21. Dezember 2012

„Das Schweigen“, Teil 2 – der Klassiker wird gerade auch auf Apotheke adhoc gespielt.  Beim Branchendienst, der sonst gerne immer eine Meldung als Erster und dann in mehrere Kapitel zerstückelt breit tritt, gibt man sich in Sachen Datenklau und Verdacht gegen den Gründungsvater Bellartz sehr zurückhaltend. DAZ.online hatte dem Inhaber des Branchendienstes, Patrick Hollstein, einige Fragen gestellt , u. a. zu den früheren und aktuellen Geschäftsbeziehungen zwischen der ABDA bzw. einzelnen Apothekerkammern/Apothekerverbänden und El Pato/Apotheke adhoc. Hollstein wollte sich dazu nicht äußern. Großes Schweigen auch über die heutige Rolle von Thomas Bellartz bei El Pato. Hollstein: „Sie erwarten doch nicht, dass wir gegenüber DAZ.online eine solche Auskunft geben.“  Völlig normal findet es Chefredakteur Hollstein auch, dass sein Onlinedienst zunächst nicht über die Datenaffäre und die polizeiliche Durchsuchung bei Bellartz berichtet hatte. Hollstein: „Was hat Apotheke adhoc damit zu tun?“ Hhmmmm. Seltsam, liebes Tagebuch, das wäre doch eine Meldung wert gewesen, oder? Und hätte mindestens so viele Klicks für Apotheke adhoc gebracht wie seiner Zeit die Vorabveröffentlichung des unautorisierten ApBetrO-Entwurfs. Schneeflöckchen, Weißröckchen.

Zum Jahresausklang

Und so, mein liebes Tagebuch, neigt sich das diesjährige Apothekerjahr seinem Ende entgegen. Viele Fragen sind offen, die ich hier notieren will, damit kein Gras drüber wächst: Wie sieht der Großkundenrabatt ab Januar aus? Wann gibt es den versprochenen Nachtdienst-Bonus? Sterben auch im neuen Jahr sechs Apotheken in der Woche? Wird es Friedemann Schmidt gelingen, Offenheit und Transparenz bei der ABDA und damit wieder Vertrauen in die Berufsvertretung herzustellen? Sollte man nicht doch mal darüber nachdenken", ob die heutige Struktur der ABDA, dieses einzigartige  Konstrukt, noch zeitgemäß ist? Wäre es nicht doch besser, wenn ein richtiger, erfahrener Manager den Verband der Verbände führen würde statt Laiendarsteller aus der Apotheke – die vielleicht eher beim Krippenspiel eine gute Figur machen? In diesem Sinne: Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit!


Peter Ditzel


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