Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

09.12.2012, 08:00 Uhr


Es war der Nikolaus-Tag, der uns das neue Spitzen-Trio unserer Berufsvertretung bescherte. Mit der Wahl von Friedemann Schmidt zum ABDA-Präsidenten steht zusammen mit Andreas Kiefer (BAK-Präsident) und Fritz Becker (DAV-Vorsitzender) eine neue Männer-Mannschaft an der Spitze, die auf Kontinuität baut. Gut so. Aber, liebes Tagebuch, lässt sie auch auf Wandel, Transparenz und Kommunikationsfreude hoffen?

3. Dezember 2012

Ein Apotheker probt den Aufstand: Gunnar Müller aus Detmold hat sein Rechenzentrum angewiesen, für alle Rezept, die ab dem 1. Januar 2013 beliefert werden, keinen Kassenabschlag mehr auszuweisen. Da macht einer ernst, liebes Tagebuch. Ich kann verstehen, dass er die Nase voll hat. Und nicht nur er.

Die Verhandlungen um den Kassenabschlag ziehen sich hin wie Kautschuk – eine Zumutung. Nein, eine Unverschämtheit der Kassen. Von Anfang an torpedierten sie das Verhandlungsergebnis. Auch bei den jetzt anstehenden Verhandlungen muss die Schiedsstelle entscheiden – aber wer der Schiedsstelle vorsitzen wird, ist ziemlich unklar. Der frühere Vorsitzende Daubenbüchel will nicht mehr. Dem Vernehmen nach soll nun Rainer Hess, der ehemalige Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA, den Vorsitz führen. Wir werden sehen.

Liebes Tagebuch, Fritz Becker macht derweil Nägel mit Köpfen: Ab 1. Januar 2013 rechnen die Apotheker 1,75 Euro als Kassenabschlag ab. Hat er gesagt. Und hat er juristisch prüfen lassen. Also, dann. Vielleicht kommen die Kassenfunktionäre dadurch in Bewegung.

Es hat „geklappt“ – der Apothekendienst durch die Nachtdienst-Klappe als Warnstreik im Verbandsbezirk Westfalen-Lippe. Der Verbandschef freut sich über „maximale Geschlossenheit“ im Kollegenkreis. Aber hat’s was gebracht? 60 Minuten Dienst durch die Klappe? Die Kassen haben die Klappe nicht gespürt.

Warum nicht der Apotheker? Die privaten Krankenversicherer AXA und Gothaer zahlen 110 harte Euro pro Patient und Jahr an Hausärzte, wenn diese den Arzneimittel-Check von Privatpatienten übernehmen. Ja, noch mal: 110 Euro pro Patient und Jahr. Warum nicht an Apotheker? Wer hat denn gelernt, Arzneimittel zu checken angefangen bei Verträglichkeit und Wechselwirkungen bis hin zur Frage, ob auch die Darreichungsform des Arzneimittels noch stimmt oder es gar verfallen ist. Liebes Tagebuch, wenn Du jetzt sehen würdest, welch dicken Hals ich bei solchen Meldungen bekomme. Da müsste doch ein noch dickeres Protestschreiben aus dem Apothekerhaus raus.

Diese Kooperation zwischen Kassen und Hausärzten zeigt wieder einmal, dass alles davon abhängt, wer das Sagen hat. In diesem Fall Ulricht Weigeldt, der Vorsitzenden des Hausärzteverbands. Er ist wahrlich kein Freund der Apotheker, in seinen Augen ist auch ABDA-KBV-Modell „ein Irrweg“. Aha. Aber warum lassen sich die Apotheker ihre ureigenen Aufgaben von den Ärzte wegschnappen. Für 110 Euro! Warum bieten die Apotheker nicht den Kassen solche Kooperationen an? ABDA-Spitze, jetzt wird’s ernst!

4. Dezember 2012

Nächstes Jahr soll alles besser werden – bei den Grippeimpfstofflieferungen. Das Ausschreibungs-Desaster und Impfstoff-Chaos, das wir in diesem Jahr erlebten, soll sich nicht wiederholen –meinen nun endlich auch die Kassen, zumindest die AOK NordWest. Sie prüft ein Angebot der Apotheker, die Impfstoffe im nächsten Jahr 20 Prozent unter dem EU-Referenzpreis zu liefern. Ein Schnäppchen. Und da überlegt die Kasse noch!

5. Dezember 2012

Schöne Worte aus Brüssel, von der „Pharmazeutischen Gruppe der Europäischen Union“ (PGEU), dem Verband der europäischen Apothekerverbände. Europas Apotheker können die Arzneimittelversorgung weiter optimieren und zur Kostensenkung beitragen. Apotheker können die Sicherheit verbessern, Behandlungsergebnisse optimieren. Stimmt. Alles. Schöne Worte. Und jetzt? Wenn nach solchen Worten keine konkreten Taten oder Programme folgen, ist alles für die Katz, liebes Tagebuch. Dann kommen die Weigeldts (siehe oben) und wie sie alle heißen, die Ärztefunktionäre, und machen mit den Krankenkassen Arzneimittel-Check-Verträge. Und die Apotheker haben ausgecheckt. Mir schwillt schon wieder der Hals.

Satte Überschüsse bei den Kassen. Mittlerweile bunkern sie ein Finanzpolster von rund 23,5 Milliarden Euro. Und die Arzneimitteausgaben steigen mit einem Plus von 2 Prozent nur moderat. Bahr ist zufrieden, die Kassen sind’s auch. Da kann man im nächsten Jahr locker auf die zwei Milliarden Euro an Praxisgebühr  verzichten, gell? Nur ein bisschen weniger Kassenabschlag für die Apotheker, das soll aus Kassensicht nicht drin sein? Tut mir leid, das ist nicht zu verstehen. Herr Bahr, ein Machtwort, bitte.

Die unter deutschen Apothekerinnen und Apothekern „beliebteste“ Versandapotheke, zusammen mit DocMorris, dürfte die Europa Apotheek Venlo (EAV) sein. Die EAV hat seit ihrer Gründung 2001 eine wechselvolle Geschichte hingelegt. Seit 2010 gehörte sie zu 100 Prozent  zur US-Versandapotheke  Medco Healths Solution, die wiederum vom US-Dienstleister Express Scripts übernommen wurde. Jetzt haben die Amis das Interesse an ihrem Spielzeug verloren. Und die EAV-Geschäftsleitung, die damaligen Gründer der EAV, hat sich mit Hilfe von Investoren die Apotheke zurückgekauft. Die neue Führung ist nun wild entschlossen, zu investieren, die Online-Präsenz auszubauen und mit deutschen Krankenkassen zu kooperieren. Und die deutschen Apothekerinnen und Apotheker müssen zusehen… Da legen wir doch noch mal eine Gedenksekunde für Ulla Schmidt ein, liebes Tagebuch.

6. Dezember 2012

Ja, und dann war’s am Nikolaustag so weit. Friedemann Schmidt, der bisherige ABDA-Vize, Präsident der Sächsischen Landesapothekerkammer, Apothekeninhaber in Leipzig und N24-Talkrunden-Moderator wurde zum neuen ABDA-Präsidenten gewählt. Herzlichen Glückwunsch! Er hat sich bisher als eloquenter Redner bewiesen, als strategisch denkender Funktionär, der sich auch dafür stark machen will, neben der packungsbezogenen Vergütung neue leistungsorientierte Vergütungselemente zu entwickeln. Fein! Für Schmidt ist die Apotheke „eine einzigartige Mischung aus naturwissenschaftlich-pharmazeutischer Kompetenz, solidem apothekerlichen Handwerk und einer bunten Vielfalt von Elementen, die jede einzelne Apotheke unverwechselbar machen“. Hat er gesagt. Was meinst Du, liebes Tagebuch, ob uns das in die Zukunft trägt? Wir wollen nicht unken. Die neue ABDA-Mannschaft steht, ab 1. Januar geht’s los mit Schmidt (ABDA), Kiefer (BAK) und Becker (DAV). Und dann wünschen wir gute Entscheidungen und ein gutes Händchen.

7. Dezember 2012

DocMorris-Apotheken werden Lloyds-Apotheken oder doch nicht. Mit dem neuen Apothekenkonzept, das Celesio vorstellte, scheint noch nicht alles so ganz klar zu sein. Jedenfalls sollen sich vier der zum Celesio-Konzern gehörenden Lloyds-Apotheken in England und Italien testweise auf die Bereiche Haut und Schmerz konzentrieren. Außerdem sollen die eigenständigen Partner-Apotheken (sprich DocMorris-Apotheken) in Deutschland mit den konzerneigenen Apotheken im europäischen Ausland zusammengefasst werden. Hieß es zunächst, aber dann der Rückzug: Alle konzernbetriebenen Apotheken sollen mittelfristig unter dem Namen Lloyds firmieren – außer den deutschen Apotheken. Allerdings, so der Hinweis, könnten auch DocMorris-Apotheken zur Lloyds-Apotheke werden, wenn sie es wollten. Und dann wieder eine Klarstellung: Vorerst wird es keine Lloyds-Apotheke in Deutschland geben. Ja, was nun?

Liebes Tagebuch, ein Blick in die Zukunft: die Verträge der DocMorris-Apotheken laufen irgendwann aus, eine Fortsetzung gibt es nicht. Wenn sie dann noch Lust haben, können sie Lloyds-Apotheken werden, wenn nicht, werden sie wieder Bären-, Adler- oder Bahnhof-Apotheken.

Und nochmal DocMorris, jetzt der Versender, der bald zur Zur Rose-Gruppe gehört: Die Versandapotheke will sich nicht von der ergangenen einstweiligen Verfügung beeindrucken lassen: Obwohl das Landgericht Köln das neue Prämienmodell  (bis zu 15 Euro Prämie!) bei Androhung eines Ordnungsgeldes untersagt hat, will DocMorris weiterhin daran festhalten. In den Augen des Versenders ist das Modell, bei dem der Patient die Prämie für die Teilnahme an einer Befragung und an einem Arzneimittelcheck erhält, „ein qualitativer Vorsprung in der pharmazeutischen Versorgung“. So kann man ein Bonus-Modell also auch hindrehen, liebes Tagebuch. Bald werden wir wohl wissen, ob die nächste gerichtliche Instanz das auch so sieht.

Ach, und dann noch diese Meldung auf Spiegel online, die zu denken gibt: Spermien-Schwund bei  Franzosen! Mon Dieu, was ist da los, liebes Tagebuch. Französische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bei ihren Landsleuten die Anzahl der Samenzellen kontinuierlich sinkt. Den Vermutungen zufolge sollen hier nicht Übergewicht, Rauchen oder Stress daran schuld sein, sondern Chemikalien wie Weichmacher und Pflanzenschutzstoffe wie polychlorierte Biphenyle, aber auch epigenetische Veränderungen.

Und das ist dann wieder die gute Nachricht: der französische Wein wurde nicht als Ursache genannt. Na, dann: A votre santé!


Peter Ditzel


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