Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

25.11.2012, 08:00 Uhr


Das liest sich nicht gut: nur noch wenig mehr als ein Drittel der Apothekerinnen und Apotheker würden rückblickend noch einmal Pharmazie studieren. Und ein gutes Drittel kann sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Steckt der Beruf in einer Krise? Vielleicht. Kein Wunder, liebes Tagebuch, Politik und Krankenkassen spielen ein böses Spiel mit diesem Beruf. Und in der Berufsvertretung vermisst man starke Führungspersönlichkeiten. Wo soll’s denn in Zukunft hingehen mit dem Apothekerberuf?

19. November 2012

Ja, die Umfrageergebnisse waren nicht überraschend. Nur 39 Prozent würden heute noch mal Pharmazie studieren, 35 Prozent können sich das definitiv nicht mehr vorstellen. Obwohl das Marktforschungsunternehmen die Gründe nicht abgefragt hat (warum eigentlich nicht?) – man kann sie sich vorstellen: Sonderopfer durch AMNOG, Bürokratieanstieg durch ApBetrO, Geringschätzung der Tätigkeit durch Honorarverweigerung und Knechtschaft durch Kassen. Und zu allem Übel: schon seit vielen Jahren eine Berufsvertretung, die sich allzu gerne mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit der zukünftigen Ausrichtung des Berufs. Liebes Tagebuch, da muss die Berufsfreude auf der Strecke bleiben.

Apropos Zukunft. Wer glaubt eigentlich noch, liebes Tagebuch, dass das ABDA/KBV-Modell in die Puschen kommt? Seit über zwei Jahren ist die „Revolution in der Arzneimittelversorgung“, wie sie damals ABDA-Vize Schmidt ankündigte, in der Mache. Sogar die Politik hat ins Gesetz geschrieben, dass es Modellversuche dazu geben soll. Aber Ärzte und Kassen wollen einfach nicht. Die Gespräche mit der AOK plus in der Region Sachsen-Thüringen stocken. Knackpunkte sind Honorierung und Datenübermittlung.

Und noch mal Kassen: Beim Thema Zwangsabschlag bleiben die Kassen stur. Konsequenz beim Saarländischen Apothekerverein: er hat alle laufenden Verhandlungen mit den Primärkassen eingestellt. Die Verhandlungen sollen erst wieder aufgenommen werden, wenn endgültig über den Kassenabschlag 2013 entschieden wurde. Liebes Tagebuch, vielleicht ist das die Sprache, die die Kassen verstehen?

20. November 2012

Jetzt aber: die große ABDA-Medienkampagne für eine halbe Million Euro. Anzeigen in Tageszeitungen und auf Internetseiten als Protest gegen die Verweigerungshaltung der Kassen bei den Verhandlungen zum Kassenabschlag 2013. Pech nur, dass der Name der Internetseite am ersten Tag falsch programmiert war. Aber immerhin, am zweiten Tag lief’s. Hat’s was gebracht? Warten wir’s ab.

Recht bescheiden nehmen sich dagegen die „Warnstreikchen“ von regionalen Verbänden aus, die ab und an aufflackern. Ein bisschen Schließen und Klappe hier (am Freitag zwischen 13 und 15 Uhr in Meck-Pomm), ein bisschen Klappendienst dort (wie am Freitag in einigen oberfränkischen Landkreisen). Da werden die Kassen so richtig zittern, oder? Was meinst du, liebes Tagebuch, alles viel Symbolik, aber so richtig Protest-Power, die bei den Kassen und ihre Versicherten ankommt, wird man sich davon kaum versprechen können, oder?

Während die Apothekerinnen und Apotheker um ihre Existenz und für einen gerechten Abschlag kämpfen, will sie die CDU in rollenden Apotheken übers Land schicken, um die ländlichen Räume zu versorgen. Meint die christlich-demokratische Partei etwa, mit dieser Schnapsidee Wählerstimmen zu bekommen? Der Apothekenbus, QMS- und präqualifiziert, ApBetrO-gerecht ausgestattet, barrierefrei und bitte: nur mit pharmazeutischem Personal an Bord wg. Botendienst und Beratung (sonst wird Herr Tisch von der ABDA böse) – wird er ein Erfolgsmodell? Kommentar eines Apothekers: Was haben die CDU-Politiker bei dieser Sitzung geraucht?

Grippeimpfstoff 2012 und die Ausschreibungen der Kassen – ein Lehrstück für Kassensparwahnsinn und Lieferfähigkeit der Industrie. Noch immer läuft die Impfstoffbelieferung nicht in jedem Bundesland rund. Obwohl Thüringen nicht betroffen war und dort aufgrund glücklicher Umstände die Impfstoffversorgung reibungslos lief, appellierte der Thüringer Apothekerverband an die Kassen, künftig auf Ausschreibungen zu verzichten. Fein, gut gemeint, aber schon kommt die Meldung, dass die Kasse, hier die Barmer GEK, an den Ausschreibungen keinesfalls rütteln will. Rabattverträge für Impfstoffe für Schutzimpfungen sind gesetzlich vorgesehen. Nun denn, das Rabatt- und Impfstoffkarussell dreht sich weiter, zum Nachteil der Versicherten. Hauptsache billig.

Ähnliche Probleme bereiten Ausschreibungen im Bereich der Zytostatika. Seit Monaten gibt es Lieferengpässe in Kliniken, vor allem bei generischen Krebsarzneimitteln. Krankenkassen schließen Verträge mit oligopolistisch strukturierten Zyto-Herstellbetrieben statt mit regionalen Apotheken. Die Generika-Hersteller werden durch die Oligopole preislich so stark unter Druck gesetzt, dass sie ihre Produkte lieber im Ausland vermarkten oder die Produktion ganz einstellen. Liebes Tagebuch, ich frage mich, wo diese Preisspirale nach unten enden wird? Man kann mit Ausschreibungen und den dadurch entstehenden Druck auch einen Markt kaputt machen.

21. November 2012

Der Kassenabschlag und die verfahrenen Verhandlungen: die Amtszeit des bisherigen Vorsitzenden der Schiedsstelle, Daubenbüchel, läuft Ende des Jahres aus, eine weitere vierjährige Amtszeit will er nicht mehr auf sich nehmen, allenfalls befristet für ein Jahr. Deutscher Apothekerverband und GKV-Spitzenverband können sich über die Neubesetzung der Schiedsstelle nicht so recht verständigen. Wie auch?  Jetzt deutet viel darauf hin, dass aus einer gemeinsam erstellten Liste von Vorschlägen ein Vorsitzender ermittelt wird – per Los. Da so ein Vorsitzender eigentlich unparteiisch sein soll, aber im richtigen Leben ein solcher Mensch vielleicht doch eher für die eine oder andere Seite ein offenes Ohr hat, ist das ein weiterer Unsicherheitsfaktor für den Ausgang des Kassenabschlags. Mamma mia, wo soll das mit dem Abschlag noch enden?

22. November 2012

Der Deutsche Generikaverband löst sich auf. Grund: Der Verband, der die kleinen und mittelständischen Generikaunternehmen vertritt, leidet unter Mitgliederschwund. Es gibt einen Konzentrationsprozess bei den Generikaherstellern, für kleine Unternehmen ist kein Platz mehr. Hintergrund: Ausschreibungen im Generikamarkt, bei denen die Kleinen keine Chance haben.

Ein ordentliches Zeichen der Kammerversammlung Schleswig-Holstein: die Kammerbeiträge werden um acht Prozent gesenkt! Zur finanziellen Entlastung der Apotheken. Und eine Resolution mit dem Tenor: Krankenkassen, kommt zurück zum Verhandlungstisch und legt ein partnerschaftliches Angebot zum Kassenabschlag vor. Ich vermute nur, liebes Tagebuch, es wird wenig nützen. Kassen verstehen nur eine andere Sprache, siehe oben.

Vielleicht die vom DAV-Chef Fritz Becker: Leider! Punkt! Basta! Achtung! Jetzt! Dem Vorsitzenden des Deutschen Apothekerverbands reicht’s. Die Verhandlungen mit den Kassen über den Zwangsabschlag mussten abgebrochen werden, weil die Kassen die Realität verdrehen. Und „wir mussten natürlich auch gleich die Schiedsstelle anrufen – unter Bauchschmerzen…“ In einem markigen Aufruf in der PZ macht er seinem Unmut über das „ungebührliche Verhalten der Beitragsverwalter“, sprich Kassen, Luft: „Warum uns die Kassen trotz milliardenschwerer Überschüsse an die Wand sparen wollen, bleibt das Geheimnis der Kassenfunktionäre.“ Jetzt will Becker aus dem Abbruch einen Aufbruch machen: Apotheker sollen Plakate aufhängen und Handzettel austeilen mit den Motiven der ABDA-Kampagne „Was sich Krankenkassen herausnehmen, geht auf Kosten Ihrer Gesundheit!“. Also, los geht’s.

Jetzt reden sie Tacheles, unsere Pharmazieräte. Sie haben ihre Eckpunkte zur ApBetrO formuliert. Also: jede Apotheke muss einmal jährlich an einer externen Qualitätsüberprüfung teilnehmen (zum Beispiel ein Pseudo-Customer-Besuch). Vertrauliche Beratung heißt mindestens 2 Meter Abstand zwischen den einzelnen Bedienplätzen und 2 Meter zwischen Bedienplätzen und wartenden Kunden – macht 4 Quadratmeter Platzbedarf für einen Kunden. Liebes Tagebuch, wenn man das ernst nimmt, dann müssten viele Apotheken nur maximal zwei Kunden einlassen, bei den übrigen heißt es: wir müssen draußen warten. 

Dann: Beratung im Botendienst muss durch pharmazeutisches Personal erfolgen, sofern nicht vorher beraten wurde (heißt: die PTA mit Führerschein als Fahrerin) und, Achtung, Versandapotheken müssen bei jedem Versandvorgang eine Beratung durchführen und dokumentieren. Diese Doku möchte ich mir gerne mal anschauen, liebes Tagebuch. Hast du auch das Gefühl, dass es da schon bald kräftig knirschen wird?

23. November 2012

Streik gegen die starre Haltung der Kassen auch im Kammerbereich Westfalen-Lippe. Im Kreis Siegen-Wittgenstein wollen die 66 Apotheken mal so richtig in den Ausstand treten und Patienten nur noch notfallmäßig versorgen. Aber nur am kommenden Donnerstag, Und nur für eine Stunde. Uiuiui, da zittern die Kassen heute schon. Im Ernst: was soll das bringen?

Klarstellung von DAV-Chef Becker für die Verhandlungen zum Kassenabschlag: 1,75 Euro kann nur die Ausgangsbasis sein, gefordert wird ein Wert zwischen 1,55 und 1,60 Euro. Ein Deal, bei dem beide Seiten die Klagen zurückziehen und sich auf 1,75 einigen, soll nicht in Frage kommen. Recht so. Oder lieber doch eine Einigung auf 1,75?

24. November 2012

Die nordrhein-westfälische Landesgesundheitskonferenz will die Kompetenz der Apotheke stärker für die Sicherheit der Arzneimitteltherapie nutzen: Die Apotheke soll alle verordneten und die in der Selbstmedikation erworbenen Arzneimittel des Patienten erfassen und in einen Medikationsplan eintragen. NRW- Gesundheitsministerin Barbara Steffens will, dass Ärzte und Apotheker besser zusammenarbeiten. Das hören wir gerne, liebes Tagebuch, deshalb: Steffens wird die nächste Gesundheitsministerin!


Peter Ditzel


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