Gesundheitspolitik

Der Apotheken-Ökonom: Größer gedacht und weiter gesprungen

Ausblick auf 2023

Prof. Dr. Andreas Kaapke

Im Jahr 2023 wird es für die Apothekerinnen und Apotheker in erster Linie darum gehen, ihre Honorierung hinreichend abzu­sichern. Die Beschlüsse aus dem Jahr 2022 werden erst 2023 besonders spürbar. Vieles wird auch davon abhängen, wie schnell sich die Weltlage wieder beruhigt oder ob sie sich überhaupt besänftigen lässt. 50 Prozent der Konsumentscheidungen fußen auf der Psychologie. Selbst gut betuchte und von der Inflation oder anderen ökonomischen Verwerfungen faktisch nicht betroffene Personen üben sich gleichfalls in Kaufzurückhaltung, weil Kaufen Spaß machen soll – und wenn man nicht frei und unverhohlen shoppen kann, dann lässt man es halt im Zweifel, da es sich bei dieser Personengruppe selten um Muss-Käufer, sondern eher um Kann-Käufer handelt.

Nun ist das Ziel der Honorarsicherung oder -verbesserung nicht so leicht erreichbar, denn seit dem GMG aus dem Jahr 2004 und der damit einhergehenden Änderung der Honorierung der apothekerlichen Leistung verhandeln die Apotheken um eine gerechte Entlohnung ihres Tuns. Doch bald 20 Jahre später ist diesbezüglich immer noch kein durchgängiges Grundverständnis in der Politik verankert. Man mag dies auf wechselnde Koalitionen sowie ständig neue Besetzungen im Bundesgesundheitsministerium mit anderen politischen Schwerpunkten schieben, ein wahrscheinlich noch wichtigerer Grund ist das Silodenken im Gesundheitswesen.

Die Krankenkassen, die sich am Patientenwohl messen lassen müssten, haben eine nicht zu übersehende Kostensenkungsmentalität. Die Ärzte sehen bei allem, was an zu verschiebenden Leistungen in Richtung Apotheke geht oder gehen könnte, Ungemach aufziehen, zumindest ein Teil von ihnen. Die Apotheken selbst argumentieren auch nicht selten ausschließlich aus ihrer Brille. Vielleicht wäre ein gemeinsamer Zukunftspakt angezeigt, der aus der Sicht des Patienten, des Kunden, des GKV- oder PKV-Mitglieds den besten Weg für dessen Gesund­erhaltung und Gesundheitswiederherstellung aufzeigt. Dieses Qualitätspostulat ist nicht per se im Zielkonflikt mit einem effizienten Kostenmanagement, denn ein auf Qualität ausgerichtetes System spart in der Regel mittel- bis langfristig Kosten.

Wenn sich die Kassen weniger darauf konzentrieren würden, als Antrieb für den Umgang mit den Apotheken nicht die Erreichung gewisser Retaxationsquoten anzustreben, sondern – wie dies sicherlich in vielen Fällen auch geschieht – die Optimierung der Patientenbetreuung, könnten alle nach Präventionsmöglichkeiten schauen und sich um eine bestmögliche Versorgung kümmern.

Und der bisweilen durchscheinende Neid der Ärzteschaft, möglichst nichts abgeben zu wollen im Sinne eines „wehret den Anfängen“, müsste doch argumentativ dadurch aufzulösen sein, dass diese auch schon lange nicht mehr ohne Wei­teres alleine eine flächendeckende Versorgung bei Einhaltung gewisser Standards halten können. Warum schmieden derlei aufeinander angewiesene Akteure – da sind andere Heilberufler noch gar nicht berücksichtigt – nicht den Zukunftspakt Gesundheit? Manchem Leser mag dies naiv erscheinen, andere werden sagen, „die Sau haben wir schon zigmal durchs Dorf gejagt“, und wieder andere hegen Zweifel, ob dies mit den angesprochenen Akteuren auch nur im Ansatz zu realisieren ist.

Verhandeln erfordert zum einen Geschick und vor allem Geduld. In der Betriebswirtschaftslehre wird auch thematisiert, dass für manche Themen der zentrale Erfolgsfaktor das sogenannte Window of Opportunity sei, also zu schauen, dass man den richtigen Zeitpunkt für ein Unterfangen erwischt. Das wäre größer gedacht und weiter gesprungen als in all den Jahren nach dem GMG im Jahr 2004.

Die Budgets der Politik waren nie so stark gebunden wie in den letzten drei Jahren und doch war die Politik selten spendabler als in den Jahren von Corona und Energiekrise. Das GKV-Finanz­stabilisierungsgesetz ist Ausdruck davon, dass der Staat das verausgabte und versprochene Geld an anderen Stellen vereinnahmen und/oder sparen muss. Es bedarf einer sehr feinsinnigen und ganzheitlichen Argumentation. Wenn jeder Silo für sich argumentiert, wird am Ende keiner wirklich gewinnen können, wenn aber die Bedarfskette in sich stimmig verhandelt und nicht dem jeweils anderen nichts bis gar nichts gönnt, kann es vielleicht gelingen.

Verhandlungen im Gesundheitswesen treffen auf einen gegenwärtig angezählten Minister. Ob dieser tatsächlich allein der richtige Ansprechpartner 2023 sein kann, ist fraglich. Der Grüne Habeck im Wirtschaftsministerium ist in die Vergütungsfragen der Apotheken mehr als involviert und der FDP-Minister Lindner im Finanzressort vermittelt allen den Eindruck, dass er alleine über den Haushalt und die dortigen Budgets entscheidet. Die FDP stand viele Jahrzehnte den freien Berufen sehr nahe, den dem Bildungsbürgertum mehr­heitlich entstammenden Grünen sind Apotheker von ihrem sozialen Status und ihrem Mindset her näher als gedacht. Die größte gedankliche Distanz ergibt sich zur SPD als Ampelkoalitionär und damit auch zum Gesundheitsminister – prosit Neujahr! |

Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), Standort Stuttgart, und Inhaber des Beratungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de

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