Arzneimittel und Therapie

Vorhofflimmern durch Cannabis, Cocain und Co.

Drogenkonsum ist mit erhöhtem Risiko assoziiert

Vorhofflimmern ist die am häufigsten auftretende Herzrhythmus­störung. Sie kann durch eine bestehende Vorerkrankung des Herzens verursacht werden, aber auch ohne offensichtlichen Grund auftreten. Alkohol- und Nicotin-Konsum stellen ebenfalls Risikofaktoren für Vorhofflimmern dar. Ob das Risiko auch durch Cannabis, Cocain, ­Methamphetamin und Opiate ­erhöht wird, haben Forscher der ­University of California nun in einer groß angelegten Längsschnittstudie untersucht [1].

Patienten mit Vorhofflimmern nehmen teilweise Symptome wie Herzrasen, Müdigkeit oder Herzstolpern wahr. Oft bleibt die unregelmäßige Tätigkeit der Vorhöfe aber unbemerkt. Sie bringt jedoch ein erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz und Schlaganfälle mit sich.

In einer US-amerikanischen Studie wurde nun der Zusammenhang zwischen Vorhofflimmern und Drogenkonsum untersucht. Dazu werteten die Wissenschaftler Gesundheitsdaten von gut 23,5 Millionen erwachsenen Kaliforniern aus, die zwischen 2005 und 2015 ein Krankenhaus aufsuchten. Insgesamt wurden 111 Millionen Behandlungen dokumentiert. Außerdem analysierten die Forscher den Konsum bekannter Drogen durch die Patienten. Die am meisten verwendete Droge war Cannabis mit 132.834 Konsumenten, gefolgt von Stimulanzien wie Methamphetamin (n = 98.271) und Cocain (n = 48.701). Opiate nahmen gut 10.000 Patienten ein. Knapp eine Million Patienten (4,2%) erlebte im Untersuchungszeitraum Vorhofflimmern.

Nachdem verzerrende Faktoren wie Alter, Geschlecht, relevante Vor­erkrankungen und sozioökonomische Faktoren in der statistischen Analyse berücksichtigt wurden, ergab sich ein Zusammenhang zwischen Substanzmissbrauch und dem Auftreten von Vorhofflimmern. Die Hazard Ratio (HR) betrug 1,86 für Methamphet­amin, 1,74 für Opiate, 1,61 für Cocain und 1,35 für Cannabis. Für Alkohol- bzw. Nicotin-Konsum lag die HR bei 1,99 bzw. 1,32. Patienten, die mehrere Substanzen konsumierten, hatten ein signifikant größeres Risiko für Vorhofflimmern als Patienten, die nur eine der Substanzen verwendeten.

Foto: New Africa/AdobeStock

Mögliche Mechanismen

Für Substanzen wie Methamphetamin und Cocain, die stimulierend auf das zentrale Nervensystem wirken, ist bekannt, dass ihre Einnahme den Herzrhythmus beeinflussen kann. Meth­amphetamin führt durch verringerte Proteinexpression zu einer reduzierten Aktivität von Kalium- und Calcium-Kanälen. So kommt es häufiger zu atrialen und ventrikulären Ektopien. In Elektrokardiogrammen von Meth­amphetamin-Abhängigen ist oft eine höhere Rate von QT-Zeit-Verlängerungen sichtbar. Bei Cocain-Konsumenten ist ein erhöhtes Risiko für ventrikuläre Arrhythmien durch Dysregulation von Natrium-Kanälen bekannt. Opiate und Cannabis-Inhaltsstoffe haben eher dämpfende Effekte auf das zentrale Nervensystem. Es wird vermutet, dass chronischer Opiat-Konsum Herzmuskelzellen anfälliger für oxidativen Stress macht, was schließlich zum Vorhofflimmern führen kann. Aus Beobachtungsstudien ist zwar bekannt, dass auch Cannabis-Konsumenten ein erhöhtes Risiko für Arrhythmien haben, der zugrunde liegende Mechanismus ist jedoch nicht bekannt. Mög­licherweise spielt hier das oft gleichzeitig konsumierte Nicotin eine Rolle.

Konsum korrekt erfasst?

Unklar bleibt, ob die behandelnden Mediziner in zahlreichen verschiedenen Einrichtungen den Drogenkonsum ihrer Probanden immer vollständig erfassten. Der Verdacht liegt nahe, dass manche Drogenkonsumenten ihren Konsum herunterspielen. So fällt auf, dass lediglich 0,56% der Patienten als Cannabis-Konsumenten erfasst wurden. In einer Telefonumfrage des Marktforschungsinstituts Gallup Organization gaben jedoch 12% der erwachsenen Amerikaner an, Marihuana zu rauchen [2]. Außerdem sind leichte Arrhythmien, die ohne klare Symptome verlaufen, in den Daten möglicherweise unterrepräsentiert.

In der im European Heart Journal ­publizierten Studie wurde eine Assoziation zwischen Rauschmittelkonsum und einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern gezeigt. Während sich diese Assoziation für Methamphetamin, ­Cocain und Opiate auch mechanistisch erklären lässt, scheint der Zusammenhang mit Cannabis-Konsum weniger klar zu sein. |

Literatur

[1] Lin AL et al. Cannabis, cocaine, methamphetamine, and opiates increase the risk of incident atrial fibrillation. Eur Heart J 2022;ehac558, doi: 10.1093/eurheartj/ehac558

[2] Jones JM. Nearly Half of U.S. Adults Have Tried Marijuana. Meldung von Gallup, 17. August 2021, news.gallup.com/poll/353645/nearly-half-adults-tried-marijuana.aspx

Ulrich Schreiber, M. Sc. Toxikologie

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