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Macht die Cannabis-Legalisierung den Markt für Medizinalcannabis kaputt?

Unternehmen und Patienten könnten auf „Freizeit-Cannabis“ umschwenken

mp/ral | Die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken steht nach wie vor auf der Agenda der Ampel-Koalition. Die Folgen dieser Legalisierung könnten allerdings weitreichender sein, als die Befürworter des Vorhabens derzeit annehmen. Auf der Cannabis-Messe ICBC wurde vor Kurzem über die Erfahrungen gesprochen, die man in Kanada mit der Legalisierung gemacht hat: Der dortige Medizinalcannabis-Markt zerbrach nach der Freigabe von „Freizeit-Cannabis“. Könnte dies auch hierzulande eintreten?

Alex Revich, der bei der auf medizinisches Cannabis spezialisierten kanadischen Apothekenkette Hybrid Pharm arbeitet, erzählte auf der ICBC, was er in Kanada in den vergangenen Jahren beobachtet hat. „Mit der Legalisierung zeigt sich schnell, welchen Unternehmen Cannabis als Medizin am Herzen liegt. Viele stürzen sich sofort auf den Genussmittelmarkt.“ Der kanadische Cannabis-Markt ist allerdings nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar. Ein Problem liegt für Revich in Kanada darin, dass Freizeit-Cannabis nicht über Apotheken abgegeben werden darf. Zugleich dürfen die lizenzierten Abgabestellen keine Beratung für Erkrankte anbieten. Doch gerade Vor­erkrankte, die Cannabis ausprobieren möchten, benötigen eine medizinische Beratung. Revich setzte sich damals dafür ein, legales Cannabis über Apotheken in Umlauf zu bringen. Dass dies in Deutschland möglich sein könnte, ist für ihn ein riesiger Vorteil.

Foto: imago images/imagebroker

Genuss statt Medizin Wenn „Freizeit-Cannabis“ legal wird, könnte sich dies negativ auf den Medi­zinal­cannabis-Markt auswirken.

Rückzug aus der Forschung befürchtet

Hierzulande ist Cannabis seit 2017 bei bestimmten Indikationen erstattungsfähig. Rund 80.000 Patienten werden derzeit Schätzungen zufolge mit Medizinalcannabis behandelt. Wer Cannabis als Arzneimittel vertreibt, hätte somit noch immer einen Absatzmarkt. Aber auf der Messe in Berlin erklärten Experten: Einigen Patienten bleibt der Zugang zur grünen Medizin verwehrt. Viele Erkrankte beantragen bei ihrer Krankenkasse, die Kosten für ihre Cannabis-Therapie erstattet zu be­kommen. Die Kassen lehnten jedoch 40 Prozent der Anträge ab. Denn in einigen Bereichen ist die Evidenzlage noch umstritten. Neben Revich saß bei der Messe Diane Scott auf dem Podium. Sie ist Geschäftsführerin der JMCC-Group, die medizinisches Cannabis in Jamaika anbaut und exportiert – auch nach Deutschland. Auch sie beklagte, dass sich viele Medizinalcannabis-Firmen dem Freizeitmarkt zuwendeten. Infolgedessen würden Patienten nicht ausreichend versorgt. Zusätzlich investierten viele Unternehmen weniger Geld in die medizinische Forschung. Das könnte auch in Deutschland passieren, warnt Scott. Ihr Vorschlag: „Die deutsche Regierung sollte Steuergelder, die sie bei der Cannabisabgabe einnimmt, in die medizinische Cannabis-Forschung investieren.“

Drohen Lieferengpässe auch bei Cannabis?

Wird auch in Deutschland die Industrie Cannabis als Arzneimittel nach der Legalisierung vernachlässigen? Das wollte die DAZ von Alain Menghé wissen. Bis 2012 arbeitete er bei der AOK. Später gründete er Lio Pharmaceuticals, die medizinisches Cannabis in Deutschland vertreiben. Auch er kritisiert, dass die Industrie längst mehr zur Cannabis-Forschung hätte beitragen müssen, die auch dem Freizeit-Cannabismarkt helfen würde. Viele Firmen mieden jedoch die teuren Investitionen. Er fordert nun klare Rahmenbedingungen von der Politik.

Dass es nach der Legalisierung zu Versorgungsengpässen kommen könnte, weil Hersteller sich auf Genussmittel-Cannabis konzentrieren wie in Kanada, glaubt er nicht. „Wenn in Deutschland ein Patient ein Arzneimittel benötigt, dann bekommt er es auch“, kommentierte Menghé. Wer hierzulande als Apotheker tätig ist, würde dem widersprechen: Lieferengpässe waren und sind ein Problem für Patienten, ob bei Medizinalcannabis, Zytostatika, Antibiotika oder OTC-Fiebersäften. |

 

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