Gesundheitspolitik

Kommentar: Nicht praxisreif

Dr. Thomas Müller-Bohn

Als die Einführung des E-Rezepts in Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein angekündigt wurde, sah es für kurze Zeit aus, als käme endlich Schwung in diese unendliche Geschichte. Für einen erneuten Stopp schien es zu spät und mit Pragmatismus und gutem Willen würde es irgendwie gehen. Doch diese Euphorie ist vorbei. Nun ist die Kassenärztliche Vereinigung auch in der zweiten Pilotregion Westfalen-Lippe ausgestiegen. Denn die praktikablen Übertragungswege sind unsicher und die sicheren Wege sind unpraktikabel. Dass die Ärzte sich dabei so unflexibel zeigen, wirkt durchaus nervig, kann aber im Ergebnis hilfreich sein. Denn auch aus Apotheken ist von vielen offenen Fragen zum E-Rezept zu hören. Dort ist wohl kaum jemand traurig, wenn diese neue Hürde im Arbeitsalltag erst mal entfällt. Zugleich können die Apotheken froh sein, dass sie nicht für den Rückschlag verantwortlich sind. Sie sind trotz aller Schwierigkeiten „e-ready“. Doch nun ist passiert, was bei jedem ernst gemeinten Test einkalkuliert werden muss. Es hat sich gezeigt, dass das E-Rezept nicht praxisreif ist, insbesondere weil die Übertragung und die Datensicherheit nie zu Ende gedacht wurden. Statt jetzt auf der flächendeckenden Einführung im nächsten Jahr zu bestehen, sollte die Gematik das Ergebnis akzeptieren und erst ein praktikables Konzept erarbeiten. Zugleich sollten sich die politisch Verantwortlichen fragen, ob der enorme finan­zielle Aufwand, die Belastung des knappen Gesundheitspersonals und das mittlerweile neu zu bewertende Risiko eines Cyber-Angriffs den Nutzen wert sind, der im Vergleich zum perfekt organisierten Papierrezept zunehmend fragwürdig erscheint. Bei einem so desaströsen Ergebnis gehört auch das zu einem ernsthaften Test.

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