Prisma

Heilung durch tödliches Gift?

Tetanustoxin verbessert Muskelatrophie

Foto: sokazunana7/AdobeStock

us | Das Tetanus-Neurotoxin wird von dem Bakterium Clostridium tetani freigesetzt und ist hochgiftig. Bereits in niedrigen Dosierungen löst das Protein spastische Muskellähmungen aus, indem es die Freisetzung inhibitorischer Neurotransmitter blockiert. Die Symptome sind auch als Wundstarrkrampf bekannt, da die Sporen der Bakterien meist durch kleine Wunden in den Körper gelangen. Solche Fälle sind heute glücklicherweise äußerst selten, da Kinder früh gegen Tetanus geimpft werden. Wissenschaftler der Klinik für Neurologie der Göttinger Universitätsmedizin haben eine Studie publiziert, in der sie an Hunden demonstrieren, dass eine Therapie mit dem Tetanus-Toxin eine Muskelatrophie nach einer Rückenmarks­verletzung umgekehren kann. An der Studie nahmen 25 Hunde teil, deren Hinterläufe nach einer Rückenmarksverletzung teilweise gelähmt waren. Die Tiere wurden auf zwei Gruppen randomisiert und erhielten entweder eine Injektion mit einigen Hundert Pikogramm des Tetanustoxins oder einem Placebo in die Muskeln der Hinterläufe. Vor und vier Wochen nach der Injektion untersuchten die Neurologen die Dicke der Muskulatur mittels Ultraschallmessung. Außerdem zeichneten sie den Gang der Hunde auf und testeten die Schmerzempfindung ihrer Hinterläufe. Vier Wochen nach der Injektion waren die Dicke des Musculus gluteus medius und des M. rectus femoris bei Tieren der Tetanus-Gruppe signifikant größer als in der Placebo-Gruppe. Auf den Gang der Hunde hatte die Behandlung allerdings keinen Einfluss. Nach den Berichten der Hundebesitzer litt keines der Tiere unter ernsten Nebenwirkungen der niedrigdosierten Injektion. Muskelatrophie ist für Patienten mit Rückenmarksverletzungen eine Ur­sache verschiedener Sekundär­erkrankungen. Das Tetanustoxin könnte sich hier als wirksame Prophylaxe erweisen. |

Literatur

Kutschenko A et al. Intramuscular tetanus neurotoxin reverses muscle atrophy: a randomized controlled trial in dogs with spinal cord injury. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2021, doi: 10.1002/jcsm.12836

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