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Pandemie Spezial

Boostern – wann, wen, womit?

Erste Wahl ist ein mRNA-Impfstoff, egal welcher

Ab sofort empfiehlt die STIKO die COVID-19-Auffrischimpfung allen Personen ab 18 Jahren. Booster der ersten Wahl sind mRNA-Impfstoffe. Prioritär empfiehlt man die schon für die Grundimmunisierung eingesetzten Impfstoffe. Diese Einengung könnte aber in der aktuellen pandemischen Lage kontraproduktiv sein. Heterologe Impfschemata scheinen auch beim Boostern mindestens gleichwertig zu sein, nach amerikanischen Studiendaten sogar effektiver. | Von Ralf Schlenger

Am 18. November 2021 erschien die 13. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO). Darin wird allen Personen ab 18 Jahren die COVID-19-Auffrischimpfung empfohlen. Zugleich bekräftigt die Kommission weiterhin die Priorität der Boosterimpfung bei besonders gefährdeten Menschen: Dazu zählen alle mit Immundefizienz, Personen im Alter ab 70 Jahren sowie Bewohner und Betreute in Einrichtungen der Altenpflege. Aufgrund des erhöhten Ausbruchspoten­zials in Altenheimen sind Bewohner und Betreute jeglichen Alters in die prioritäre Boosterempfehlung eingeschlossen, also auch unter 70-Jährige, ebenso das Pflegepersonal und andere Tätige, die direkten Kontakt zu mehreren zu pflegenden Personen haben. Vorrang beim Boostern sollte auch das Personal in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt haben. Vordringlich zu impfen seien alle, die bisher überhaupt nicht geimpft wurden, mahnt das Gremium. Keine Auffrischimpfung wird derzeit Personen empfohlen, die vor oder nach der COVID-19-Impfung eine labordiagnostisch gesicherte SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben. Die Empfehlung zur Auffrischimpfung gelte auch für Schwangere ab dem zweiten Trimenon [1]. In der vorherigen Ausgabe der Impfempfehlungen vom 28. Oktober 2021 hatte die STIKO die COVID-19-Auffrischimpfung lediglich für Personen ≥ 70 Jahre und für bestimmte Indikationsgruppen empfohlen. Diese sind am stärksten durch einen mit dem Schwinden gebildeter Antikörper rückläufigen Impfschutz gefährdet. Er soll nach Daten aus den USA zum Biontech-Impfstoff von 93% auf 53% binnen fünf Monaten zurückgehen.

Boostern womit?

Unabhängig davon, welcher Impfstoff zuvor verwendet wurde, soll für die Auffrischimpfung laut STIKO ein mRNA-Impfstoff verwendet werden, und zwar grundsätzlich der­jenige, der bei der Grundimmunisierung zur Anwendung gekommen ist. Das gelte auch für eine heterologe Grund­immunisierung mit einem Nicht-mRNA-Impfstoff (z. B. Grundimmunisierung VaxzevriaTM – Spikevax®; Booster: Spikevax®, vgl. Tabelle). Steht der gleiche mRNA-Impfstoff nicht zur Verfügung, könne auch der jeweils andere eingesetzt werden. Bei Comirnaty® ist für den Booster-Shot dieselbe Dosierung (0,3 ml mit 30 µg Tozinameran) wie für die Grundimmunisierung vorgesehen. Beim höher dosierten Spikevax® ist nur die Hälfte (0,25 ml mit 50 µg mRNA) der Grundimmunisierungsdosis (0,5 ml mit 100 µg) für die Auffrischung indiziert. Bei Patienten mit Immundefizienz ab einem Alter von 12 Jahren wäre die volle Dosis als Booster zugelassen. Dies lehnt die STIKO wegen des gegenüber Comirnaty® etwas erhöhten Myokarditis-Risikos unter Spikevax® ab. Sie empfiehlt letzteren Impfstoff generell nicht mehr bei Personen unter 30 Jahren, außerdem nicht bei Schwangeren. Die COVID-19-Vakzine Janssen, ein Vektorimpfstoff, ist zwar für eine Grundimmunisierung mit nur einer Dosis zugelassen. Allerdings empfiehlt die STIKO hier eine zusätzliche mRNA-Impfstoffdosis zur Erlangung einer wirksamen Grundimmunisierung. Danach könne eine weitere mRNA-Dosis im Sinne eines Boosters gegeben werden, wie auch bei den drei anderen COVID-19-Impfstoffen.

Tab.: Von der STIKO empfohlene Impfstoffe und Impfabstände zur Grundimmunisierung und Auffrischimpfung gegen COVID-19 von Immungesunden (Stand: 18. November 2021) [1]
Altersgruppe (Jahre)
Grundimmunisierung
Auffrischimpfung
1. Impfstoffdosis
2. Impfstoffdosis
Impfstofftyp bzw. Impfschema
Impfabstand1 (Wochen)
3. Impfstoffdosis2
Mindestabstand zur zweiten Impfstoffdosis (Monate)
≥ 12
Comirnaty®
Comirnaty®
mRNA
3 – 6
Comirnaty®
in der Regel 6
≥ 30
Spikevax® (100 µg)
Spikevax® (100 µg)
mRNA
4 – 6
Spikevax® (50 µg)6
in der Regel 6
≥ 60
VaxzevriaTM
Comirnaty®
heterologes Impfschema4
ab 4
Comirnaty®
in der Regel 6
≥ 60
VaxzevriaTM
Spikevax® (100 µg)
heterologes Impfschema5
ab 4
Spikevax® (50 µg)6
in der Regel 6
≥60
COVID-19-Vakzine Janssen3, 4
Comirnaty®
heterologes Impfschema5
ab 5
Comirnaty®
in der Regel 6
≥ 60
COVID-19-Vakzine Janssen 3, 4
Spikevax® (100 µg)
heterologes Impfschema5
ab 4
Spikevax® (50 µg)6
in der Regel 6
alle
Impfung mit einem in der EU nicht zugelassenen Impfstoff, Empfehlung: erneute Impfserie mit einem in der EU zugelassenen Impfstoff
ab 4
Comirnaty® oder Spikevax® (50 µg)6
in der Regel 6

1 Wird der empfohlene Abstand zwischen der 1. und 2. Impfstoffdosis überschritten, kann die Impfserie fortgesetzt werden und muss nicht neu begonnen werden. 2 Für die Auffrischimpfung soll möglichst der mRNA-Impfstoff verwendet werden, mit dem die Grundimmunisierung durchgeführt wurde. Ist dieser nicht verfügbar, kann der jeweils andere mRNA-Impfstoff verwendet werden. 3 Bisher ist die COVID-19-Vakzine Janssen nur für eine einmalige Dosierung zugelassen. Zur klinischen Wirksamkeit und Sicherheit des Zwei-Dosis-Regimes gibt es bisher nur eine Pressemitteilung des Herstellers vom 21. September 2021. 4 Für dieses optimierte Grundimmunisierungsregime gibt es bisher keine publizierten Immunogenitäts-, Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten. Die Empfehlung beruht auf immunologischer Plausibilität und der Analogie zur heterologen VaxzevriaTM/mRNA-Impfung. 5 Für eine ausführliche Darstellung der Immunogenität, Sicherheit und Wirksamkeit dieses heterologen Impfregimes s. 8. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung. 6 Für die Auffrischimpfung von Personen mit Immundefizienz soll Spikevax® in einer Dosierung von 100 µg verwendet werden.

Boostern wann?

Die Auffrischimpfungen für alle Volljährigen sollen in der Regel im Abstand von sechs Monaten zur letzten Impfstoffdosis der Grundimmunisierung erfolgen. Eine Verkürzung des Impfabstandes auf fünf Monate könne im Einzelfall, oder wenn genügend Kapazitäten vorhanden sind, erwogen werden, so die STIKO. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, wollen das Intervall flexibel verstanden wissen: „Der gemäß Zulassung vorgesehene Abstand von sechs Monaten zur vollständigen Immunisierung ab 18 Jahren ist als zeitliche Richtschnur zu verstehen“, heißt es in einem Schreiben an alle Vertragsärzte [2]. Demnach können Ärzte alle Menschen ab 18 Jahren, auch wenn sie nicht zu den Risikogruppen gemäß der STIKO-Empfehlung gehören, zeitnah und auch vor Ablauf der sechs Monate im eigenen Ermessen impfen, betonen Spahn und Gassen. Die Impfentscheidung sei von der Zulassung gedeckt, haftungsrechtlich abgesichert und der entsprechende Anspruch in der Coronavirus-Impfverordnung des Bundes begründet [2]. Besonderheiten gelten für schwer immundefiziente Personen mit einer erwartbar stark verminderten Impfantwort. Diese sollen ohnehin eine dritte Impfstoffdosis bereits vier Wochen nach der zweiten als Optimierung der primären Impfserie bekommen, quasi als verlängerte Grundimmunisierung [3]; über den Zeitpunkt einer Auf­frischung entscheidet dann der Arzt im Einzelfall [1].

Was in der STIKO-Empfehlung auch neu ist

Bei Menschen unter 30 Jahren soll in der Grundimmunisierung nur noch der mRNA-Impfstoff Comirnaty® eingesetzt werden. Begründet wird dies damit, dass in dieser Altersgruppe das Risiko des Auftretens einer Myokarditis nach Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Spikevax von Moderna höher ist als mit Comirnaty®. Hat jemand bereits eine erste Impfstoffdosis Spikevax® bekommen, soll die zweite Comirnaty® sein. Spikevax® empfiehlt die STIKO erst bei Menschen ab 30 Jahren. Die Vektorimpfstoffe VaxzevriaTM und COVID-19-Vakzine Janssen sollen sogar erst ab 60 Jahren eingesetzt werden. Hier erfolgt die Altersbeschränkung aufgrund der beobachteten thromboembolischen Ereignisse.

Bei der Impfung von Schwangeren liegen bisher keine vergleichenden Sicherheitsdaten für Comirnaty® und Spikevax® vor. Nichtsdestotrotz lautet die aktuelle Empfehlung der STIKO, ungeimpften Schwangeren jeden Alters zwei Dosen des mRNA-Impfstoffs Comirnaty®ab dem zweiten Trimenon anzubieten. Wurde die Schwangerschaft nach bereits erfolgter Erstimpfung festgestellt, sollte die Zweitimpfung erst ab dem zweiten Trimenon durchgeführt werden [1].

Heterolog sticht homolog

Aber ist der Booster mit dem zuvor verwendeten Impfstoff stets der Weisheit letzter Schluss? Die Frage nach dem optimalen Boosterregime wird lebhaft diskutiert. Dazu sollte eine Studie der US-National Institutes of Health (NIH) Auskunft geben, in der in zehn amerikanischen Zentren homologe und heterologe Boosterregime verglichen wurden. 459 gesunde Erwachsene erhielten frühestens zwölf Wochen nach einer abgeschlossenen Grundimmunisierung mit Spikevax® (Moderna), Comirnaty® (Biontech/Pfizer) oder COVID-19-Vakzine Janssen eine Boosterimpfung mit jeweils einem der drei Impfstoffe, so dass neun (3 × 3) Prüfgruppen mit jeweils rund 50 Personen entstanden. Am Tag vor der Boosterimpfung sowie 14 und 28 Tage danach wurden SARS-CoV-2-bindende und neutralisierende Antikörper im Serum gemessen. Unbesehen vom verwendeten Impfstoff der Grundimmunisierung erzielten Booster-Shots mit mRNA-Impfstoffen jeweils wesentlich höhere Antikörper-Anstiege im Serum (Faktor 14,9 bis 56,1) als ein Booster mit dem Vektorimpfstoff (max. Faktor 6,2). Das bestätigt die aktuelle STIKO-Empfehlung. Allerdings war der Zugewinn größer nach heterologer Boosterung verglichen mit dem homologen Regime. Unterschiede in der Reaktogenität zwischen homologem und heterologem Boostern stellte die Studie nicht fest. Bei über 55-Jährigen sei die Immunantwort etwas schwächer ausgefallen als bei den Jüngeren, allerdings waren die Probandenzahlen für eine belastbare Aussage zu gering. Keine neuen Sicherheitsbedenken tauchten auf [4].

Verwirrung um die Spikevax®-Dosis

Soweit die als Preprint publizierten Ergebnisse dieser unverblindeten Studie, aus der der Spikevax®-Impfstoff von Moderna scheinbar als Booster-Sieger hervorgeht. Dies wurde auch in sozialen Medien so dargestellt. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass die amerikanischen Probanden als Booster die volle Dosis Spikevax® (100 µg) erhalten hatten – und nicht 50 µg, wie in den jetzigen amerikanischen und deutschen Empfehlungen vorgeschrieben. „Wir setzten 100 µg Spikevax ein, weil sich Moderna zum Zeitpunkt des Studiendesigns noch zu keiner anderen Boosterdosis entschlossen hatte“, erklärt auf Nachfrage der Erstautor der Studie, der Infektiologe Prof. Dr. Robert L. Atmar vom Baylor College of Medicine, Houston (Texas). „Ich glaube, dass sowohl der Moderna- als auch der Pfizer-Impfstoff als Booster sehr gut wirken.“ In der Tat liegen die beobachteten Anstiege der Antikörpertiter nach homologer und heterologer Boosterung mit Spikevax® bzw. Comirnaty® nicht weit auseinander – der dreifach höheren Spikevax®-Dosis zum Trotz. Die Studienlage legt somit nahe, dass die Effekte der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna eben nicht dosisäquivalent sind. Der 100-µg-Booster mit Spikevax® könnte womöglich wirksamer und der 50-µg-Moderna-Booster weniger wirksam sein, verglichen mit 30 µg Comirnaty®. Nicht vergessen werden darf aber, dass die Konzentration neutralisierender Antikörper nur ein Surrogatparameter ist, der die tatsächliche Immunitätslage des Einzelnen nicht hinreichend beschreibt.

Festzustehen scheint nur: Die beste Vakzine für Impfung oder Booster ist der mRNA-Impfstoff, der gerade zur Ver­fügung steht. „Man sollte einfach das nehmen, was da ist“, formuliert es der Charité-Infektiologe Prof. Dr. Leif Erik Sander [5]. Dieses Wissen könnte auch die Diskussion um die Kontingentierung von Biontech-Impfstoffen entspannen. |

Literatur

[1] Beschluss der STIKO zur 13. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung, 18. November 2021, Epidemiologisches Bulletin 2021;46:10-19

[2] Gemeinsam für mehr Impfschutz im Herbst und Winter. Brief von Jens Spahn und Dr. Andreas Gassen an die Vertragsärzte der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, 16. November 2021, www.kbv.de/html/1150_55439.php

[3] Beschluss der STIKO zur 12. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung, 18. Oktober 2021, Epidemiologisches Bulletin 2021;43:16-17

[4] Atmar LR, Lyke KE, Deming ME et al. Heterologous SARS-CoV-2 Booster Vaccinations – Preliminary Report. medRxiv vom 15. Oktober 2021, www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.10.10.21264827v2.full-text, Abruf am 22. November 2021

[5] Streit um Booster mit Biontech oder Moderna: Die wichtigsten Fragen und Antworten. Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND), Stand: 21. November 2021, www.rnd.de/politik/booster-impfung-mit-biontech-oder-moderna-sorgt-fuer-streit-alle-fragen-und-antworten-5RARN42QQBJV3J5KXQC4TWVTYI.html

Autor

Ralf Schlenger ist Apotheker und arbeitet als freier Autor und Medizinjournalist in München.

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