Pandemie Spezial

Fluvoxamin bei früher COVID-19-Erkrankung

Antidepressivum reduziert Krankenhausaufenthalte

Hochrisiko-Patienten können in einem frühen Krankheitsstadium von der Einnahme des Antidepressivums Fluvoxamin profitieren. Einer Phase-III-Studie zufolge verringert Fluvoxamin die Notwendigkeit einer Hospitalisierung.

Da SARS-CoV-2-Impfungen weltweit noch immer nicht flächendeckend verfügbar sind, geht die Suche nach wirksamen und kostengünstigen therapeutischen Möglichkeiten weiter. So werden im Rahmen eines Repurposing ­bereits bekannte Wirkstoffe auf ihre Eignung hin untersucht, den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung zu lindern. Ein möglicher Kandidat hierfür ist der selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitor (SSRI) Fluvoxamin, der neben seiner antidepressiven Wirkung auch antiinflammatorische und möglicherweise antivirale Eigenschaften aufweist. So konnte bereits in einer kleineren placebokontrollierten Studie der Benefit einer Fluvoxamin-Einnahme bei 152 Patienten mit be­stätigter SARS-CoV-2-Infektion und milden Symptomen gezeigt werden. Keiner der mit Fluvoxamin behandelten Patienten entwickelte Atemnot oder musste hospitalisiert werden, was bei 8,3% der Probanden der Placebo-Gruppe der Fall war. Dieser viel­versprechende Ansatz wurde in der TOGETHER-Studie (s. Kasten „Die TOGETHER-Studie“) weiterverfolgt.

Die TOGETHER-Studie

Die TOGETHER-Studie ist eine Studien-Plattform in Brasilien, die seit Juni 2020 an elf Zentren verschiedene Wirkstoffe bei ambulanten Hochrisiko-Patienten untersucht. Derzeit werden bei 3323 randomisierten Patienten Hydroxychloroquin, pegyliertes Interferon lamda, Lopinavir-Ritonavir, Ivermectin, Doxazosin, Metformin oder Fluvoxamin auf eine mögliche Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2-Erkrankungen getestet. Die Kohorte umfasst Patienten, die seit weniger als einer Woche Symptome einer COVID-19-Erkrankung aufweisen und bei denen aufgrund von Vorerkrankungen oder Risikofaktoren die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs besteht.

Ergebnisse für Fluvoxamin-­Regime

Für diesen placebokontrollierten Therapiearm wurden 1497 erwachsene Hochrisiko-Patienten (Symptome und Vorliegen von mindestens einem Risikofaktor) mit bestätigter SARS-CoV-2-­Infektion ausgewählt. 741 Probanden erhielten zweimal täglich 100 mg Fluvoxamin über eine Dauer von insgesamt zehn Tagen, 756 Probanden erhielten ein Placebo. Beide Gruppen wurden anschließend noch 28 Tage beobachtet. Der primäre Studienendpunkt war eine Kombination aus dem Besuch einer Notfallaufnahme mit einem Beobachtungszeitraum von mindestens sechs Stunden oder einer Hospitalisierung. In der Fluvoxamin-Gruppe war die Zahl von Krankenhauseinweisungen und längeren Behandlungen in Notfallambulanzen aufgrund einer SARS-CoV-2-Infektion etwas reduziert im Vergleich zur Placebo-Gruppe. So traf der primäre Studienendpunkt auf 11% der Fluvox­amin-Gruppe und auf 16% der Placebo-Gruppe zu. Das entspricht einer Verringerung des Risikos längerer Klinikaufenthalte um 32% (relatives Risiko 0,68; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,52 bis 0,88). Die Number needed to treat (NNT) betrug 20. Was die Mortalität (ein sekundärer Endpunkt) anbelangt, so lag diese in der Intention-to-treat-Analyse im Fluvox­amin-Arm bei 2% vs. 3% in der Placebo-Gruppe. Bezog man in die Analyse nur Patienten ein, die mindestens 80% der Tabletten eingenommen hatten (Per-Protocol-Analyse), so betrug die Mortalitätsrate in der Fluvoxamin-Gruppe < 1% versus 2% in der Placebo-Gruppe.

Kommentar: sicher, effektiv und kostengünstig

Ein Kommentator der Studie sieht in der Fluvoxamin-Gabe eine sichere, effektive und preisgünstige Therapieoption bei COVID-19-Erkrankungen, weist aber auch auf Schwächen der Studie und noch zu klärende Fragen hin. Der Endpunkt „Beobachtungsdauer auf einer Notfalleinrichtung“ erscheint ihm zu wenig präzise. Des Weiteren müssten Hospitalisierungs- und Mortalitätsraten auch in primären Endpunkten ermittelt werden. Ferner sei zu klären, ob sich der günstige Effekt von Fluvoxamin auch bei bereits geimpften Erkrankten und bei Patienten ohne Risikofaktoren bemerkbar mache. |

Literatur

Reis G et al. Effect of early treatment with fluvoxamine on risk of emergency care and hospitalisation among patients with COVID-19: the TOGETHER randomised, platform clinical trial. Lancet Glob Health 27. Oktober 2021:2214-109X(21)00448-4, doi: 10.1016/S2214-109X(21)00448-4, Epub ahead of print, PMID: 34717820; PMCID: PMC8550952

Berwanger O. Fluvoxamine for outpatients with COVID-19: where do we stand? Lancet Glob Health 27. Oktober 2021, https://doi.org/10.1016/S2214-109X(21)00501-5

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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