Aus der Hochschule

Erfahrungsschatz heben mit INDICA

Forschungsprojekt zu Cannabis als Medizin an der Hochschule Merseburg

cb | An der Hochschule Merseburg (University of Applied Sciences) existiert seit 2018 ein Fundus an Patientenberichten zu selbstinitiierten Behandlungen mit Cannabis. Betreut werden die Daten von der Soziologin Prof. Dr. phil. habil. Gundula Barsch vom Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur der Hochschule. Mithilfe von Fragebögen soll diese Fallberichtssammlung jetzt zu einer IT-gestützten For­schungs­datenbank zu Cannabis als Medizin weiterentwickelt werden.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Datensammlung sind Anwendungs­beobachtungen unter COVID-19-Patienten, die Cannabis zur Linderung ihrer Krankheitssymptome angewendet hatten. „Diese Anwendungsbeobachtungen ergaben durchaus klare Belege für positive Alltagserfahrungen bei der Bewältigung von physischen, psychischen und sozialen Krankheitsfolgen bei positivem Test oder einer COVID-19-Erkrankung“, erläuterte Barsch in einem Vortrag auf dem virtuellen 2. Medicinal Cannabis Congress am 4. Juni 2021.

Forschungsdatenbank zu Cannabis als Medizin

Neben den Erfahrungsberichten von COVID-19-Patienten enthält der Fundus zahlreiche weitere Berichte zu Erfahrungen mit Cannabis bei verschiedenen Erkrankungen. Sie wurden von Studierenden der Hochschule zusammengetragen und sollen die Basis für die Forschungsdatenbank INDICA bilden, die derzeit unter Leitung von Prof. Dr. Gundula Barsch aufgebaut wird. Das Akronym steht für INterDIsziplinäre Forschungs­datenbank zu CAnnabis als Medizin. Ziel dieses interdisziplinär ausgerichteten Projektes ist es unter anderem, das große Erfahrungswissen, das Anwender von Cannabis zu medizi­nischen Zwecken gesammelt haben, anderen Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten und weiteren Professionen zugänglich zu machen.

„Wir wollen Berührungsängste abbauen“

Wir sprachen mit Felicitas Geidel über die Erfahrungen einer Apothekerin beim Aufbau der Forschungsdatenbank zu Cannabis in der Medizin. Apothekerin Felicitas Geidel, MPH, ist seit einem Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt INDICA.

Foto: Fabian Brümmer

Felicitas Geidel

DAZ: Welche Aufgaben haben Sie im Projekt INDICA?

Geidel: Eine Datenbank lebt ja davon, dass sie mit Informationen gefüttert wird. Uns ging es zunächst darum, die Erhebungsinstrumente zu erarbeiten. In enger Zusammenarbeit mit der Cannabis-Hilfe Berlin wurden zwei Fragebögen konzipiert, einen für die Patientenseite und einen für Behandlerseite. Aus den Erfahrungen der COVID-19-Studie und den bisherigen Rückmeldungen zu den Frage­bögen können wir erkennen, dass seitens der Patientinnen und Patienten größeres Interesse besteht am Austausch, am Teilen der Erfahrungen, die sie mit Cannabis als Medizin gemacht haben. Dagegen war es viel schwieriger, Kooperationen mit den Ärztinnen und Ärzten aufzubauen. Ein Grund war sicherlich auch die Pandemie. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass der Aufbau von Forschungs­kooperationen mit der Ärzteschaft nicht einfach ist. Da muss wirklich ein großes Interesse vorhanden sein. Aktuell suchen wir noch nach Behandlerinnen und Behandlern, die an einer Mitarbeit interessiert sind. Außerdem versuchen wir, die Fragebögen durch das erhaltene Feedback kontinuierlich weiterzuentwickeln. Die Fragebögen sind bereits auf unserer Homepage veröffentlicht und für alle Interessierten frei zugänglich (s. Kasten „Info zu INDICA“).

Ausführliche Informationen zu INDICA

Ziel des INDICA-Projektes ist der Aufbau einer interdisziplinären Forschungsdatenbank für Cannabis als Medizin. So soll die Forschung zur Evidenz verschiedener Cannabis-Produkte bei verschiedenen Krankheitsbildern gefördert, und zuverlässige Informationen zum therapeutischen Potenzial von Cannabis sollen bereitgestellt werden.

Geben Sie den Webcode G5CK5 direkt in die Suchfunktion auf DAZ.online unter www.deutsche-apotheker-zeitung.de ein und Sie gelangen zum Fragebogen. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter https://indica.cannabis-hilfe.berlin/ oder bei Prof. Dr. phil. habil. Gundula Barsch, Telefon: (03461) 46 22 54, E-Mail: gundula.barsch@hs-merseburg.de

DAZ: Welche Punkte werden in den Fragebögen zum Beispiel abgefragt?

Geidel: In der nicht interventionellen Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zum neuen Gesetz „Cannabis als Medizin“, das im März 2017 in Kraft getreten ist, werden vor allem harte Kriterien abgefragt. Man fokussiert dort auf Indikationen wie Schmerzen, Spastiken oder Übelkeit bzw. Erbrechen. Es wird außerdem erfasst, ob die Behandlung wirksam war und ob es Therapieabbrüche gab. Unserer Meinung nach gibt es aber noch mehr interessante Daten außer fehlender Wirkung und Therapie­abbruch. Wir denken, dass es auch sehr interessant ist, ob die Patientinnen und Patienten gegen ihre Beschwerden Cannabisblüten als Tee zubereitet oder inhaliert haben, welche Varietäten eingesetzt wurden und vieles mehr. Solche Details soll man in unserer Datenbank finden können, deshalb fragen wir sie ab. Es geht nicht um eine evidenz­basierte, sondern um eine erfahrungsgeleitete Medizin.

DAZ: Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei Ihrer Arbeit konfrontiert?

Geidel: Es ist ein großes Bestreben unseres Projektes, Berührungsängste mit Cannabis als Medizin abzubauen. Und genau da liegen die Herausforderungen. Denn die Anwendung von Cannabis als Medizin ist noch mit Stigmatisierungen behaftet. Für viele Ärzte ist das eine neue Therapierichtung – und es wird noch Zeit brauchen, bis die Berührungsängste verschwunden sind. Hinzu kommt, dass unsere Fragebögen in der jetzigen Form noch sehr umfangreich sind. Wir wünschen uns deshalb Feedback, auf welche Punkte wir eventuell verzichten können.

Ganz wichtig ist uns, dass nicht der Eindruck erweckt wird, dass andere Arzneimittel oder Therapien verdrängt werden sollen. Cannabis ist keine „Wunderdroge“, sondern soll als Komedikation eingesetzt werden, zum Beispiel um die Lebensqualität zu verbessern.

Wir wünschen uns auch, dass die Aufmerksamkeit nicht nur auf Tetrahydrocannabidiol (THC) und Cannabidiol (CBD) fokussiert wird: Cannabis ist ein komplexes Mittel, und uns in­teressieren deshalb auch besonders die Effekte der anderen Inhaltsstoffe, vor allem der Terpene. Dafür wurde ja der Begriff Entourage-Effekt (entourage – franz. Gefolge, Umgebung) geprägt.

DAZ: Welche Aufgaben stehen in nächster Zeit an?

Geidel: Ganz vorn auf der To-do-Liste stehen natürlich die Bekanntmachung des Projektes und das kontinuierliche Sammeln von Daten mit unseren Fragebögen. Dafür investieren wir derzeit verstärkt Arbeit in die Vernetzung. Auch wollen wir mit unserem Projekt internationaler werden und bemühen uns um Kooperationen mit Fachleuten aus anderen Ländern. Geplant ist auch, die Fragebögen in weiteren Sprachen wie Englisch und Holländisch anzubieten.

DAZ: Frau Geidel, vielen Dank für das Gespräch! |

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