DAZ aktuell

COVID-19-Impfung muss in die Apotheke

Forderung von Prof. Dr. Thomas Lehr auf dem Westfälisch-lippischen Apothekertag

cm/ral | „Lassen Sie sich gegen COVID-19 impfen“ – dazu hat die Bundesregierung aktuell noch einmal dringend alle Erwachsenen und Jugendlichen aufgerufen, die die Impfung noch nicht erhalten haben. Dass die Impfung wichtig ist, unterstreicht auch Professor Thorsten Lehr von der Universität des Saarlands. Um der stockenden Impfkampagne neuen Schwung zu verleihen, forderte er vor Kurzem beim Westfälisch-lippischen Apothekertag (WLAT), endlich auch in Apotheken Impfungen gegen COVID-19 anzubieten.

„Jetzt, wenn die Tage kürzer werden, verdichtet sich die Situation“, betonte der von der „Bild“-Zeitung einst als der „Kurven-Prof“ betitelte Lehr beim WLAT in Münster (siehe auch Bericht ab S. 58 in dieser DAZ). Seinen Modellen zufolge droht ab Oktober ein Reproduktionswert (R-Wert) größer eins, wenn Deutschland jetzt nicht den Impf-Turbo anwirft. Zur Erinnerung: Der R-Wert gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Steigt der Wert über eins, resultiert ein exponentielles Wachstum der Infiziertenzahlen.

Aktuell „laufen wir wieder in die gleiche Situation wie im Herbst 2020“, warnte Lehr. Schlimmer noch: Bezüglich der Infiziertenzahlen startet Deutschland bei einem höheren Ausgangswert als im vergangenen Jahr, gleichzeitig steigen die Zahlen ebenso schnell wie damals – und das sogar schon rund sechs Wochen früher als noch 2020.

Foto: AKWL/Leßmann

Professor Thorsten Lehr sieht in COVID-19-Impfungen in der Apotheke einen Gewinn für die Impfkampagne.

Niedrigschwellige Angebote machen

Es gelte nun alle Register zu ziehen, um noch deutlich mehr Menschen als bisher zu motivieren, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Das dürfte ein Kraftakt werden, so Lehr. Der Schlüssel, um noch mehr Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, liegt aus seiner Sicht auch in der Niedrigschwelligkeit von Impfangeboten. Daher begrüßt der Experte Impfaktionen, wie sie für diese Woche geplant sind – reichen wird das seiner Einschätzung nach jedoch nicht.

Lehr forderte daher, es endlich auch den Apotheken zu ermöglichen, gegen COVID-19 zu impfen. Aus den lau­fenden Modellprojekten zur Grippeschutzimpfung wisse man, dass mit einem solchen Angebot auch Teile der Bevölkerung erreicht werden, denen es schlicht zu aufwendig ist, sich zu diesem Zweck extra einen Arzt­termin zu besorgen. Zwar glaubt der Pharmazeut nicht daran, dass es kurzfristig möglich sein wird, die COVID-19-Impfung flächendeckend in den Apotheken anzubieten. Für diesen Herbst müssen folglich andere Wege gefunden werden. „Perspek­tivisch sollten wir es aber unbedingt aufnehmen.“ Denn die Menschen brächten den Mitarbeitenden in den Offizinen großes Vertrauen entgegen – das könnte ein Gewinn für die Impfkampagne sein.

STIKO soll sich zu Impfungen von Kindern positionieren

Zudem rief Lehr die Ständige Impfkommission (STIKO) dazu auf, sich schnell zu Impfungen von Kindern im Alter zwischen fünf und elf Jahren zu positionieren. „Diese Gruppe ist derzeit völlig ungeschützt“, gab er zu bedenken. Die Situation käme einer „gezielten Durchseuchung“ nahe. Das Argument, Kinder erkrankten meist weniger schwer an COVID-19 als Erwachsene, ließ Lehr nicht gelten – denn auch sie könnten zum Beispiel Long-COVID entwickeln und mittel- bis langfristig körperlich beeinträchtigt sein. Zugleich unterstrich er, es sei nicht angezeigt, Druck auf die Kinder aufzubauen. „Das Problem sind vor allem junge Erwachsene“, sagte er. Inzwischen lägen auf den Intensivstationen immer mehr junge, sportliche Menschen, die beatmet werden müssten – eine weitgehend vermeidbare Situation. Da nun Seniorinnen und Senioren weit­gehend durchgeimpft seien, beträfen die schweren Verläufe vor allem ungeimpfte Jüngere. Diese hätten bei Krankenhauseinweisung zwar bessere Überlebenschancen, allerdings verlängere sich im Vergleich zu Älteren die durchschnittliche Liegezeit. „An Weihnachten 2020 fanden sich viele Über-80-Jährige auf den Intensivstationen, mittler­weile ist diese Altersgruppe dort kaum noch vertreten.“ Dennoch gibt es nicht mehr freie Betten als noch vor einem Jahr: Aktuell sind rund 1200 von ihnen belegt. „Das war letztes Jahr erst im Oktober der Fall“, erinnerte Lehr.

Modelle zeigen, wie die Delta-Variante die Situation verschärft

Auch das Auftreten der Delta-Variante verschärfe die Situation. Mit einem R-Wert von sechs sei sie etwa doppelt so ansteckend wie die Alpha-Variante, die noch bis in den Juni hinein das Infektionsgeschehen in Deutschland dominiert hatte. Inzwischen ist sie von der Delta-Variante weitgehend verdrängt worden. Zudem steige das Risiko, ins Krankenhaus zu müssen, bei einer Infektion mit der Delta-Variante des Virus um fast 50 Prozent im Vergleich zum Wildtyp. Das wirkt sich auch auf die Modelle aus, mit denen Lehr und sein Team den Verlauf der Pandemie in Deutschland vorherzusagen versuchen.

Mit solchen Modellen lassen sich nicht nur Verläufe prognostizieren, sondern auch rückblickend die Auswirkungen bestimmter Interventionen analysieren. So können zum Beispiel signifikante Änderungen des R-Werts im zeitlichen Verlauf der Pandemie detektiert werden. Bis dato stellten Lehr und Kollegen insgesamt 32 solcher Sprünge fest. Besonders bemerkbar machten sich dabei die umfangreichen Lockerungen im Juni 2021: Sie ließen die Inzidenzzahlen um 154 Prozent steigen. Bei einem Lockdown hingegen sinken die Zahlen dem Forscher zufolge um etwa 45 bis 48 Prozent, wobei die Veränderungen stets leicht vom Zeitpunkt der Intervention oder Lockerung abweichen.

Dennoch: Modelle haben nur begrenzte Aussagekraft

Doch auch das beste Modell hat seine Unsicherheiten: Nicht darstellbar ist laut Lehr zum Beispiel, wie sich Äußerungen von Politikern auf das Infektionsgeschehen auswirken. Ankündigungen von Lockerungen etwa oder Warnungen bei steigender Zahl der Todesfälle wirkten sich psycho­logisch auf die Menschen aus. Das führe in vielen Fällen zu Verhaltensänderungen, was sich letztlich anhand der Infektionszahlen bemerkbar mache.

Unklar sei zudem noch immer, welchen Einfluss Schulschließungen hätten. Zwar sei ein großer Effekt zu beobachten, „das heißt aber nicht, dass die Infektionen tatsächlich in den Schulen stattfinden“, betonte Lehr. Denn damit einher gehe zum Beispiel eine reduzierte Nutzung des ÖPNV. Auch dass viele Eltern in diesem Zuge auf Homeoffice umstellten, könne sich auf die Inzidenzen auswirken. Klar ist aber: Als im Jahr 2020 die Schulferien endeten, sei ein massiver Anstieg der Infektionen unter den 5- bis 14-Jährigen zu beobachten gewesen. |

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