Arzneimittel und Therapie

Eingeschränkte Verkehrstüchtigkeit

Problematisch sind vor allem Benzodiazepine und hoch potente Opioide

Schläfrigkeit, verzögerte Reflexe und ein beeinträchtigtes Spurhaltevermögen sind nur drei Effekte, die von Arzneimitteln hervorgerufen werden können und so die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen. Welche Wirkstoffe häufig mit Autounfällen assoziiert sind, und ob die Unfälle auf den Fahrer oder auf die Arzneimittel zurückzu­führen waren, wurde in einer ­kanadischen Fall-Kontroll-Studie genauer untersucht.

Die Kohorte bestand aus rund 380.000 Autofahrern, die für einen Verkehrsunfall verantwortlich waren, und einer Kontrollgruppe mit rund 332.000 Fahrern, die ohne Selbstverschulden an einem Autounfall beteiligt waren. Für die gesamte Kohorte war sowohl die zum Zeitpunkt des Unfalls bestehende als auch die zurückliegende Medikamenteneinnahme bekannt.

Foto: vschlichting/AdobeStock

Laut Bußgeldkatalog wird etwa jeder vierte Unfall direkt oder indirekt durch die Einnahme von Arzneimitteln verursacht.

70 Wirkstoffgruppen im Test

Mithilfe einer logistischen Regressionsanalyse wurden für 70 Wirkstoffgruppen folgende Assoziationen untersucht:

  • Die Wahrscheinlichkeit, unter Einnahme bestimmter Arzneimittel schuldhaft einen Unfall zu verursachen im Vergleich zu keiner Medikamenteneinnahme (primärer Endpunkt).
  • Die Frage, ob die Schuld an dem Autounfall auf das Arzneimittel oder auf den Fahrer zurückzuführen war (sekundärer Endpunkt). Hierzu wurde das Unfallrisiko von Fahrern, die zum Unfallzeitpunkt Arzneimittel eingenommen hatten, mit dem Risiko von Fahrern verglichen, die das gleiche Arzneimittel zu einem früheren Zeitpunkt (aber nicht zum Unfallzeitpunkt) angewendet hatten.
  • Die Frage, ob die Fahrer im Hinblick auf das Fahrvermögen eine Toleranz auf ihre Arzneimittel entwickelten (sekundärer Endpunkt). Um dies zu klären, wurde das Unfallrisiko innerhalb der ersten 30 Tage einer ­Medikamenteneinnahme mit dem Risiko zu einem späteren Zeitpunkt verglichen.

Erhöhtes Unfallrisiko

Ein erhöhtes Unfallrisiko bestand vor allem unter der Einnahme von sedierenden Antipsychotika (adjustiertes Odds Ratio [aOR]: 1,35), langwirk­samen Benzodiazepinen (aOR: 1,30), kurzwirksamen Benzodiazepinen (aOR: 1,25) und hoch potenten Opio­iden (aOR: 1,24). Des Weiteren kam es bei Fahrern, die Cholinergika (aOR: 1,83), Anticholinergika zur Therapie einer Parkinson-Erkrankung (aOR: 1,45), dopaminerge Wirkstoffe (aOR: 1,20) und Antikonvulsiva (aOR: 1,20) einnahmen, zu einem erhöhten Unfallrisiko. Dieses erhöhte Risiko könnte aber auch auf die zugrunde liegende Erkrankung und nicht per se auf die Arzneimitteleinnahme zurückzuführen sein. Die gegenwärtige Einnahme von Medikamenten führte zu einem höheren Unfallrisiko als eine bereits abgeschlossene. Das heißt, das erhöhte Unfallrisiko war auf die Arzneimittel (Benzodiazepine, nicht sedierende Antidepressiva, hoch potente Opioide oder Antikonvulsiva) und nicht auf die Fahrer zurückzuführen. Besonders unfallgefährdet sind Fahrer, die Benzodiazepine oder potente Opioide einnehmen – auch bei längerer Einnahme nimmt dieses Risiko nicht ab. Mit einer Ausnahme (Antihypertensiva) zeigte sich zudem, dass es keinen Unterschied macht, ob die getesteten Wirkstoffe erst seit Kurzem oder bereits seit längerer Zeit eingenommen wurden. Das bedeutet, es fand keine Toleranzentwicklung statt. |

Literatur

Brubacher J et al. Medications and risk of motor vehicle collision responsibility in British Columbia, Canada: a population-based case-control study. Published:April 19, 2021. DOI:https://doi.org/10.1016/S2468-2667(21)00027-X

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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