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Die Rolle der Pharmazie in der Klimakrise

VdPP-Fachtagung: Wie Apotheken ihre ­Schlüsselstellung nutzen könnten

mp | „Die Klimakrise wird alle Bereiche betreffen, auch die Pharmazie.“ Mit diesen Worten eröffnete Udo Puteanus, Vorstandsmitglied des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP), am 19. Juni 2021 die Fachtagung „Klimakrise konkret: Umwelt, Gesundheit, Pharmazie“. Die globale Temperatur steigt, und die Katastrophe abzuwenden, scheint die größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit zu sein. Die Bedeutung der öffentlichen Apotheken ist groß genug, um eine entscheidende Rolle zu spielen.

Diejenigen der 50 teilnehmenden Apotheker, die ihre Videokameras angeschaltet haben, wischen sich regelmäßig den Schweiß von der Stirn. Trotz der Hitzewelle, die über Deutschland rollt, wollen sie die Evidenzlage zur globalen Erderwärmung vertiefen. Vor allem aber wollen sie gemeinsam Ansätze für den eigenen Berufsstand entwickeln.

Weil die Klimakrise gesundheitsschädigend ist, betrifft sie die Arbeit von Pharmazeutinnen und Pharmazeuten. Neben den Hitzewellen fordert die Luftverschmutzung jährlich den vorzeitigen Tod Zehntausender Bundesbürger. Allergene Pflanzen breiten sich aus und blühen länger. Exotische, vektorbasierte Erkrankungen dringen in unsere Breiten. Der Zugang zu Lebensgrundlagen gerade im globalen Süden wird immer schwerer. Neben der resultierenden Mangelernährung zeichnen sich Konflikte und Kriege ab.

Per Berufsordnung ist die „Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit“ Aufgabe von Ärzten. In der Berufsordnung von Apothekern spielt dieser Aspekt bislang keine Rolle. Hier sieht der Sozialpharmazeut Udo Puteanus Verbesserungsbedarf. „Öffentliche Apotheken erreichen viele Menschen und sind bestens vernetzt in ihren Quartieren.“ Sie seien ideal dafür geeignet, Gedanken zum Schutz vor der Klimakrise aus der Bevölkerung aufzugreifen und an die Bevölkerung wieder zurückzugeben.

Noventi zeichnet Berliner ­Apotheken aus

Wie dieser Austausch konkret aussehen kann, zeigte die Berliner Apothekerin Claudia Reimers bei der Fachtagung. Die Angestellte der Mediosapotheke engagierte sich als Umweltkoordinatorin und integrierte Umweltschutz systematisch in das Qualitätsmanagement-System der Apotheken. Seit Februar 2021 zeichnet das Dienstleistungsunternehmen Noventi alle vier Filialen als „Klimaneutrale Apotheken“ aus. Noventi verspricht, nach Zertifizierung den übrigen CO2-Ausstoß der angemeldeten Apotheken, der üblicherweise zwischen fünf und acht Tonnen liegt, über ein Klimaprojekt in Indien zu kompensieren. Apotheken, die mitmachen möchten, müssen keine Noventi-Kunden sein.

Um in das Programm aufgenommen zu werden, müssen Apotheken eine Reihe von Angaben zu den Betrieben liefern. Dafür wählte jede Filiale der Mediosapotheken in Berlin eine oder einen Klimabeauftragten, die regelmäßig tagten. Sie errechneten den Strom- und Heizkostenverbrauch, den Bürobedarf und durchleuchteten die Prozesse des Fuhrparks. Sie reduzierten die täglichen Lieferungen des Großhandels, über das Warenwirtschaftssystem schickten sie die Bestellung als eine gesammelte Liste erst kurz vor der Abfrage ab. So kommen keine Arzneimittel mehr an, die in Einzelkisten geliefert werden. Sie stellten auf Fahrradkuriere um, wechselten zu einem umweltfreundlichen Stromanbieter, prüften, wo die Apotheke den Strom- und Papierverbrauch minimieren kann.

Auch die Offizin bekam ein neues Gesicht: Kunden bekommen seit der Zertifizierung zwar keine Giveaways und Plastiktüten mehr, dafür eine ausführlichere Beratung zur Arzneimittelentsorgung, zu umweltfreundlichen Produkten wie recycelbaren Pflastern und Zahnbürsten. Neue Kosmetika rotieren nicht mehr durch die Freiwahl. Über die Belastung durch Mikroplastik, die von vielen Produkten ausgeht, gibt der Einkaufsratgeber des Bundes für Umwelt und Naturschutz Auskunft.

Wie der Austausch mit Kunden und Bewerbern gelingt

Reimers bekennt: Es macht viel Arbeit, eine Apotheke konsequent umweltfreundlich auszurichten. Ohne Unterstützung des Vorgesetzten wäre dies nicht möglich gewesen. Doch die ­Arbeit zahlt sich aus: Viele Bewerber wollen explizit in den Mediosapotheken arbeiten, die als „klimaneutrale Apotheken“ aus der Masse heraus­stechen.

Nach wie vor stellt der Produktverkauf eine tragende Säule für die Apothekenfinanzierung dar. In der Diskussionsrunde nach Reimers Vortrag sprach VdPP-Vorstand Puteanus dieses Dilemma an: Konsequent klimafreundlich handeln heißt, den Produktverkauf zu reduzieren. Dies kann für Apotheken unwirtschaftlich sein. Daher betonte er, wie wichtig die pharmazeutischen Dienstleistungen sind. Sie beginnen zu zeigen, wie Apotheken abseits der Arzneimittelpackung finanziert werden können.

Im Zuge vergüteter Dienstleistungen könnte allmählich die Produktwerbung im Schaufenster zurückgefahren werden. Das Schaufenster habe eine wichtige Wirkung nach außen, so Puteanus. Apotheker könnten es als Kommunikationsinstrument besser nutzen und den Kunden erklären, aus welchen Gründen sie weniger bewerben. |

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